Erschreckendes Ergebnis bei Testkäufen: Jugendliche kommen leicht an Alkohol und Zigaretten

In Kehl ist es für Jugendliche erschreckend einfach, an Alkohol und Zigaretten zu kommen. Das ist das Ergebnis einer ersten Runde von Testkäufen in Kehler Lebensmittelmärkten, an Tankstellen und in Tabakwarengeschäften, die vom Beratungsteam Kommunale Kriminalprävention organisiert worden war. Obwohl die Aktion angekündigt war, erhielten die 16 und 17 Jahre alten Testkäuferinnen und Testkäufer in 60 bis 70 Prozent der Fälle hochprozentigen Alkohol. In anderen Städten, in denen ebenfalls Testkäufe stattgefunden hatten, lag diese Quote mit etwa 45 Prozent deutlich niedriger.

Gerhard Fehrenbach, bei der Kehler Polizei zuständig für Prävention, Volker Schlenker, Leiter des Bereichs Ordnungswesen bei der Stadt Kehl und Jannate Hammerstein, Präventionsbeauftragte beim Roten Kreuz, machen aus ihrer Bestürzung keinen Hehl: „Unsere Befürchtungen wurden weit übertroffen“, sind sie sich nach einer ersten Runde mit 19 Testkäufen einig. In sieben von neun Fällen konnten Jugendliche an den Kassen von Kehler Lebensmittelmärkten hochprozentigen Alkohol bezahlen und mitnehmen. Das entspricht einer Beanstandungsquote von 77,7 Prozent. Eingekauft wurde in Lebensmittelmärkten in der Kernstadt, aber auch in Goldscheuer, Kork, Auenheim und Bodersweier. Bei fünf Einkaufsversuchen an Tankstellen kamen die Jugendlichen zweimal mit Alkohol zurück; in fünf Tabakwarengeschäften erhielten zwei der jugendlichen Testkäufer mehrere Päckchen Zigaretten.
Die zwölf Jugendlichen – Mitglieder des Jugend-Rot-Kreuzes oder des Rückenwind-Teams –, die sich als Testkäufer freiwillig zur Verfügung gestellt hatten, waren alle 16 oder 17 Jahre alt, mit Jeans und T-Shirt bekleidet, weder gestylt noch geschminkt. Und sie sahen alle eher jünger aus als sie sind. Nachdem ihre Eltern die Einwilligung erteilt hatten, wurden die jungen Testkäufer geschult und auf Situationen vorbereitet, in die sie geraten könnten. So sind die Testkäufer verpflichtet, die Wahrheit zu sagen: Werden sie an der Kasse gefragt, wie alt sie sind, müssen sie wahrheitsgemäß einräumen, dass sie nicht volljährig sind. Werden sie gefragt, ob sie den Alkohol für den Vater kaufen, müssen sie antworten, dass er für sie selber bestimmt sei. In keinem Fall sollen das Kassen- oder Verkaufspersonal getäuscht werden, versichern Gerhard Fehrenbach und Volker Schlenker. Grundsätzlich wurden die Jugendlichen auch nur dort zum Einkaufen geschickt, wo sie sonst nie einkaufen und niemanden vom Verkaufspersonal kennen. Die erworbenen Alkoholika lieferten sie sofort bei ihren erwachsenen Begleitern ab, die diese dann ins Geschäft zurückbrachten. Die Jugendlichen hatten nach dem Einkauf keinen Kontakt mehr zum Verkaufspersonal.
Auf Nachfrage bei den Marktleitern habe sich gezeigt, dass das Kassenpersonal in Sachen Jugendschutzgesetz sehr wohl geschult werde. Volker Schlenker berichtet sogar von Unternehmen, wo die Kassierer oder Kassiererinnen täglich unterschreiben müssen, dass sie keinen Alkohol an Jugendliche verkaufen. „Die wollen alle sauber sein“, konstatiert Volker Schlenker, einen Druck auf die Angestellten, Alkohol des Umsatzes wegen auch an Jugendliche zu verkaufen, konnte er bei der Testkauf-Aktion nicht erkennen. In einigen Geschäften hingen noch die Plakate zum Jugendschutz, die das Beratungsteam Kommunale Kriminalprävention 2009 verteilt hatte. An einer Tankstelle klebte sogar der Zeitungsbericht über die Ankündigung der Testkäufe an der Eingangstür und im Kassenbereich – hochprozentiger Alkohol wurde an den jugendlichen Einkäufer trotzdem ausgehändigt.
Die Testkäufe sind bewusst nicht zu den Zeiten erfolgt, zu denen der Andrang in den Märkten und Geschäften am größten ist. Lange Schlangen an Kassen wurden grundsätzlich gemieden, die Jugendlichen stellten sich da an, wo nur zwei oder drei Kunden vor ihnen waren, berichtet Jannate Hammerstein. In vier Lebensmittelmärkten sind die Jugendlichen tatsächlich nach ihren Ausweisen gefragt worden, haben aber zur Verblüffung der erwachsenen Begleitpersonen dennoch Alkohol erhalten. Und dies obwohl in den Kassensystemen beim Scannen hochprozentiger Alkoholika ein Piepton als Warnung erklingt und ein Datum erscheint, das anzeigt, wann der Kunde spätestens geboren sein muss, um volljährig zu sein. Eigentlich sei die Ausweiskontrolle damit recht einfach, finden die Mitglieder des Beratungsteams Kriminalprävention. Für manche Kassiererinnen und Kassierer sei das Zücken des Ausweises jedoch offenbar bereits ein Zeichen, dass der Kunde volljährig sei, vermuten sie.
Wenn die erwachsenen Begleiter der jugendlichen Testkäufer nach dem Kauf das Kassenpersonal zur Rede gestellt haben, bekamen sie meist Ausreden zu hören, wie: „Normalerweise achte ich darauf, aber heute…“ Oder: „Die Mutter war dabei“, obwohl der Jugendliche definitiv alleine an der Kasse gestanden hatte.
In der ersten Runde der Testkäufe wurde das Verkaufspersonal, das Alkohol an Jugendliche abgegeben hatte, mündlich verwarnt. In der demnächst anstehenden zweiten Runde werden Bußgelder verhängt. Wer hochprozentigen Alkohol an Jugendliche verkauft, muss mit einem Bußgeldbescheid über 2000 Euro rechnen.
Einen der Jugendlichen hatten die Mitglieder des Beratungsteams Kommunale Kriminalprävention gebeten, eine Spielhalle zu betreten. Er konnte sich darin einige Minuten unbehelligt aufhalten, ohne an einem Gerät zu spielen. Das Aufsichtspersonal erinnerte sich hinterher nicht, einen 16- oder 17-Jährigen gesehen zu haben.

07.08.2015

 

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