„Augen offen halten und reagieren“

Die Zahlenkombination 88 auf dem Nummernschild, der Markenname Consdaple auf dem T-Shirt oder ein Wolf-Tattoo auf dem Oberarm: Die Symbole für eine rechte Gesinnung sind nicht immer eindeutig als solche erkennbar. Welche Codes die Mitglieder der rechten Szene verwenden und wie man reagieren kann, wenn jemand rechtes Gedankengut zur Schau stellt, darum ging es in einem Seminar, zu dem die Kommunale Kriminalprävention in die Villa RiWa eingeladen hatte.

Sie tragen schwarze Kapuzenpullis, dunkle Sonnenbrillen und haben ein schwarzes Tuch bis über die Nase gezogen: Mitglieder eines linksautonomen Schwarzen Blocks oder doch rechtsradikale Demonstranten? Die Unterschiede zwischen Anhängern der links- und der rechtsextremen Szene sind immer schwieriger zu erkennen, berichtete Binja Frick, Jugendkoordinatorin der Stadtverwaltung Kehl, bei dem Seminar. Sie war zusammen mit einem Vertreter des Beratungsnetzwerks „kompetent vor Ort. für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ als Referentin eingeladen worden.
Glatze, Bomberjacke, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln – Anfang der 90er-Jahre eindeutige Kennzeichen für die Zugehörigkeit zur rechtsradikalen Skinhead-Szene – seien heute keine sicheren Hinweise mehr, erklärten die beiden den 15 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Seminars, zu denen unter anderem Vertreterinnen und Vertreter der Polizei, der Schulsozialarbeit, der Offenen Jugendarbeit und der Gemeinwesenarbeit zählten.

Der Springerstiefel – schon lange kein eindeutiges Zeichen mehr für die Zugehörigkeit zur Neonazi-Szene.zoom

Die rechte Bewegung versuche, andere Subkulturen zu unterwandern, sei es die Gothic-, die Punk- oder die erst kürzlich entstandene Hipster-Szene. Sie greife die Dresscodes, Symbole und Floskeln von linksgerichteten oder neutralen Gruppierungen auf und mache sie sich zu eigen. Ein Beispiel: Die Abkürzung ACAB („All Cops are Bastards“) stammt aus der Punkbewegung, mittlerweile wird sie aber auch von Rechtsgesinnten verwendet, manchmal in der Abwandlung AJAB („All Jews are Bastards“). Umgekehrt seien von den Nationalsozialisten verwendete Symbole auch in anderen Subkulturen wiederzufinden, wie etwa die in der Gothic-Szene beliebte „Schwarze Sonne“, ein kreisrundes Symbol, in dem man beim genaueren Hinsehen viele aneinandergereihte SS-Runen oder verdrehte Hakenkreuze erkennen kann.
Weil rechte Codes und Menschen mit rechtsradikaler Gesinnung nicht mehr eindeutig als solche erkennbar sind, müssten vor allem Jugendliche gezielt für die Thematik sensibilisiert werden, betonte Binja Frick. Dabei gehe es nicht nur um die deutsche Neonazi-Szene, sondern auch um rechtsextreme Migrantengruppen wie die türkischen „Grauen Wölfe“, deren Erkennungszeichen ein Wolf-Tattoo oder drei Mondsicheln sind sowie eine Handgeste, die identisch mit dem in der Grundschule verwendeten Schweigefuchs ist. „Die nationalistischen Strömungen vermischen sich immer mehr. Anhänger der AfD nehmen zum Beispiel Kontakt zu den Mitgliedern der Grauen Wölfe auf“, berichtete die Jugendkoordinatorin.

Welches Motiv wird von Rechtsradikalen verwendet – und welches nicht? Diese Frage mussten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars beantworten.zoom

Vor allem in den sozialen Medien lauere die Gefahr, auf rechte Gruppierungen hereinzufallen, die sich nach außen hin zunächst als tolerant und neutral präsentieren. So zum Beispiel die Identitäre Bewegung: Der in Frankreich gegründeten Jugendbewegung geht es nach eigener Aussage um Heimatliebe, Tradition und die „Bewahrung der ethno-kulturellen Identitäten Europas“ – im Grunde sei sie jedoch „stark antiislamisch“ und befürworte einen Führerstaat, erklärte Binja Frick. Die Gruppierung, die auch im Raum Karlsruhe vertreten ist, sei sehr gut vernetzt, vor allem an Universitäten.
Während die Hauptakteure der Identitären Bewegung nach außen hin tolerant auftreten, machten viele ihrer Anhänger im Internet keinen Hehl aus ihrer rechten Gesinnung. „Wenn man sich die Kommentare unter Beiträgen durchliest, dann erkennt man ganz schnell, wie die Leute wirklich ticken“, sagte die Referentin. Ein Stück weit sei die Äußerung von rechtem Gedankengut in den sozialen Medien sogar salonfähig geworden – das vergangene Woche im Bundestag beschlossene Gesetz, das Facebook verpflichtet, Hetzkommentare innerhalb kurzer Zeit zu löschen, dürfte eine Reaktion darauf sein. Kommentare wie „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ seien auf der Plattform ebenso häufig zu finden wie offen formulierte Hetze gegen den Islam und gegen Ausländer, berichtete die Jugendkoordinatorin. Als Beispiel aus dem lokalen Kontext nannte sie die Facebook-Diskussion über das Verbot von Burkinis in Kehler Bädern.

Kevin Ewert, Mitarbeiter der Offenen Jugendarbeit in Kork und Leutesheim, erklärt ein rechtes Motiv.zoom

Aber was kann man tun, wenn ein Kollege, ein Bekannter oder sogar ein enger Freund rechte Inhalte teilt oder rechte Kommentare postet? „Das Gespräch suchen ist die beste Möglichkeit“, waren Binja Frick und ihr Mitreferent sich einig, „entweder persönlich oder, im Fall eines Kollegen, über den Vorgesetzten“. Viele Argumente, wie „Flüchtlinge nehmen uns unsere Jobs weg“ oder „Seit die Flüchtlinge da sind, ist die Kriminalitätsrate gestiegen“, könnten leicht widerlegt beziehungsweise relativiert werden.
Wer sich nicht wohlfühle bei dem Gedanken, das Gespräch zu suchen, der habe auch andere Möglichkeiten: Rechte Inhalte können über eine E-Mail-Adresse, die im Facebook-Impressum zu finden ist, gemeldet werden. Außerdem kann man Anzeige bei der Polizei erstatten.
Vor allen Dingen sei es wichtig, rechtsextreme Inhalte nicht zu ignorieren, betonte Binja Frick – besonders vor dem Hintergrund, dass die Zahl rechtsmotivierter Straftaten und Aufmärsche gestiegen sei. „Die Umsetzung von Ideen ist radikaler geworden“, sagte sie, „deshalb müssen wir die Augen offen halten für rechtes Gedankengut – und entsprechend reagieren“.
Wer sich über Rechtsextremismus informieren möchte, kann dies auf den folgenden Internetseiten tun: www.demokratiezentrum-bw.de, www.bnr.de,
www.amadeu-antonio-stiftung.de, www.netzwerk-courage.de, www.osz-gegen-rechts.de.

Hintergrund: Kommunale Kriminalprävention (KKP)
Die KKP setzt sich aus Vertretern der Stadtverwaltungen und der sozialen Dienste des Landkreises, Polizisten, Jugendrichtern, Bewährungshelfern, Sozialarbeitern, Schulleitern und Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes und des Weißen Rings zusammen. Gemeinsam rufen die rund 35 Mitglieder Projekte ins Leben, die dazu beitragen, dass Straftaten möglichst im Vorfeld verhindert werden.

04.07.2017

 

Flüchtlingshilfe Kehl

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