Deutsch-französische Rettungsübung

Alle 138 Passagiere gerettet: Deutsche und französische Rettungskräfte zeigen bei Übung hohes Kooperationsniveau

Ein Kreuzfahrtschiff passiert gerade die Passerelle des deux Rives, als im Maschinenraum ein Brand ausbricht: Ein absolut realistisches Szenario für die großangelegte grenzübergreifende Übung der Rettungskräfte von beiden Rheinseiten – und großes Kino am Mittwoch (28. September) für Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Medien. Durch den Einsatz des deutsch-französischen Feuerlöschbootes Europa 1 und Rettungshubschraubern aus beiden Ländern können mit vereinten Kräften alle 138 Passagiere gerettet werden.

in der Mitte das Kreuzfahrtschiff, von links kommt die Europa 1, von rechts ein Schlauchboot der französischen Feuerwehr, oben nähert sich ein Hubschrauber
Die deutschen und französischen Rettungskräfte boten bei ihrer gemeinsamen Übung alles auf: Das deutsch-französische Feuerlöschboot Europa 1 war ebenso im Einsatz, wie die Rettungshubschrauber Dragon und Christoph.

Weiße Rauchwolken hüllen das Kreuzfahrtschiff auf dem Rhein ein – kurze Zeit später fahren am französischen Ufer die ersten Feuerwehr- und Rettungsfahrzeuge vor. Über die Offenburger Rettungsleitstelle werden kurz darauf die deutschen Rettungskräfte zur Unterstützung alarmiert – und der Kehler Teil des Gartens der zwei Ufer füllt sich mit Fahrzeugen der Feuerwehr, der Rettungsdienste aus Deutschland und Frankreich, es werden Zelte aufgebaut.

Weil auf dem Schiff auch zwei Menschen schwerverletzt werden, seilen sich Rettungskräfte vom Hubschrauber aus ab, lassen sich dann, jeweils mit einem Schwerkranken auf der Trage wieder hochziehen und bringen ihre Patienten sicher ins Innere des Helikopters. Während dessen pendelt die Europa 1 zwischen dem deutschen Ufer und dem havarierten Schiff hin und her und nimmt die leicht- und unverletzten Passagiere auf. 50 bis 60 Menschen kann das deutsch-französische Feuerlöschboot, das 2008 in Dienst gestellt wurde, im Ernstfall zusätzlich zur Besatzung an Bord nehmen, weiß der Kehler Feuerwehrkommandant Viktor Liehr. Zu Übungszwecken fährt die Europa 1 das Kreuzfahrtschiff aber häufiger an.

30 Angehörige der Feuerwehr Kehl sind bei der Übung im Einsatz, mit Fahrzeugen und mit dem Feuerwehrboot. Unterstützung kommt zudem von einem Boot der Feuerwehr Rheinau mit drei Feuerwehrleuten. Für die Feuerwehren aus Kehl und Straßburg ist die Zusammenarbeit bei der Übung kein Novum, sondern gelebter Alltag. Die Europa 1 wird wochentags von der Straßburger Berufsfeuerwehr bemannt, nachts und an Wochenenden fährt die Kehler Feuerwehr die Einsätze mit dem deutsch-französischen Löschboot. Bei Großbränden oder Wasserrettungsfällen rufen sich die Feuerwehren gegenseitig zu Hilfe. Dennoch: Auch nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit gibt es selbst auf der Europa 1 keine aus deutschen und französischen Feuerwehrleuten gemischte Mannschaft. Die Gründe liegen nur zu einem Teil in den verschiedenen Sprachen, mindestens genauso schwer wiegen die Unterschiede in der Einsatztaktik. Im Ernstfall aber muss jeder Handgriff sitzen, „muss jeder blind wissen, was zu tun ist“, sagt Viktor Liehr.

Feuerwehrkommandant Viktor Liehr gibt einer Journalistin des SWR-Fernsehens ein Interview; ihr Kollege hat die Kamera auf ihn gerichtet.
Der Kehler Feuerwehrkommandant Viktor Liehr wird vom SWR-Fernsehen interviewt.

Deshalb agieren auch bei der Übung die deutschen und französischen Einsatzgruppen nebeneinander oder nacheinander, immer im gewohnten Team nach den Tausende Male eingeübten Abläufen. Auch wenn die deutsch-französische Feuerwehreinsatzgruppe für den Kehler Feuerwehrkommandanten „ein Wunschgedanke bleibt“, die gemeinsame Übung ist für ihn „unheimlich wichtig“. Getestet werden nämlich auch die Kommunikationswege: Wie gehen die Meldungen über die Leitstellen durch, wie klappt die Sicherstellung der Kommunikation über die Verbindungsbeamten? Letztere gibt es bei beiden Feuerwehren, sie sprechen beide Sprachen und kennen beide Strukturen. In jedem gemeinsamen Einsatzfall wechseln sie auf die jeweils andere Rheinseite anders ausgedrückt: Die Verbindungsoffiziere kommen dann zum Einsatz, wenn deutsche Rettungskräfte auf französischem Territorium tätig werden oder französische auf deutschem.

Es üben nämlich nicht nur die Feuerwehren, sondern auch das deutsche und das französische Rote Kreuz sowie der deutsche und französische Rettungsdienst ihr Zusammenspiel. Und geübt wird auch die Versorgung und die Registrierung der Passagiere; im Ernstfall müssen die Rettungskräfte sicher sein können, dass alle Menschen vom Schiff geholt wurden. Im Falle der Übung handelt es sich bei den 138 Passagieren um 100 Studentinnen und Studenten aus Straßburg und die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9b des Kehler Einstein-Gymnasiums. Letztere sind sich, als sie am Kehler Ufer im Zelt des roten Kreuzes auf Bahren unter Wärmefolien liegen einig: „Ja, es hat Spaß gemacht.“

Ein Gradmesser für die Bedeutung der Übung war auch die Prominenz von beiden Rheinseiten, die sich auf der Plattform der Passerelle eingefunden hat: Die Straßburger Präfektin Josiane Chevalier beobachtet die Aktionen der Rettungskräfte – auch am französischen und deutschen Rheinufer – ebenso wie der Präsident der Europäischen Gebietskörperschaft Elsass (Collectivité Européenne d’Alsace), Frédéric Bierry, und der Kehler Oberbürgermeister Wolfram Britz. Seine Straßburger Amtskollegin ließ sich durch ihre Beigeordnete Nadia Zourgui-Saada vertreten. Auch Kreisbrandmeister Bernhard Frey und sein Vorgänger und jetziger Dezernent beim Landkreis, Reinhard Kirr, waren vor Ort sowie Contrôleur général René Cellier, der Direktor der Feuerwehren und Rettungsdienste des Unter-Elsass.

Am Ende ziehen alle Beteiligten ein – erstes – positives Fazit, das Oberbürgermeister Wolfram Britz in einem Satz zusammenfasste: „Der Rhein ist nur ein Fluss und keine Grenze.“

Erstellt am 28. September 2022