Kriegspropaganda, Patriotismus und Grauen an der Front: Im Hanauer Museum entsteht eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg

Ein Teil des Hanauer Museums gleicht derzeit einem Schlachtfeld – und das ist volle Absicht: Für die Ausstellung „Auf Leben und Tod – Kehl und der Erste Weltkrieg“, die im Juni eröffnet wird, hat Künstlerin Ilse Teipelke im Auftrag der Stadt Schützengräben, Granattrichter und einen Stacheldrahtverhau nachgebaut. Kurator Volker Ilgen und Museumsleiterin Ute Scherb arbeiten derweil daran, für die anderen Ausstellungsstücke – darunter viele Leihgaben aus Kehl und Straßburg – geeignete Präsentationsflächen zu schaffen. Um den Platz bestmöglich auszunutzen, haben sie sich einiges einfallen lassen.

Wer die zweisprachige Ausstellung ab dem 26. Juni besucht, wird das Hanauer Museum durch einen Eisenbahnwaggon betreten. „Er steht für die Drehscheibenfunktion, die Kehl im Ersten Weltkrieg hatte“, erklärt Volker Ilgen, der die gesamte Ausstellung in Absprache mit Ute Scherb konzipiert hat. Denn über die Rheinbrücke wurden Truppen an die Westfront transportiert, die Lazarettzüge kamen andersherum über Kehl wieder zurück ins Land. Während des gesamten Krieges war die Stadt deshalb auch Aufenthalts- und Einquartierungsort für viele Einheiten. Gleichzeitig ist der Waggon ein „ausstellerischer Kniff“, wie Ute Scherb es nennt: Durch ihn sind die beiden Ausstellungsräume, von denen einer die „Front“ und der andere die „Heimat“ zeigt, direkt miteinander verbunden.

Schlachtfeld im Raum "Front"

Einen großen Teil der „Front“ nimmt die Installation von Ilse Teipelke ein. Das schlammige, von eingeschlagenen Granaten gezeichnete Schlachtfeld stellt sie vorwiegend mit Styropor, Stoff, Holz und Stacheldraht dar. Zwei umwickelte Säulen ragen daraus empor, Bäume, die völlig abgesplittert sind. „Verbrannte Stumpen, die nach einem Granatfeuer übrig geblieben sind“, nennt es die Künstlerin. Als Inspiration habe sie sich Originalbilder von der Kriegsfront angesehen – „sehr ungern, aber es musste sein“, sagt Ilse Teipelke. Nur so habe sie ihr Schlachtfeld atmosphärisch gestalten können. Der Besucher läuft auf Bohlen durch den Raum – Bretter, wie sie beim Bau der Schützengräben verwendet wurden. Die Idee dazu hatte Ausstellungskurator Volker Ilgen. Glücklicherweise lagerte der städtische Betriebshof noch Holzbohlen ein, die bei der Landesgartenschau vor zehn Jahren zum Einsatz gekommen waren, und überließ sie dem Museum.
Auch bei einem anderen Problem waren die Mitarbeiter des Betriebshofs Ute Scherb und Volker Ilgen eine große Hilfe: Die vielen Fenster im Museum lassen normalerweise reichlich Sonne herein – die Objekte könnten dadurch zu Schaden kommen. Außerdem nehmen die Fenster viel Platz an den Wänden weg, der dringend als Ausstellungsfläche benötigt wird. Zugestellt werden können sie allerdings nicht, weil sonst keine Lüftung mehr möglich wäre. Also kreierte der Betriebshof für das Museum spezielle Fensterläden, auf denen wiederum Originalbilder des Weltkriegs montiert sind – mit Motiven aus Verdun und anderen Fronten in Frankreich. „Sie sorgen für eine atmosphärische Dichte im Raum“, freut sich Volker Ilgen, und Ute Scherb stimmt ihm zu: „eine geniale Lösung, die wir auch für zukünftige Ausstellungen verwenden können“.
Ebenfalls erwartet den Besucher an der „Front“ eine Hörstation, an der Auszüge aus den Büchern „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque und „Krieg“ von Ludwig Renn zu hören sind – wahlweise auf Deutsch oder Französisch. Daneben sind mehrere Gegenstände zu sehen, wie ein von Granatsplittern durchsiebter Stahlhelm und sogenannte Schützengrabenkunst, also Objekte, welche die Soldaten im Schützengraben aus Kriegsgegenständen wie Granathülsen gestalteten und dann nach Hause schickten. Eine derart umgearbeitete Granathülse hat ein Straßburger dem Museum zur Verfügung gestellt, viele weitere private Leihgaben kommen aus der Kehler Kernstadt und den Ortsteilen, manche auch von weiter weg. Außerdem bereichern das Generallandesarchiv Karlsruhe und das Stadtarchiv Freiburg, das Wehrgeschichtliche Museum in Rastatt und das Landesmuseum in Karlsruhe die Schau mit ausgeliehenen Ausstellungsstücken.

Werbeplakat im Ausstellungsraum "Heimat"

Im Raum „Heimat“ sind sieben verschiedene Module vorgesehen, wobei die reguläre Ausstellungsfläche durch Stellwände, Vitrinen, Schubladen und eine nachgebaute Litfaßsäule vergrößert wird. Auch in diesem Raum kommen die Fensterläden des Betriebshofs zum Einsatz: Eines der Fenster ist beispielsweise mit einem großen Werbeplakat für Leibniz-Kekse bedeckt – darauf sind Soldaten mit ihren Gewehren zu sehen, aus denen Blumenblüten sprießen. Die Wände hat Volker Ilgen mit einem ausgewählten Grün-Grau-Ton anstreichen lassen, dem für den Ersten Weltkrieg typischen „Feldgrau“. Bilder und Objekte belegen die permanente und aggressive Propaganda, die den Alltag der Menschen prägte. Thematisiert werden außerdem die großen Spendenaktionen, wozu auch das Einschmelzen von Kirchenglocken zählte, der Mangel, den die Bevölkerung erlebte, und der Patriotismus, symbolisiert durch Gegenstände wie Weltkriegsporzellan und Soldatenfiguren. Ein Original-Tagebuch aus privater Hand ist ausgestellt, per Computer-Bildschirm kann der Besucher darin blättern und den Text auf Deutsch und Französisch nachlesen. Die „Heimat“ wird abgeschlossen mit der Darstellung des Einmarsches der Franzosen in Kehl. Den Zusammenbruch des Kaiserreichs stellt der umgestürzte Greif dar, der seit 1871 die Rheinbrücke schmückte und am Ende des Weltkriegs von den Franzosen abmontiert wurde. Die Originalskulptur, die rund 300 Kilogramm wiegt, zeigt das Museum auf einem Gestell, das der Ausbildungsbetrieb der Badischen Stahlwerke (BAG) extra für den Greif angefertigt hat.
Die Ausstellung „Auf Leben und Tod – Kehl und der Erste Weltkrieg“ im Hanauer Museum wird ab dem 26. Juni jeweils donnerstags, freitags und sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet sein. Sie kann bis zum 11. Januar 2015 besucht werden. Führungen für Schulklassen und andere Gruppen werden nach Vereinbarung angeboten.

20.05.2014

 

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