Finnische Lehrkräfte an der Grundschule Sundheim

Job Shadowing an der Grundschule Sundheim oder: Lehrer lernen weiter

Was können finnische Lehrerinnen und Lehrer in Kehl lernen? Mari Orell, Hanna Riikonen und Vesa Nieminen aus der finnischen Stadt Tampere haben eine Woche die Grundschule Sundheim besucht, um ihren deutschen Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen: Job Shadowing nennt sich das neu-deutsch.

Mit gebanntem Blick schauen die Kinder auf das Bild, dass der Projektor über die Tafel des Klassenraums projiziert. „Neuneinhalb Wochen dauern die Sommerferien in Finnland“, erzählt Vesa Nieminen auf Englisch, seine Kollegin Hanna Riikonen übersetzt seine Worte ins Deutsche und löst damit Geraune beim jungen Publikum aus. „Da will ich hin“, bricht es aus einem Jungen heraus. Am Ende ihrer Woche an der Grundschule Sundheim stellen die drei finnischen Lehrkräfte den Kindern ihr Heimatland vor.

Nach Kehl gekommen sind sie um sogenanntes Job Shadowing zu betreiben. Job Shadowing kann grob mit dem in Deutschland bekannten lateinischen Lehnwort Hospitation umschrieben werden. Dabei besuchen europäische Lehrerinnen und Lehrer andere Länder, um ihren Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Möglich ist das durch das Programm Erasmus+ der Europäischen Union, das verschiedene länderübergreifende Weiterbildungsmöglichkeiten fördert, darunter auch Job Shadowing.
In Kehl sind die finnischen Lehrkräfte eher zufällig gelandet. Vor der Pandemie war der ursprüngliche Plan der drei Finnen, die französische Hafenstadt Rouen zu besuchen. Dass sie der Zufall nach Kehl geführt hat, sehen sie positiv. „Durch die Nähe zu Frankreich konnten wir uns von beiden Schulsystemen ein Bild machen und die Unterschiede sehen“, berichtet Hanna Riikonen. Durch die französische Austauschlehrkraft Sabine Drouard sowie ihre Kollegin Meike Durel, die bereits einige Jahre in Frankreich unterrichtet hat, bekamen Hanna Riikonen, Vesa Nieminen und Mari Orell Einblicke in das französische Schulsystem.

Viel mitgenommen beim Job Shadowing an der Grundschule Sundheim haben (von links) Hanna Riikonen, Mari Orell und Vesa Nieminen. Ganz rechts: Die Leiterin der Grundschule Sundheim, Anja Weinacker.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer der Grundschule Sundheim profitieren von dem Besuch aus Finnland. Die Leiterin der Grundschule Sundheim, Anja Weinacker, berichtet, dass sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sich mit den Gästen ausführlich über Unterrichtsmethoden ausgetauscht haben und dass die drei zudem viele ihrer Materialen mitgebracht haben.

Ein Unterschied zwischen dem deutschen und dem finnischen Bildungssystem besteht in der Digitalisierung, die in Finnland deutlich weiter fortgeschritten ist, wie die drei Finnen festgestellt haben. Das habe aber auch Nachteile, glaubt Hanna Riikonen. Ihr sei aufgefallen, dass die Kinder in der Grundschule Sundheim besser zuhörten und nicht so leicht ablenkbar seien. Ihre Kollegin Mari Orell vermutet, dass dies daran liege, dass in Deutschland weniger Grundschülerinnen und -schüler Mobiltelefone besäßen als in Finnland.
Eine Erkenntnis, welche die drei aus ihrem Besuch in Kehl mitnehmen, hat aber nichts mit technischem Fortschritt zu tun: „Wie die Lehrer den Kindern begegnen, ist das Wichtigste und das gefällt mir hier sehr gut“, sagt Hanna Riikonen. Ihre beiden Kollegen nicken zustimmend. Die finnischen Lehrkräfte finden es bedauerlich, dass das Vertrauen der Eltern in das Lehrpersonal scheinbar nicht so groß sei wie in Finnland. Außerdem gebe es an finnischen Schulen mehr Personal: Viele Klassenlehrer werden von pädagogischen Assistenten bei ihrer Arbeit unterstützt und das, obwohl die Klassenverbände in der Regel deutlich kleiner seien.

Für den Herbst ist ein Gegenbesuch von Lehrkräften der Grundschule Sundheim in Finnland geplant, kündigt Anja Weinacker an. Allerdings geht es nicht nach Tampere, sondern in die Stadt Oulu im Norden des Landes. Anja Weinacker hofft, dass Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen ebenfalls Inspiration für ihre pädagogische Arbeit finden werden.