50 Jahre Jugendzentrum

Ein grenzüberschreitendes Kunstwerk zum Jahrestag: Jugendzentrum feiert 50. Jubiläum

50-jähriges Bestehen feierte das Juze am 24. September: Im Hof konnten sich Besucherinnen und Besucher in der Kunst des Graffiti-Sprühens versuchen, im Haus an Workshops und Bastelaktionen teilnehmen oder sich die Ausstellung über die wechselvolle Geschichte des Juze anschauen, das mehr als einmal kurz vor der Schließung stand. Außerdem gab es Waffeln und Flammkuchen, zubereitet vom Team der offenen Jugendarbeit. Wie wichtig die offene Jugendarbeit auch heute noch ist - auch wenn sich ihre Erfolge nicht in harten Zahlen messen lassen –, das betonten Oberbürgermeister Wolfram Britz, der langjährige Vorsitzende des Stadtjugendrings Claus Haberecht und Juze-Leiterin Vanessa Balbrink bei der offiziellen Eröffnung der Feierlichkeiten, an der auch Vertreter des Gemeinderats teilnahmen.

die beiden Künstlerinnen und die Juze-Leiterin im Vordergrund, dahinter groß das kunterbunte Graffiti an der Hauswand
Deutsch-französisch wie die Geschichte und die Gegenwart des Jugendzentrums: Das leuchtende Graffiti, welche die Rückseite des Jugendzentrums schmückt, wurde von der deutschen Künstlerin Emesa und ihrer französischen Kollegin K1000 in nur drei Tagen geschaffen; ganz rechts Juze-Leiterin Vanessa Balbrink. Das Werk konnte dank eines Zuschusses des Eurodistrikts Strasbourg-Ortenau realisiert werden.

Die offene Jugendarbeit in drei Häusern in der Kernstadt – dem Haus der Jugend, dem Jugendzentrum und dem Jugendkeller Sankt Nepomuk – sowie in den meisten Ortschaften sei ein Alleinstellungsmerkmal für Kehl, sagte der langjährige Vorsitzende des Stadtjugendrings, Claus Haberecht, bei der offiziellen Eröffnung der Jubiläumsfeier: „Kehl ist eine Jugendstadt. Keine Stadt im mittelbadischen Raum ist so von der Jugend geprägt.“ In seiner Rede blickte er zurück auf die Zeit, als Verbandsjugendarbeit und offene Jugendarbeit noch als Konkurrenz anstatt als Ergänzung gesehen wurden. Dass dieser Gedanke in Kehl längst überwunden ist, zeigt die Tatsache, dass der Stadtjugendring seit vielen Jahren seine Geschäftsstelle im Jugendzentrum hat.

Er erinnerte auch an die deutsch-französische Jugendwerkstatt Zig-Zack, die von 1995 bis 2005 bestand und die Aufgabe hatte, deutsche und französische Jugendliche in Projekten zusammenzubringen. „Das war eines der tollsten Jugendprojekte, die es je gab“, sagte er und forderte das Team des Jugendzentrums auf, „darüber nachzudenken, ob man daran nicht anknüpfen kann“.

Dass im Juze die Kehl-Straßburger-Beziehungen gelebt werden, zeigt nicht nur die deutsch-französische Graffiti-Aktion, die für einen kunterbunten Hingucker in der Kinzigstraße gesorgt hat, „unser Angebot wird selbstverständlich auch von französischen Jugendlichen genutzt“, erklärte Juze-Leiterin Vanessa Balbrink in ihrer Ansprache. 20 bis 40 Besucherinnen und Besucher kämen pro Tag in die Einrichtung, berichtete sie, doch der Erfolg der offenen Jugendarbeit lasse sich nicht in Zahlen messen: „Entscheidend ist nicht, wie viele kommen, sondern dass sie kommen.“ Das Jugendzentrum verstehe sich als Anlaufstelle und Rückzugsraum für Jungen und Mädchen, „denen wir ohne Wertung und Vorurteile begegnen“. In der offenen Jugendarbeit gebe es manchmal auch „nicht schöne Tage“, an denen etwas zu Bruch gehe oder Konflikte ausgetragen würden. Dass dann aber gerade die Verursacher oder Verursacherinnen solcher Situationen „einem später auf der Straße zuwinken“, gebe viel Bestätigung.

Für dieses tägliche und nicht nachlassende Engagement dankte Oberbürgermeister Wolfram Britz allen Mitarbeitenden in der städtischen Jugendarbeit, die auch einrichtungsübergreifend bei der Jubiläumsfeier im Jugendzentrum im Einsatz waren. Er erinnerte an zahlreiche Aktionen, die in den vergangenen Jahren vom Jugendzentrum ausgegangen waren und lobt die Flexibilität der Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeit, die sich immer wieder an die sich wandelnden Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen anpassten. Sein Dank ging auch an den Eurodistrikt Strasbourg-Ortenau, der durch einen Zuschuss sowohl die Realisierung des Kunstwerks an der Fassade des Jugendzentrums als auch den Graffiti-Workshop bei der Jubiläumsfeier ermöglicht hatte.

Wie die Kernstadt zu ihrem Jugendzentrum kam

Besucherinnen und Besuchern des Marktplatzes wird in den frühen 1970er-Jahren schnell klar, dass die Räumlichkeiten im Haus der Jugend als Treffpunkt für Heranwachsende aus der Kernstadt nicht mehr ausreichen. „Der Kehler Marktplatz entwickelt sich mehr und mehr zu einem Treffpunkt junger Leute“, schreibt die Kehler Zeitung am 22. Februar 1972. Nach mehrmonatigen Diskussionen präsentieren verschiedene Kehler Jugendorganisationen bei der Generalversammlung des Kreisjugendrings im Februar 1972 schließlich einen Lösungsvorschlag: Ein Nebentrakt der ehemaligen Räumlichkeiten des Einstein-Gymnasiums soll zum künftigen Treffpunkt werden. Bis es 1973 endlich zur Gründung kommen kann, führen die Verantwortlichen der Jugendorganisationen noch zahlreiche Gespräche mit Stadträtinnen und -räten sowie Mitarbeitenden der Verwaltung. Die Gestaltung der Innenräume übernehmen die Jugendlichen selbst; die Stadt sorgt für die Isolierung der Wände und erneuert die Sanitäranlagen. Doch bereits wenige Monate nach der Einweihung – im Sommer 1973 – kommt erster Unmut auf. Mangelnde Sauberkeit schadet dem Ansehen der neugegründeten Einrichtung. Mitglieder der beteiligten Jugendorganisationen, des Gemeinderats sowie der Verwaltung diskutieren teils heftig über Gegenmaßnahmen. Ein Stadtrat bringt gar eine mögliche Schließung durch die Stadt ins Gespräch. Der Begeisterung der Jugendlichen für den neugeschaffenen Treffpunkt tut dies keinen Abbruch. Das Jugendzentrum entwickelt sich stattdessen zu einem beliebten Anziehungspunkt.

Der lange Weg zum Erhalt des Jugendzentrums

Zeichnet in den ersten fünf Jahren noch ein von den Jugendgruppen gewähltes Gremium für das Jugendzentrum verantwortlich, bekommt die Einrichtung mit Rolf Fischerkeller ab 1979 einen Leiter. Unter ihm zieht das Jugendzentrum 1984 vorübergehend in das Hauptgebäude des Einstein-Gymnasiums, nachdem in einem Gutachten festgestellt wird, dass das Nebengebäude nicht mehr nutzbar ist. Zwei Jahre später, am 15. Februar 1986, öffnet das Jugendzentrum an seiner heutigen Adresse, Kinzigstraße 6. Leiter Rolf Fischerkeller weitet das Angebot am neuen Standort aus: Im Gewölbekeller gibt es bis 2007 jährlich ein deutsch-türkisches Frühstück, an dem im Laufe der Jahre neben vielen Stadträtinnen und Stadträten auch Oberbürgermeister Detlev Prößdorf und sein Nachfolger Günther Petry teilnehmen. In den 1990er-Jahren entwickelt sich das Jugendzentrum zu einem beliebten Veranstaltungsort, an dem Musikgruppen aus der Region auftreten. Ab 1993 verfügt das Jugendzentrum zusätzlich über ein Spielmobil, das sich bei Festen und Veranstaltungen hoher Beliebtheit erfreut.

Ein großformatiges Graffiti an der Juze-Außenwand
Ein deutsch-französisches Graffiti-Kunstprojekt ziert die Außenwand der Juze an der Kinzigstraße.

Ein weiterer Höhepunkt: 1998 gibt der damals schon bekannte Rapper Toni L. einen Workshop im Juze. Um die Jahrtausendwende beteiligt sich das Jugendzentrum an einem grenzüberschreitenden Graffiti-Projekt mit deutschen und französischen Sprayern. Nach 30 Jahren gibt Rolf Fischerkeller die Juze-Leitung 2009 ab und verabschiedet sich in den wohlverdienten Ruhestand. Bereits einige Monate zuvor – im Februar 2009 – beginnt Jugendarbeiter Andreas Martzloff damit, die in die Jahre gekommenen Räumlichkeiten mit Unterstützung von Zivildienstleistenden und Jugendlichen der Albert-Schweitzer-Schule zu renovieren. Mit Spachtel und Pinsel wird so aus dem Jugendzentrum wieder ein Wohlfühlort für Jugendliche, mit hellen einladenden Räumlichkeiten. Trotz alledem hat das Jugendzentrum keinen leichten Stand. Diskutiert der Gemeinderat 2005 noch die Verlegung des Juze ins Haus der Jugend, steht 2011 die Schließung der Einrichtung zur Debatte. Das Jugendzentrum reagiert mit einer Aktionswoche zur Rettung des Juzes: Es gibt Graffiti- und Hip-Hop-Workshops, Podiumsdiskussionen zum Thema „Warum braucht Jugend Räume?“ und eine Wahlparty mit älteren und neugewählten Jugendgemeinderäten. Die Aktionswoche kulminiert in einem großen Hoffest. Bei der Gemeinderatssitzung anderthalb Wochen später halten drei Jugendgemeinderäte ein Plädoyer für den Erhalt der Einrichtung. Noch in selber Sitzung beschließen die Stadträtinnen und -räte, die vakante Leitungsstelle vorerst für zwei Jahre zu besetzen. In dieser Zeit soll überprüft werden, ob das Juze eine zentrale Rolle in der gesamtstädtischen Jugendarbeit einnehmen kann. Im April 2012 übernimmt Marco Schwind die Hausleitung. Nachdem die zweijährige Frist verstrichen ist, beschließt der Gemeinderat einstimmig, das Jugendzentrum zu erhalten. Die Hausleitung wechselt noch einmal im Februar 2016: Vanessa Balbrink folgt auf Marco Schmid, der das Juze im September 2015 wieder verlassen hatte. Seit Oktober 2018 bietet das Jugendzentrum die Möglichkeit für ein duales Studium der sozialen Arbeit.

Das Juze in Zeiten von Corona

Der Ausbruch der Corona-Pandemie stellt die offene Jugendarbeit vor große Herausforderungen. Vanessa Balbrink und Andreas Martzloff navigieren sich ab dem Sommer 2020 durch den komplizierten Alltag zwischen dem Anspruch der Offenheit und den immer wieder veränderten Hygienevorgaben. Die Erleichterung bei den beiden ist groß, als sie nach drei Schließmonaten wieder Jugendliche an der Kinzigstraße begrüßen dürfen. Auch wenn dabei Maskenpflicht, Mindestabstand und regelmäßiges Händedesinfizieren gelten. Bis dahin hielten sie über das Internet Kontakt zu den Jugendlichen. Unter Corona-Bedingungen spielt sich die Jugendarbeit im Juze nahezu ausschließlich im Erdgeschoss ab, da nur dort eine ausreichende Belüftung garantiert werden kann. Die Jugendlichen bekommen am Eingang mitgeteilt, wie viele freie Plätze es im Juze noch gibt.

Graffiti-Künstlerin sprüht auf die Außenwand des Juze
Die französische Künstlerin K1000 legt letzte Hand an, um das großformatige Graffiti zu finalisieren.

Das Jubiläumsprogramm:

Der 50. Jahrestag hinterlässt am Jugendzentrum sichtbare Spuren: Anlässlich des Jubiläums wird am Sonntag, 24. September, eine grenzüberschreitende Graffiti-Kunstaktion enthüllt. Eine Außenwand des Jugendhauses ist von der französischen Künstlerin K1000 und der deutschen Künstlerin Emesa gemeinsam gestaltet worden. Selbst an einer Mauer im Innenhof künstlerisch aktiv werden können Teilnehmende eines deutsch-französischen Graffiti-Workshops ab 12.30 Uhr. Der Workshop, ebenso wie das Hauswand-Graffiti, werden durch den Eurodistrict Straßburg/Ortenau gefördert. Ebenfalls ab 12.30 Uhr im Programm: Live-Musik, eine Ausstellung zu 50 Jahre Juze sowie eine Olympiade in den Disziplinen Airhockey, Billard, Tischkicker und FIFA. Die Jubiläumsfeier ist bis 17 Uhr angesetzt.

Allgemeine Öffnungszeiten

Montags bis freitags von 14 bis 20 Uhr