Zweisprachigkeit und Gesundheit Hauptthemen beim grenzüberschreitenden Bürgerdialog

Wie stellen sich Bürgerinnen und Bürger im Ballungsraum Straßburg-Kehl ihr Zusammenleben vor? Was läuft gut und wo gibt es Verbesserungsbedarf, was fehlt ganz? Mit diesen Fragen haben sich rund 80 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus Straßburg und Kehl auf Einladung der baden-württembergischen Staatsrätin Gisela Erler in der Kehler Stadthalle beschäftigt. Hauptthemen waren – wie schon bei anderen Bürgerdialogen – die Zweisprachigkeit, der freie Zugang zum Gesundheitswesen sowie Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten im jeweils anderen Land. Die Teilnehmer hatten aber auch sehr konkrete Vorstellungen: So schlug ein französischer Bürger vor, einen grenzüberschreitenden Bürgerverein zu gründen und fand für seine Idee sogleich Unterstützung.

Der Bürgerdialog des Landes in Kehl war der dritte seiner Art – zwei davon hatten bereits in Breisach und in Baden-Baden stattgefunden. Das Staatsministerium möchte die Aussagen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei der Erarbeitung einer Frankreich-Strategie als Basis nutzen. Die Auswahl der Teilnehmer erfolgte per Zufallsgenerator aus dem Einwohnermelderegister. Die Dialog-Veranstaltung in Kehl unterschied sich von den beiden anderen vor allem dadurch, dass fast ebenso viele französische wie deutsche Staatsbürger der Einladung von Gisela Erler, Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und den beiden Oberbürgermeistern Toni Vetrano und Roland Ries gefolgt waren.
Wollten wissen, woran es den Bürgerinnen und Bürgern im Ballungsraum Straßburg-Kehl fehlt und wie sich das Zusammenleben im Grenzraum gestaltet: Staatsrätin Gisela Erler, Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer und Oberbürgermeister Toni Vetrano hatten zum Bürgerdialog in die Stadthalle eingeladen.zoom

Am Ende der beiden Arbeitsphasen in fünf Kleingruppen berichteten die Teilnehmer am Mikrofon, was sie in den vier gemeinsam verbrachten Stunden am meisten bewegt hat:

  • Das Erlernen der Sprache des Nachbarn müsse in beiden Ländern aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. Es müsse jedoch nicht nur für Schüler, sondern für alle Altersgruppen die Möglichkeit geben, Französisch beziehungsweise Deutsch zu lernen.
  • Alle Jugendlichen im Grenzraum sollten dreisprachig sein (Deutsch, Französisch, Englisch).
  • Gerade weil die Systeme in Frankreich und Deutschland so unterschiedlich sind, sollte der Ballungsraum Straßburg-Kehl zu einem Experimentierraum für Europa werden.
  • Patienten sollten in Straßburg und der Ortenau freien Zugang zu ärztlichen Leistungen haben; Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen sollten in beiden Ländern arbeiten können. Die Kostenerstattung sollte unbürokratisch erfolgen.


Aus dieser Gruppe kam der Vorschlag, einen Verein Kehler und Straßburger Bürger zu gründen.zoom
  • Die deutschen Behindertenausweise sollten auch in öffentlichen Verkehrsmitteln in Frankreich anerkannt werden. Wenn man in anderen Bereichen in der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit die besten Lösungen beider Länder als Modell genutzt habe, sollte man dies in diesem Falle auch tun, so dass Menschen mit Behinderungen in beiden Ländern den öffentlichen Nahverkehr kostenfrei nutzen könnten.
  • Mit dem Baden-Württemberg-Ticket sollte man bis zum Straßburger Bahnhof fahren können; mit dem französischen Job-Ticket bis zum Kehler Bahnhof. Das würde Autoverkehr ersparen und die Umwelt schonen.
  • Um einen Verein Kehler und Straßburger Bürger zu gründen, soll schon bald eine Gründungsversammlung organisiert werden. Die Stadtverwaltungen von Kehl und Straßburg sollten hier Unterstützung leisten.
Anlässe zur Begegnung schaffen, damit auch Erwachsene die Sprache des Nachbarn lernen können, wünschte sich diese Gruppe.zoom
  • Kehl solle nicht nur eine Vorstadt von Straßburg sein, in der man günstig einkaufen oder an Geldspielgeräten spielen könne, sondern ein Schaufenster deutscher Kultur.
  • Wer im jeweils anderen Land eine Ausbildung machen oder arbeiten wolle, dem solle eine Servicestelle beim Verfassen der Bewerbung helfen; eine Kombination mit der Beratungsstelle für Grenzgänger, INFOBEST, wäre wünschenswert, um eine umfassende Beratung zu allen relevanten Fragen zu bekommen.


„Ich bin überrascht und erfreut über die rege Zusammenarbeit und das große Engagement der Straßburger“, sagte Regierungspräsidentin Bärbel Schäfer am Ende der Diskussionsrunden. Sie freue sich, dass sie vom Entwicklungsbeirat der Eurométropole, den Quartiersräten und dem Beirat für Migration erfahren habe, all diese Gremien könnten potentielle Kooperationspartner sein. Ein brisantes Thema sei die Gesundheit. „Gesundheit ist das Wichtigste, was wir haben“, es bringe den Menschen einen konkreten Vorteil, wenn sie einen niederschwelligen Zugang zu den Dienstleistungen auch im anderen Land bekommen könnten. Man arbeite an diesem Thema, aber vielleicht könne man ja bereits in kleinen Schritten Partner suchen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern.

Am Mikrophon trugen die Teilnehmer am Bürgerdialog ihre Anliegen und Themen vor.zoom

Es beflügle sie, „dass wir auf der Straßburger Seite Strukturen entdeckt haben, mit denen wir zusammenarbeiten können“, formulierte auch Gisela Erler in ihrem Schlusswort. Es sei eine große Chance, wenn man gemeinsam mit der Eurométropole Dinge ausprobieren könne – Projekte wie die Tram, die eine große Entwicklungsachse darstelle. Sprache und Sprachbarriere sind für die Staatsrätin das schwierigste Kapitel: „Wir sollten hier noch einmal neu denken.“ Man müsse auch elektronische Medien nutzen, vielleicht brauche man einen Sprachtag, wo sich die Menschen begegneten, man müsse aktiv daraufhin arbeiten, dass die Menschen mit einander sprächen, auch Erwachsene, die nicht mehr zur Schule ginge, gelte es zu erreichen. Weil die Region Straßburg-Kehl mit vielen Regionen in Europa konkurriere wünscht sich Gisela Erler, „Menschen, die wirklich Lust haben zu einem Aufbruch“, sonst könne dieser nicht gelingen.
Dass es an Dynamik im Ballungsraum Kehl-Straßburg nicht mangele, strich OB Toni Vetrano am Beispiel der Tram heraus: Seit sie fahre, kämen Straßburger erstmals nach Kehl, führen Kehler und Ortenauer erstmals nach Straßburg. Die rege Nutzung der Tram zeige, dass Straßburg und Kehl mit diesem Projekt auf das Mobilitätsbedürfnis der Bevölkerung im Grenzraum eine Antwort gegeben hätten. Grenzüberschreitende Zusammenarbeit sei immer dann erfolgreich, wenn sie den Bedarf der Menschen treffe und den grenzüberschreitenden Alltag erleichtere.
Straßburg und Kehl bildeten einen „grenzüberschreitenden Ballungsraum im Herzen Europas“, hatte der Straßburger Oberbürgermeister Roland Ries bei seinem Eingangsstatement gesagt: Er wünsche sich, dass dieser Ballungsraum, in dem durch die Tram, die deutsch-französische Kinderkrippe, den Garten der zwei Ufer und die Villa Europa ein grenzüberschreitendes Quartier entstehe, „zum Laboratorium für Europa“ werde.

23.09.2017

 

Flüchtlingshilfe Kehl

Daten und Fakten zum Thema Flüchtlinge in Kehl sowie Informationen für ehrenamtliche Helfer sind auf der Internetpräsenz www.fluechtlingshilfe.kehl.de zusammengestellt.

Familienbörse

Wer Familien von der anderen Rheinseite kennenlernen möchte, findet hier Kontakte.

Termine

 
 

Stadtverwaltung Kehl · Hauptstraße 85 · 77694 Kehl · Tel.: 07851 88-0 · Fax: 07851 88-1102 · info@stadt-kehl.de