CARE-Pakete für Kehl oder: An den Geschmack der Schokolode erinnert sich Karl Theodor Bender noch heute

Nur wenige verbinden die CARE-Pakete aus den USA, mit denen einst die Not im Europa der Nachkriegszeit bekämpft wurde, mit Kehl. Und doch hielten einst viele Kehler ein solches CARE-Paket in den Händen. Denn nachdem die Stadt im November 1944 evakuiert wurde, blieb sie mindestens bis 1949, in Teilen sogar bis 1953 Sperrgebiet – den Kehlerinnen und Kehlern war die Rückkehr verwehrt. Dort, wo sie Unterschlupf gefunden hatten, fehlte es ihnen häufig am Nötigsten. Umso größer war die Freude, wenn ein CARE-Paket mit haltbaren Nahrungsmitteln aus Amerika eintraf: An den Geschmack der Schokolade erinnert sich Karl Theodor Bender, der damals noch ein Junge war, noch heute.

So dürfen die CARE-Pakete in der Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl 1944-1953“, die noch bis zum 27. November im Hanauer Museum zu sehen ist, nicht fehlen. CARE ist die Abkürzung für Cooperative for American Remittances to Europe. Die ersten CARE-Pakete waren nichts anderes als umgewidmete Versorgungspakete für die US-Truppen, sogenannte „Ten-in-One-Rations“. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden jene beim Militär allerdings nicht mehr in solch großer Stückzahl gebraucht. Ein Teil der Pakete wurde von der Organisation CARE aufgekauft, und sie gingen statt an die GIs an die hungernde Bevölkerung Europas. Für 15 Dollar konnten US-Amerikaner ein solches Versorgungspaket direkt an Not leidende Verwandte oder Freunde in Europa verschicken lassen. Eine logistische Meisterleistung. Im März 1947 lief dann das eigentliche Geschäft mit den CARE-Paketen an und der Inhalt der Pakete wurde speziell den Bedürfnissen der Bevölkerung angepasst.
Die Empfänger fanden darin unter anderem Corned Beef, Reis, Mehl, Zucker und Schokolade. Gleichzeitig waren sie dazu angehalten, dem Spender ein Dankesschreiben zukommen zu lassen. Bilder von überglücklichen Empfängern taten ein Übriges, um die Spendenbereitschaft der US-Amerikaner weiter zu steigern. Ganz uneigennützig war die Aktion allerdings nicht, sollte doch dem expandierenden Kommunismus mit den Gaben das Wasser abgegraben werden.

Ein original CARE-Paket bekommen die Besucher der Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl 1944-1953“ zu sehen.

Ein CARE-Paket der ersten Generation findet sich als Leihgabe in der Ausstellung. Mit seiner Mutter und zwei jüngeren Schwestern gelangte Karl Theodor Bender (Jahrgang 1937) im September 1944 nach Oppenau, wohin auch im August 1945 der Vater aus der Gefangenschaft zurückkehrte. Die Familie erhielt von einer Tante aus Amerika im Lauf des Jahres 1946 zwei CARE-Pakete. An den Geschmack der Schokolade kann sich Karl Theodor Bender noch heute genau erinnern. Seine Mutter teilte sie gerecht unter den Kindern auf, die anschließend die Schokoladenstücke mit dem Messer in kleine Portionen zerlegten, um möglichst lange etwas davon zu haben. Auch das Brausepulver, mit dem man Limonade ansetzen konnte, ist nicht vergessen. Die Erinnerung von Karl Theodor Bender und anderen Zeitzeugen, welche die Evakuierung und das Leben in der Fremde erlebten, werden in der Ausstellung an insgesamt 18 Hörstationen präsentiert. Die Interviews hat die Zeitzeugen-AG des Einstein-Gymnasiums geführt und aufbereitet.
Wie die verschiedenen Objekte, die in der Ausstellung zu sehen sind, die vergangenen Jahrzehnte überhaupt überstanden haben, ist nicht weniger interessant. „Das CARE-Paket in der Ausstellung, ein stabiler, wetterfester Karton für den Kriegseinsatz, fungierte 1953 bei der Rückkehr der Familie Bender nach Kehl als Transportmittel für Bücher und wurde seither sicher aufbewahrt“, erklärt Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb. Reste eines nahezu identischen Ten-in-One-Pakets, das die Amerikaner zur Verpflegung des französischen Militärs zur Verfügung gestellt hatten, fanden sich im historischen Gebäude der Tulla-Realschule, die in der französischen Zeit als Kaserne genutzt wurde. Die dort untergebrachten Soldaten hatten im Kniestock ihren Müll entsorgt, wo er bis zu den Umbauarbeiten im vergangenen Jahr unentdeckt blieb. Ein Glücksfall für Ute Scherb, welche die Funde sogleich in die Sammlung des Hanauer Museums übernahm. Dort lässt sich vor allem anhand der vielen persönlichen Leihgaben von Zeitzeugen gut illustrieren, dass die aktuelle Ausstellung nicht nur eine Brücke in die Kehler Vergangenheit schlägt, sondern zugleich in die Gegenwart: „Hier erkennt man, dass die älteren Kehlerinnen und Kehler ohne Ausnahme einst selbst als Flüchtlinge kein Dach überm Kopf hatten und auf die Unterstützung anderer angewiesen waren.“

„Das CARE-Paket in der Ausstellung, ein stabiler, wetterfester Karton für den Kriegseinsatz, fungierte 1953 bei der Rückkehr der Familie Bender nach Kehl als Transportmittel für Bücher und wurde seither sicher aufbewahrt“

Info:
Die Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl von 1944 – 1953“ ist noch bis zum 27. November immer donnerstags, freitags und sonntags, jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen in deutscher Sprache (Dr. Ute Scherb) finden statt:
Sonntag, 23. Oktober, 11 Uhr
Donnerstag, 17. November, 15 Uhr
Freitag, 25. November, 13 Uhr
Sonntag, 27. November, 15 Uhr

Führungen in französischer Sprache finden statt:
Sonntag, 23. Oktober, 14 Uhr
Sonntag, 20. November, 14 Uhr

Weitere Führungen und Workshops für Schulklassen sind nach Vereinbarung möglich unter Telefon 07851 78783 oder per E-Mail an u.scherb@stadt-kehl.de.

12.09.2016

 

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