Gelungene Inklusion: die Außenklasse „Funkelsterne“ an der Grundschule Leutesheim

„Trat ich heute vor die Türe, sapperlot, was sah ich da?“ klingt es lauthals aus 23 Kinderkehlen. Rhythmisch stampfen die Füße auf den Boden, bei jedem Strophenwechsel reichen die mit Handtrommeln und Rasseln ausgestatteten kleinen Musikerinnen und Musiker ihre Instrumente weiter. Im Musikunterricht der Klasse 1a der Grundschule Leutesheim fällt auf den ersten Blick gar nicht auf, dass sich auch die Außenklasse der Astrid-Lindgren-Schule aus Hesselhurst (Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum) unter den Schülerinnen und Schülern befindet. „Funkelsterne“ heißt die siebenköpfige Gruppe, die zum Schuljahr 2016/2017 gemeinsam mit der ersten Klasse eingeschult wurde.

In den nächsten vier Jahren werden die Kinder mit Behinderung – außer in den Fächern Deutsch und Mathematik – den regulären Schulunterricht besuchen. Dass diese Art des gemeinsamen Lernens für alle Seiten von Vorteil ist, davon konnte sich der Inklusionsbeauftragte der Stadt Kehl, Nicolas Uhl, bei einem Besuch in der Schule überzeugen. Mit Öffentlichkeitsarbeit versucht er, städtische Inklusionsprojekte bekannter zu machen und zu unterstützen. Momentan beschäftigt ihn die Gründung eines Inklusionsbeirats der Stadt Kehl, generell setzt er sich für Barrierefreiheit sowie eine selbstbestimmte Teilhabe aller Menschen in der Gesellschaft ein.

Von Inklusionsprojekten wie der Hesselhurster Außenklasse in Leutesheim profitieren beide Seiten, wie Lehrerin Sabine Auerbach beim Besuch des städtischen Inklusionsbeauftragten berichtet: Es sei „auffällig, wie unauffällig die Außenklasse, etwa bei Schulfesten, innerhalb der Schulgemeinschaft ist.“ Sabine Auerbach studiert mit ihren Schülerinnen und Schülern der Grundschule und der Außenklasse seit zehn Jahren Inszenierungen ein, die jeweils zum Schuljahresende aufgeführt werden. „Die Kinder mit Behinderung blühen dabei auf und integrieren sich so gut, dass die Zuschauer oft gar nicht erkennen können, welche Kinder zu den Funkelsternen gehören“, sagt sie. Im vergangenen Schuljahr inszenierte sie das Märchen Hänsel und Gretel als Mischung aus Oper und Schauspiel, mit Klavier- und Chorbegleitung. „Die Besucherinnen und Besucher waren von der künstlerisch hochwertigen Aufführung begeistert.“

Musikunterrichtzoom

Nicolas Uhl von der Stadt Kehl möchte Inklusionsprojekte wie das in Leutesheim mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Barrieren abzubauen fördere das Zusammenkommen und enttabuisiere den Themenkomplex Behinderung. „Inklusion beginnt in den Köpfen der Menschen“, sagt der Absolvent der Verwaltungshochschule Kehl, der aufgrund einer speziellen Form des Kleinwuchses von klein auf im Rollstuhl sitzt. Nicolas Uhl hat selbst Regelkindergarten und Regelschule besucht, und sagt, dass seine Mitschülerinnen und Mitschüler durch ihn einen Blick für Barrierefreiheit entwickelt hätten, der anderen fehle. Neue Sichtweisen und soziale Kompetenzen würden durch Inklusion gefördert. Wenn Menschen mit Einschränkung immer nur in Gruppen zusammen unterwegs seien, erläutert Nicolas Uhl, würden sie von „gesunden“ Menschen auch meist als Gruppe, als „die Behinderten“ wahrgenommen. Inklusion hingegen bedeute Zusammensein, wodurch Menschen mit Behinderung mehr als Individuen wahrgenommen würden.
Sozialkompetenz erlernen die Kinder der Grundschule Leutesheim von Anfang an. Das Phänomen Mobbing sei dort kein Thema, im Gegenteil, berichtet Sabine Auerbach: Die Mitschülerinnen und Mitschüler der Funkelsterne kümmerten sich von sich aus um die Kinder mit Behinderung. „Anfängliche Berührungsängste lösen sich schnell auf. Stattdessen entwickelt sich eine natürliche Offenheit gegenüber eingeschränkten Personen, die sich auch im Alltag zeigt“, berichtet Alexander Geiger, Elternbeiratsvorsitzender der Grundschule Leutesheim, von seinen Erfahrungen. Inklusion sei nicht „das gleiche Lernen im selben Tempo, sondern die Kontaktaufnahme mit Menschen mit Behinderung, von der beide Seiten viel lernen können.“

Karten zum Lesenlernen

Nur in den Fächern Deutsch und Mathematik nehmen die Funkelsterne nicht am regulären Unterricht der Grundschule teil: Der Rechenunterricht wird für sie bildlicher aufbereitet, das Lesenlernen erfolgt in kleinen Schritten: „Es geht zunächst nicht darum, Texte zu lesen, sondern das ‚Situationslesen‘ wird geübt. Dabei lernen die Kinder etwa zu erfassen, ob jemand fröhlich oder traurig ist. Darauf folgt das Bilderlesen: Anhand von Symbolen lernen die Schülerinnen und Schüler, Bilder mit Ereignissen zu assoziieren“, erklärt Lehrerin Sabine Auerbauch. Dieser Lernprozess werde immer abstrakter, schließlich seien die meisten Kinder mit Behinderung der Außenklasse dazu in der Lage, Buchstaben zu lesen. Ziel ist es, den Kindern mit Behinderung später ein Leben zu ermöglichen, das so selbstbestimmt wie möglich ist, daher gehören zum Unterricht auch Alltagskompetenzen wie Kochen oder den Abwasch zu erledigen. Nach der vierjährigen Grundschulzeit wechseln die Schülerinnen und Schüler der Außenklasse auf eine weiterführende Schule. Grundsätzlich wird im Anschluss eine normale berufliche Tätigkeit angestrebt, einige Schülerinnen und Schüler werden in Arbeit in spezialisierten Werkstätten und Betrieben vermittelt.
Neben schulischen Erfolgserlebnissen ihrer Schützlinge freut es die Lehrerin auch, wenn Alltagssituationen gemeistert werden, etwa wenn alle Funkelsterne es schaffen, sich in einem vollen Café ein Eis zu bestellen. Auch bei solchen, über den Unterricht hinausgehenden Tätigkeiten, wird der positive Einfluss der Gesamtgruppe auf die Kinder mit Behinderung deutlich: Die Mitschülerinnen und Mitschüler motivieren die Funkelsterne und dienen ihnen, wenn sie unsicher sind, als Vorbilder. Das zeige sich beispielsweise beim Schwimmunterricht oder in der gemeinsam absolvierten Verkehrsschule, die nicht alle bestanden, daraus aber dennoch positive Impulse und Erinnerungen gezogen haben, wie die Lehrerin der Erstklässler in Leutesheim, Simone Nimke, erzählt. Außerdem, berichtet Alexander Geiger begeistert, setze sich die Inklusion nach Ende des Unterrichts fort: Die Kinder treffen sich zum gemeinsamen Spielen, laden sich zu Kindergeburtstagen ein oder feiern gemeinsam Waldspeckfeste. „Über die Schule hinaus sind die Kinder Freunde geworden“, der gemeinsame Unterricht sei ein sehr gelungenes Beispiel für Inklusion, sagt der Elternbeiratsvorsitzende.

Hintergrund:
Die Außenklasse an der Grundschule Leutesheim gibt es bereits seit 13 Jahren. Das Inklusionsprojekt wurde auf Initiative einer Mutter ins Leben gerufen, die sich dafür einsetzte, ihren Sohn mit Down-Syndrom nicht in eine sonderpädagogische Einrichtung schicken zu müssen, sondern diesen in seinem vertrauten Umfeld zur Schule gehen zu lassen. Seither durchläuft im vierjährigen Grundschul-Turnus jeweils eine Außenklasse den Unterricht. Die Außenklasse hat ein großes Einzugsgebiet, so gab und gibt es Schülerinnen und Schüler auch etwa aus Offenburg, Appenweier-Urloffen oder Rheinau. Da Kinder mit Behinderungen eine intensivere Betreuung benötigen als die übrigen Schülerinnen und Schüler, sind in der Außenklasse meistens drei Betreuerinnen für die Kinder da, Praktikantinnen und Praktikanten sowie Helferinnen und Helfer im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes unterstützen diese. Maximal acht Kinder mit Behinderung könnten betreut werden.

02.02.2017

 

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