22 neue Stolpersteine im Beisein jüdischer Gäste verlegt

22 neue Stolpersteine hat Künstler Gunter Demnig am Donnerstag in der Kehler Innenstadt zum Gedenken ehemaliger jüdischer Mitbürger verlegt - und genauso viele jüdische Gäste waren für diese Zeremonie nach Kehl gereist. Schülerinnen und Schüler des Einstein-Gymnasiums legten an den frisch verlegten Stolpersteinen Rosen nieder.

Stolperstein-Verlegung

"Sie, die Sie heute da sitzen, sind lebendige Stolpersteine für mich und die Stadt Kehl - denn mit Ihnen sprechen wir über das, was gewesen ist. Sie konfrontieren uns mit der Geschichte und Sie machen uns Mut", sagte Pfarrer Braunstein als er die jüdischen Gäste in der Hermann-Dietrich-Straße 10 begrüßte. Dort wurden im Beisein vieler Kehlerinnen und Kehler die ersten zwei Stolpersteine, für Paul und Sophie Wertheimer, verlegt. "Kehl hat sich verändert, Deutschland hat sich verändert, und das wollen wir hiermit auch zeigen", schloss sich Oberbürgermeister Günther Petry an. "Wir möchten zeigen, dass wir begriffen haben, was damals gewesen ist, und dass Sie heute als Freie unter Freien in Kehl willkommen sind", sagte er. Viele der Gäste hätten sich mehrfach bei ihm für die Einladung nach Kehl bedankt, aber das wolle er umdrehen: "Danke, dass Sie gekommen sind! Es ist eine Ehre, dass Sie hier sind."

Stolpersteine

Die nächsten acht Stolpersteine wurden in der Hauptstraße 13, die während der Nazi-Zeit Adolf-Hitler-Straße hieß, für die Familie Schwarzkachel ins Pflaster gelassen. Bei jeder Verlegung lasen die jeweiligen Stolperstein-Paten die Biographien der Menschen vor, derer mit den Stolpersteinen gedacht wird. Schülerinnen und Schüler des Einstein-Gymnasiums, das als "Schule ohne Rassismus" ausgezeichnet ist, legten rote Rosen nieder.

Vier Gedenksteine an die Familie Weil verlegte Gunter Demnig im Bereich des Fußgängerüberwegs im Mittelstreifen der B28, vier weitere Steine erinnern jetzt am Ortenauplatz an die Familie Bodenheimer.
Schließlich wurden drei Stolpersteine für die Familie Kaufmann in der Großherzog-Friedrich-Straße Nummer 7 eingebracht.

Jüdische Gäste mit dem Arbeitskreis 27. Januar

Nach der Stolperstein-Verlegung trafen sich die Gäste mit Kehlerinnen und Kehlern im Gemeindesaal der St.-Nepomuk-Kirche zum Zeitzeugengespräch. Hella Sehava Ben-Seev verlas dort einen Text, den ihr Bruder Nathan Kaufmann verfasst hat: "Die Stolpersteine haben das Ziel, die Erinnerungen an die Opfer des Nationalsozialismus aufrechtzuerhalten", schrieb er. "Aber sie sind auch ein Zeichen der Gegenwart: Sie zeigen die Anwesenheit der ehmaligen jüdischen Mitbürger, sie zeigen: Sie sind hier, unter uns." Nur, wenn man sich bewusst mache, dass hinter jedem der vielen Opfer ein tragisches Einzelschicksal steht, könne man das Ausmaß der Katastrophe des Nazi-Regimes begreifen. Nathan Kaufmann, der mit seiner Schwester in Kehl aufgewachsen war, hatte aus gesundheitlichen Gründen nicht nach Kehl kommen können.

Abschied im Rathaus

Acht der jüdischen Gäste kamen am Freitagmittag noch einmal ins Rathaus, wo Oberbürgermeister Günther Petry, die Stadträte Fritz Vogt, Wolfgang Maelger und Claus-Dieter Seufert sowie Mitglieder des Arbeitskreises 27. Januar sie gemeinsam verabschiedeten. "Ich komme jedes Mal mit einer Beklemmung hierher, weil meine Mutter die Stadt Kehl verdammt hat, mit allem, was hier passiert ist", sagte der 88-jährige Claus Rosenthal, dessen Eltern ermordet worden waren. "Aber ich sehe, dass die Stadt Kehl sich verändert hat und dass sich die Menschen in großer Anzahl verändert haben. Ich kann den Menschen in Kehl persönlich mit sehr viel Sympathie begegnen. Und wenn meine Mutter noch leben würde - ich bin mir sicher, sie würde auch sagen, dass die Menschen nicht mehr so sind wie damals. Wir hoffen, dass so etwas nie, nie, nie, nie mehr passieren wird."
„Ich bin voller guter Eindrücke und nehme gute Andenken mit nach Amerika zurück. Ich bin froh, dass ich gekommen bin“, sagte die 92-jährige Renée Rothschild-Bodenheimer, die ihre Kindheit in Kehl verbracht hatte, zum Abschied. Auch Marion Gentile und Lilian Reitmann, Töchter von Fredy Rosenberg, die in Argentinien leben, betonten, sie seien froh, nach Kehl gekommen zu sein. Es tue gut, zu sehen, dass sich etwas verändert habe.
Die anderen 16 Gäste, die unter anderem von Australien, Israel, Frankreich und England aus nach Kehl gereist waren, hatten ihre Rückreise schon am Donnerstagabend antreten müssen.

14.09.2012

 

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