Warum Motorradbekleidung ihren Platz im Stadtarchiv findet

Eine Lederhaube, eine Schutzbrille und eine Motorradhose gehören zu den jüngsten Zugängen des Kehler Stadtarchivs: Sie gehörten zur Dienstkleidung von Pfarrer Eugen Müller. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war er als Bezirksjugendwart mit dem Motorrad im Hanauerland unterwegs. Mit seiner schwarzen DKW war Eugen Müller bis in die 1960er-Jahre auch als Diakon und Religionslehrer auf Dienstfahrt. Später als Pfarrer baute Eugen Müller in den 1970-ern die Kehler Johannesgemeinde auf. In den 1980er-Jahren übernahm er zusätzlich die evangelische Kirchengemeinde Marlen-Goldscheuer-Kittersburg und baute die Markuskirche. Im Nachlass von Pfarrer Müller tauchte wieder die Motorradkleidung aus seinen Kehler Anfangsjahren auf. Darüber hinaus auch 40 Aktenordner, die Aufschluss geben über Eugen Müllers Wirken und die Entwicklung der beiden evangelischen Kirchengemeinden in Kehl . Seine Tochter Cornelia Schäfer hat die Akten und viele persönliche Gegenstände ihres Vaters an Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb übergeben. Durch umsichtige Angehörige finden immer wieder wertvolle Relikte ihren Weg ins Stadtarchiv.

Es hat ein bisschen was von Science Fiction, wenn Archiv-Leiterin Ute Scherb den sogenannten „Schmutzarbeitsraum“ betritt und vor der Reinraumwerkbank Platz nimmt. Die übergroße Apparatur ist speziell dazu da, die oft gesundheitsschädlichen Partikel, die sich bei der konservatorischen Bearbeitung von den zu archivierenden Objekten des Stadtarchivs lösen, einzusaugen. Extra dafür verbergen sich unter der Haube feine Filtersysteme, die regelmäßig ausgetauscht und erneuert werden müssen. Der danebenstehende Staubsauger ist so ebenfalls nicht beim Elektronik-Händler um die Ecke erhältlich, sondern eine Spezialanfertigung für Archive und Museen.

Hat ein bisschen was von Science Fiction: Die Reinraumwerkbank des Stadtarchivs.zoom

Das Archiv ist für die Sicherung und die Erschließung der städtischen Überlieferung zuständig. Bei den Beständen des Stadtarchivs handelt es sich um unersetzliches Kulturgut. Es sind darunter natürlich Akten der Stadtverwaltung, Melderegister, Geburtenbücher, offizielle Dokumente, die sich in den Schubladen und Regalen von Ämtern und Bürgern sammeln und die Geschichte der Stadt, in diesem Fall von Kehl und seinen Ortschaften, wiederspiegeln. Die relevanten Hinterlassenschaften der Verwaltung werden regelmäßig vom Archiv bewertet, für die Zukunft bewahrt und öffentlich zugänglich gemacht. Man kann auch sagen, dass das Stadtarchiv als Gedächtnis der Stadt fungiert.
Damit das Papier nicht zerfällt und auch der sogenannte Säurefraß keine Chance hat, müssen die fragilen Dokumente konservatorisch behandelt werden. „Vielleicht ist der Aufwand für Außenstehende, die sich für Zeitgeschichte weniger interessieren, nicht unbedingt gleich ersichtlich“, meint Ute Scherb und lächelt. „Allerdings sind gerade Dokumente, die auf den Alltag und das Privatleben einwirken, einmalig und damit unwiederbringlicher als gedruckte Publikationen, selbst als die sich ebenfalls im Besitz des Stadtarchivs befindlichen 70 Bände der 1784 in Kehl hergestellten Ausgabe von Voltaires gesammelten Werken, die aber auch einen ganz besonderen Schatz bilden.“

Auch das gehört zur Stadtgeschichte: Ute Scherb präsentiert zwei Protestplakate der BI Umweltschutz Kehl e.V. Bürgerbewegung gegen die einst geplante Giftmüllverbrennungsanlage in Kehl.zoom

Sind die Archiv-Objekte von Rückständen aller Art befreit, kommen sie in einer der Kammern des Archivmagazins an. Von den Dokumenten müssen erst Metallklammern und Plastikclips entfernt werden, dann gelangen diese in spezielle Umschläge und Kartons, deren chemische Zusammensetzung die Archiv-Objekte möglichst wenig belastet, soll heißen, dass zum Beispiel der Säuregehalt der Kartons gleich null ist. Im ganzen Archiv herrscht ein gleichmäßiges Klima und über den Räumlichkeiten des Archivs verlaufen keine Wasserleitungen. Das ist insofern ein großer Vorteil, als dass keine Rohrbrüche zu befürchten sind, die das Archivgut beschädigen könnten.
An die Dokumente selbst kommt das Archiv oft durch Zufälle. „Wir wissen natürlich nie, was vielleicht noch irgendwo auf irgendwelchen Dachböden schlummert.“ Vieles, was andere für Müll halten, hat oft großen historischen Wert, daher sind Nachfragen, ob eventuell Interesse von Seiten des Archivs besteht, immer gern gesehen. „Manchmal, wie im Falle unserer aktuellen Ausstellung ‚Zwischenzeit: Kehl 1944-1953‘ machen wir auch zielgerichtete Aufrufe und bitten die Bevölkerung, uns Objekte und Dokumente zukommen zu lassen“, sagt Ute Scherb. Im Falle der Ausstellung waren das unter anderem viele persönliche Gegenstände, Bilder oder Dokumente wie Evakuierungsbescheide. Die Ausstellung im Hanauer Museum ist noch bis zum 27. November immer donnerstags, freitags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Das Stadtarchiv erhält den Nachlass des Pfarrers Eugen Müller (1927-2006) aus den Händen seiner Tochter Cornelia Schäfer. Mehr als 40 Aktenbände Berufsleben und viele persönliche Gegenstände wechseln den Besitzer. Als Gründungspfarrer der ehemaligen Johannesgemeinde Kehl und der Markusgemeinde Goldscheuer-Marlen-Kittersburg ist Eugen Müller Teil der städtischen Geschichte Da er seine vielen Dienstfahrten in seinen Kehler Anfangsjahren stets mit dem Motorrad absolvierte, erhält das Stadtarchiv seine Motorradkleidung.

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31.08.2016

 

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