Brückengeschichte

Kleine Brückengeschichte

Wer sie sieht, ist begeistert, wer sie überschreitet, überzeugt: Schon wenige Wochen nach ihrer Eröffnung (am 23. April 2004) ist die Rheinbrücke für Fußgänger und Radfahrer, welche den deutschen und den französischen Teil des Gartens der zwei Ufer verbindet, ein Wahrzeichen für Kehl und vielleicht sogar für Straßburg. Natürlich keine Konkurrenz zum altehrwürdigen Straßburger Münster, aber doch unbestritten ein architektonisches Kunstwerk. Filigran und elegant schwingen sich gleich zwei Stege über den Rhein, die sich in der Mitte des Flusses in einer hundert Quadratmeter großen Plattform treffen. Wer dort oben den Blick auf die Vogesen auf der einen und den Schwarzwald auf der anderen Seite genießt oder die Sonne glutrot hinter dem Münsterturm versinken sieht, der vergisst alle Querelen und Auseinandersetzungen, welche die Brücke begleitet und ihr eine zweifelhafte landesweite Berühmtheit eingetragen haben, lange bevor ihr Bau überhaupt begonnen war.
Weil deutsche Natur- und elsässische Vogelschützer fürchteten, dass sich durchziehende Enten in den 72 Schrägseilen verfangen und zu Tode stürzen könnten, zogen sie vors Freiburger Verwaltungsgericht und klagten gegen den Planfeststellungsbeschluss des Regierungspräsidiums. Der Verwaltungsgerichtshof Mannheim machte indes in zweiter Instanz den Weg für den sofortigen Baubeginn frei.
Nur noch knapp 14 Monate blieben, um das Bauwerk zu realisieren. Der Pariser Architekt Marc Mimram hatte der Baufirma eine hochkomplizierte Aufgabe gestellt: Statisch wie handwerklich bewegte sich die Umsetzung seiner Pläne an der Grenze des Machbaren - die Städte Straßburg und Kehl erwartete nach der Ausschreibung der Bauarbeiten eine Kostensteigerung um fast 50 Prozent. Dennoch hielten sowohl der Straßburger als auch der Kehler Gemeinderat an der Brücke fest - und handelten sich damit die harsche Kritik des Landes-Rechnungshofes ein; der Stuttgarter Landtag befasste sich mit der Brücke; in Kehl selber machte eine Bürgerinitiative Front gegen das Bauwerk.
Während der Bauzeit summierten sich erneute Kostensteigerungen auf weitere rund vier Millionen Euro und trieben die Gesamtkosten auf 21,6 Millionen Euro und damit in eine Höhe, angesichts derer die beiden Städte das Projekt kurzfristig am liebsten im Rhein versenkt hätten. Doch dafür war es natürlich längst zu spät. Glücklicherweise, sagen sie sich heute, denn Gegner und Kritiker sind allesamt verstummt, wenn nicht gar zu Brückenfans geworden.

Hindernisse vor dem Brückenschlag

Nach dem Planfeststellungsverfahren für die neue Rheinbrücke, das Ende Januar 2002 eröffnet wurde, arbeitete das Regierungspräsidium in Freiburg am Planfeststellungsbeschluss, der mit dem von der Stadt Kehl beantragten Sofortvollzug im Juli schließlich erlassen worden war. Parallel dazu schrieb die Stadt Kehl die Bauarbeiten für die Brücke aus. Mit einem erschreckenden Ergebnis: Selbst die günstigsten Angebote lagen um rund 50 Prozent über der Kostenberechnung des Architekten - das bedeutete Mehrkosten in Höhe von 5,5 Millionen Euro. Die Gründe dafür waren in der Verschiebung der Brücke an den neuen Standort zu finden, in den Auflagen zum Schutze der Vögel und im aufwändige Konstruktionsverfahren für die Doppelbrücke.
Die Schwierigkeiten, das künftige horizontale Wahrzeichen des Gartens zu realisieren, wuchsen weiter. Am 27. August 2002 reichte der Naturschutzbund (Nabu) beim Verwaltungsgericht Freiburg Klage gegen die geplante Brücke ein, verbunden mit einem Eilantrag auf Aufhebung des Sofortvollzugs. Der Grund: Vögel könnten sich im Netz der gespannten Seile verfangen. Das Gericht urteilte im Sinne des Nabus, woraufhin das Regierungspräsidium und die Stadt Kehl beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim Beschwerde einreichten. Das Schicksal der Brücke hing nun von der Gerichtsentscheidung ab. Die erlösende Nachricht kam am 29. November um 12.45 Uhr: Der Verwaltungsgerichtshof stellte den Sofortvollzug des Planfeststellungsbeschlusses wieder her und schrieb in sein Urteil hinein, dass er die Planfeststellung für rechtmäßig halte. Damit konnte die neue Fuß- und Radwegebrücke gebaut werden.
Bei Eiseskälte und Sonnenschein war es am 1. Februar 2003 am Dammdurchbruch Großherzog-Friedrich-Straße dann so weit: Mit einer symbolischen Rheinüberquerung, mit Wasserspielen und den ersten Rammstößen feierten 600 Bürgerinnen und Bürger aus Kehl und Straßburg den Baubeginn der Passerelle des Deux Rives.
Für alle am Bau Beteiligten bedeutete das fortan ein erhöhtes Arbeitstempo und zahlreiche Überstunden, da die Zeit drängte. Immerhin sollte in einem Jahr und knapp drei Monaten ein Brückentyp errichtet werden, der noch nie zuvor gebaut worden war. Der Bauverlauf verlief planmäßig, doch bei der Kostenentwicklung gab es eine erneute Hiobsbotschaft. Im August 2003 erklärte die Stadt Kehl als Bauherrin, dass weitere 4,2 Millionen Euro Mehrkosten zu erwarten seien. Das Bauunternehmen müsse wegen der Standortverschiebung und der damit verbundenen Vergrößerung der Spannweite drei Mal so viel Stahl verwenden, wie in der Ausschreibung vorgesehen. Um zu klären, wer die Kostensteigerung zu verantworten hat, schaltete die Straßburger Stadtgemeinschaft die SETRA ein, eine Fachbehörde beim Pariser Verkehrsministerium.

 

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