Wie geht es unserem Wald?

Forstliches Gutachten soll zeigen: Wie ist es im Wald um die Naturverjüngung bestellt?

Kann sich der Wald auf Kehler Gemarkung aus eigener Kraft verjüngen oder anders ausgedrückt: Haben aus natürlicher Besamung entstandene Jungbäumchen eine Chance, groß und stark zu werden? Diese Frage klärt ein forstliches Gutachten, das alle drei Jahre erstellt wird. Jetzt ist es wieder so weit, zum Jahresbeginn sollen die neuen Untersuchungsergebnisse vorliegen. Was dafür wie untersucht und erhoben wird, das haben Vertreterinnen und Vertreter der Forstverwaltung und der Stadt als Waldbesitzerin mit Jägerinnen und Jägern besprochen.

Und zwar vor Ort, an zwei von der Forstverwaltung im Korker Wald ausgewählten Standorten. „Suchen Sie, schauen Sie, wie viele unterschiedliche Blätter von Bäumen Sie finden“, fordert Förster Markus Gutmann die Gruppe auf. Sieben kommen zusammen: Stieleiche, Berg- und Spitzahorn, Rotbuche, Hainbuche, Esche und Roteiche. Schon sechs unterschiedliche Baumarten seien ein sehr gutes Ergebnis, erklärt Markus Gutmann, mit drei bis fünf Spezies sei man zufrieden, „damit kann man leben“. Haben die nachwachsenden Bäumchen dann noch eine Höhe erreicht, mit der ein Rasenmäher überfordert wäre, also mindestens 1,30 Meter, stehen die Chancen gut für den Wald der Zukunft.

Die Gruppe von hinten fotografiert, wie sie über einen Waldweg geht
Wie kann das Ziel, auf mindestens zwei Drittel der Flächen im Kehler Wald Naturverjüngung zu erhalten, erreicht werden? Forst, Stadt und Jäger sind darüber in einen Dialog eingetreten.

Am ersten Anschauungsort können Theresa Palm vom Forstbezirk Offenburg und Markus Gutmann das exemplarisch vorführen: Hinter ihnen ist der Bewuchs ziemlich dicht, auch die für den Wald auf Kehler Gemarkung bestens geeigneten und in jeder Hinsicht wertvollen Stieleichen wachsen hier mannshoch in die Höhe. Auf der Fläche vor ihnen, wo die Zuhörergruppe steht, ist der Bewuchs indes niedrig. Für das Rehwild eine ideale Kombination: Die halbhohen Bäumchen bieten Deckung, die weniger stark bewachsene Fläche schmackhafte Äsung. „Das Wild braucht sich hier fast nicht zu bewegen, um seinen Hunger zu stillen“, erklärt der Förster.

Gemeinsam werden auch die Verbissschäden durch Rehwild am Baumnachwuchs betrachtet, dabei besteht Einigkeit, dass „null Verbiss“ nicht erreicht werden kann. Bei bis zu 20 Prozent durch Rehwild abgeknabberten Bäumchen, stellt Theresa Palm klar, spreche man von einer geringen Intensität, die der natürlichen Verjüngung des Waldes nicht entgegensteht. Markus Gutmann wird deutlich: Für den Förster und die Stadt als Waldbesitzerin sind die Verbissquoten so lange nicht relevant, wie die vom Gemeinderat im Forsteinrichtungswerk für die nächsten zehn Jahre festgelegten Waldbauziele erreichbar sind. Und dazu gehört die natürliche Verjüngung des Waldes – mit menschlicher Unterstützung.

Konkret bedeutet dies, dass man den Wald nicht einfach sich selber überlässt. Dann nämlich, wird Markus Gutmann nicht müde zu verdeutlichen, würden genau die Baumarten dominant werden, die - wie der Bergahorn - im Wald in der Rheinebene langfristig keine Überlebenschance hätten. „Wir würden dann großflächige Ausfälle bekommen.“ Das wiederum würde Kahlschlag und eine teure und aufwendige Neupflanzung von Bäumen nach sich ziehen. Doch Jungbäumchen aus der Baumschule, die überdies mit Plastikhülsen vor dem Rehwild geschützt werden müssen, bilden flachere Wurzeln aus, halten daher Stürmen weniger Stand und kommen in trockenen Jahren schlecht oder gar nicht an Wasser in tieferen Bodenschichten. Junge Stieleichen, die durch natürlich Besamung nachwachsen, verfügen dank ihrer Pfahlwurzeln über einen sicheren Stand und versorgen sich notfalls mit Grundwasser. Auch das zeigt Markus Gutmann an Pflänzchen vor Ort.

Damit durch Naturverjüngung ein gesunder Mischwald aus mindestens fünf Baumarten entstehen kann, pflegen die Waldarbeiter gezielt nachwachsende Stieleichen, Hainbuchen und auch Eschen frei, damit diese ausreichend Platz und Licht für ihre Entwicklung finden. Nicht standortgerechte Bäumchen, wie zum Beispiel Bergahorn oder Haselnuss, werden dabei schon mal abgeknickt oder entnommen. In einem solchen Mischwald mit möglichst vielen Stieleichen, finden Tierarten wie Fledermaus und Schwarzspecht ihren Lebensraum. Man lasse auch mal ein Stück Eiche liegen, um dem Hirschkäfer ein Angebot zu machen, fügt Markus Gutmann hinzu.

Doch all das kann nur funktionieren, wenn der Wildbestand in einem vernünftigen Maß gehalten wird. Geschieht dies nicht, fressen Rehe zu viele der zarten Jungbäumchen ab. Flächen einzuzäunen, auf denen junge Stieleichen hochkommen, hilft angesichts der großen Zahl an Wildschweinen, die Zäune kurzerhand niederwalzen, nicht mehr. Infolge des Wald-, Wild-, Jagdmanagement-Gutachtens aus dem Jahr 2013 sei viel gejagt worden, berichtet Markus Gutmann, die Flächen, die er als beispielhaft zeigen kann, hätten sich bis 2018/2019 so entwickelt, „wie wir uns den Wald vorstellen“. Während der Corona-Pandemie sei wieder deutlich weniger gejagt worden, die Zahl an Rehen sei wieder stark angewachsen und mit ihnen der Verbiss von natürlich nachwachsenden Bäumchen.

die beiden Personen halten Erklärungstafeln hoch, hinter ihnen ein Waldstück, auf dem die Naturverjüngung beispielhaft funktioniert
Theresa Palm und Markus Gutmann zeigen auf Schautafeln, wie die Erhebungsbögen beim Forstlichen Gutachten aufgebaut sind. Hinter ihnen ist eine beispielhafte Waldfläche zu sehen, die sich auf natürliche Weise verjüngt.

Mit dem forstlichen Gutachten sollen die Waldflächen nun nicht stichprobenartig untersucht werden, Ziel sei es, „eine Gesamtaufnahme zu machen“, erläutert Theresa Palm. Die Pächterinnen und Pächter der sechs betroffenen Jagdreviere im Kehler Wald bekommen daher Pläne ihres Reviers ausgehändigt, auf denen sie selber eintragen sollen, wie hoch oder wie niedrig die Verbissschäden auf den von ihnen gehegten und bejagten Flächen sind. Denn: Nur wenn auf mindestens zwei Drittel der Waldflächen eine Naturverjüngung möglich ist, kann für die Zukunft ein gesunder Wald nachwachsen.

Nicht bei allen Jägern kommt dieses Verfahren gut an; manche glauben, das Ergebnis bereits zu kennen: Es gehe nur darum, die Abschussquoten wieder zu erhöhen, lautet die Kritik. Ihrer Ansicht nach könne ein gesunder, klimaresistenter Wald mit hoher Biodiversität auch mit anderen Mitteln erreicht werden: Sperrung des Waldes für die Bevölkerung von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang, Einrichtung von Wildruhezonen im Wald und Ausweisung von Äsungsflächen, lautet die Kritik. Theresa Palm und Markus Gutmann verweisen darauf, dass man sich die Flächen gerne gemeinsam mit den Jägern und auch mit der Waldbesitzerin, also der Stadt, anschauen werde.

„Wir gehen hier einen neuen Weg“, hatte Oberbürgermeister Wolfram Britz eingangs zur Begrüßung erklärt. Stadt und Jägerschaft nutzten den Wald gemeinsam, deshalb wolle man in einen Dialog treten. Das forstliche Gutachten, verdeutlicht Guido Karsten, Leiter des Bereichs Liegenschaften, werde am Ende die Grundlage für die Zielvereinbarungen zwischen Stadt - oder Ortschaften - und Jagdpächtern bilden.