Erinnerungen an Stacheldraht und an das "Barbarossa"

Lässig lehnt die kleine Annie an dem dicken Holzbalken, der ihr bis zur Brust reicht, die Arme verschränkt, die Beine überkreuzt. Etwas skeptisch schaut sie in die Kamera, das blonde, kinnlange Haar ist vom Wind ein wenig zerzaust: Als Liliane Fritsch das Mädchen auf dem Foto in der Straßburger Tageszeitung Dernières Nouvelles d’Alsace sah, wusste sie sofort: Das muss ihre kleine Schwester sein. Diese stand am Stacheldrahtzaun, der in Kehl vom Sommer 1949 bis ins Frühjahr 1953 das deutsche vom französischen Territorium abtrennte, wie der Artikel über die Ausstellung „Zwischenzeit“ im Hanauer Museum Kehl verriet, zu dem das Bild gehörte. Wie Liliane Fritsch aus Straßburg ging es auch Egon Eisenbeiß aus Kehl, heute 75 Jahre alt: Er hat sein neunjähriges Ich ebenfalls auf dem Plakat zur Ausstellung entdeckt. Jetzt haben sich die drei Zeitzeugen im Hanauer Museum wieder getroffen, um Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb ihre persönlichen Geschichten zu erzählen.

„Ich habe meine Schwester sofort angerufen, nachdem ich das Bild in der Zeitung gesehen habe“, erinnert sich Liliane Fritsch, die heute in der französischen Gemeinde Eschau bei Straßburg lebt. An ihre Zeit in Kehl, wo sie mit ihrer Familie die Jahre zwischen 1947 und 1950 verbrachte, hat sie nur noch wenige Erinnerungen – dass sie das Mädchen sein musste, die da neben ihrer Schwester auf dem Bild vom Stacheldrahtzaun zu sehen ist, war ihr aber sofort klar. „Ich weiß noch, dass wir oft dort gespielt haben“, erzählt sie. Fest verabredet habe man sich mit anderen Kindern nie am Stacheldraht, weiß ihre große Schwester Annie Maechler: Irgendjemand war sowieso immer da. Spielsachen hätten zu dieser Zeit nur wenige Kinder besessen, „manchmal haben wir einfach mit Steinen gespielt, die auf dem Boden lagen“.

Haben sich wiedererkannt: Egon Eisenbeiß, Annie Maelcher und Liliane Fritsch hinter dem Plakat, auf dem sie als Kinder zu sehen sind.

Den Moment, in dem das Foto am Stacheldraht aufgenommen wurde, hat die inzwischen 72-Jährige noch genau vor Augen: „Ich stand dort und sah diesen großen Mann mit der Kamera vor mir. Und ich weiß noch, dass ich mich gefragt habe: Was will der denn eigentlich?“ Sechs Jahre muss Annie Maelcher alt gewesen sein, als das Bild entstanden ist, rekonstruieren sie, ihre Schwester und der Dritte im Bunde, Egon Eisenbeiß, beim Besuch in der Ausstellung „Zwischenzeit“ im Hanauer Museum. „Von 1944 bis 1950 war ich mit meiner Familie in der Evakuierung in Villingen, im Mai 1950 bin ich nach Kehl zurückgekehrt“, erzählt Egon Eisenbeiß. Liliane Fritsch weiß wiederum noch genau, dass sie im Jahr 1951 die erste Klasse einer Grundschule im Straßburger Stadtteil „Montagne Verte“ besucht hat und dass sie mit ihrer Familie zu diesem Zeitpunkt demnach bereits wieder in Straßburg lebte. Wahrscheinlich war es also im Sommer 1950, als sich die vier- und fünfjährigen Mädchen und der neunjährige Egon Eisenbeiß am Stacheldrahtzaun zwischen dem deutschen und dem französischen Territorium trafen.
Der Zaun war in jener Zeit ein beliebter Treffpunkt für die Kinder, erinnert sich auch Egon Eisenbeiß. Manchmal sei man einfach darunter durchgeklettert, um zu den Spielkameraden auf der anderen Seite zu kommen – was natürlich streng verboten war. Auch andere Orte, die eigentlich nicht dafür gedacht waren, wurden zu Spielplätzen: „Bei uns um die Ecke gab es einen Bunker, an dem sich immer alle Kinder getroffen haben“, erzählt er. Wie an den Bunker kann er sich noch an den Friedhof gut erinnern, der in der Nähe seines Zuhauses lag. Und daran, dass er die Schule besuchen konnte, nachdem das Gebiet freigegeben worden war, auf dem diese stand – sie befand sich in dem Gebäude, welches heute das Hanauer Museum beherbergt.

Sie treffen sich nach mehr als 60 Jahren wieder am Stacheldraht – im Hanauer Museum ist er jedoch nur zu Anschauungszwecken da: Liliane Fritsch (links), Egon Eisenbeiß und Annie Maelcher.

Liliane Fritsch und Annie Maechler, die mit Mädchennamen Saint-Dizier heißen, erinnern sich vor allem an das „Barbarossa“, ein ehemaliges Gasthaus mit Tanzsaal – nicht, weil sie selbst oft dort waren, sondern weil ihre Mutter immer davon erzählt hat: „Sie hat von nichts anderem gesprochen“, lachen beide. In Liliane Fritschs Gedächtnis ist außerdem das Bild des langen, dunklen Flurs geblieben, der zum Garten hinter ihrem Wohnhaus in der Kanzmattstraße führte: „Der hat mir immer Angst gemacht“, sagt sie. Ihre Schwester Annie Maelcher erinnert sich, dass sie in der heutigen Falkenhausenschule die erste Klasse der „École française“ besucht hat: „Ich weiß noch genau, wie das Schultor und der Schulhof aussahen“, erzählt sie. Deswegen ist es ihr auch ein großes Anliegen, das Schulgebäude wiederzufinden, in dem sie ein Jahr lang gelernt hat. „Ich bin so oft in Kehl, aber die ‚École française‘ habe ich nie wieder besucht“, bedauert sie – und macht sich nach dem Besuch im Museum direkt mit ihrer Schwester auf den Weg, um die heutige Falkenhausenschule zu finden.
Bevor die beiden Schwestern aber das Museum verlassen, übergeben sie Ute Scherb noch Kopien von Schriftstücken aus ihrer Kehler Zeit, die ihnen ihre Mutter hinterlassen hat: Ausweispapiere, eine Ankunftsbestätigung und einen Zollbeleg. Die Archiv- und Museumsleiterin freut sich riesig über die Neuzugänge und darüber, dass die Ausstellung „Zwischenzeit“ im Hanauer Museum so gut ankommt: „Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen erhalten“, berichtet sie, „zahlreiche Menschen werden durch die Ausstellung dazu angeregt, uns ihre Erinnerungen mitzuteilen“.

Das Bild, auf dem sich alle wiedererkannt haben: Ganz links steht Egon Eisenbeiß, der Junge neben ihm ist unbekannt, gegenüber sind Annie Maelcher und rechts neben ihr Schwesterchen Liliane zu sehen.zoom

Das Foto, das die Zeitzeugen aus Straßburg und Kehl dazu veranlasst hat, Ute Scherb ihre persönlichen Geschichten aus der Nachkriegszeit zu erzählen, stammt übrigens aus der Sammlung von Dr. Agnes Obenauer, der ersten Kehler Gemeinderätin. 15 Fotoalben, die die Nachkriegszeit in Kehl bis in die 70er-Jahre hinein dokumentieren, hatte diese dem Stadtarchiv vermacht. Aktuell ist das Foto nicht nur in der Obenauer-Sammlung und auf den Plakaten zur Ausstellung zu sehen, sondern auch im Großformat im Hanauer Museum selbst: Dort schauen noch bis zum 27. November die Kindergesichter von Liliane Fritsch, Annie Maelcher und Egon Eisenbeiß in den Raum, in dem weitere Exponate Geschichten aus der Zeit der Evakuierung Kehls erzählen.

Info:
Die Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl von 1944 – 1953“ ist immer donnerstags, freitags und sonntags, jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen in deutscher Sprache (Dr. Ute Scherb) finden statt:
Sonntag, 23. Oktober, 11 Uhr
Donnerstag, 17. November, 15 Uhr
Freitag, 25. November, 13 Uhr
Sonntag, 27. November, 15 Uhr

Führungen in französischer Sprache finden statt:
Sonntag, 30. Oktober, 14 Uhr
Sonntag, 20. November, 14 Uhr

Weitere Führungen und Workshops für Schulklassen sind nach Vereinbarung möglich unter 07851 78783 oder per E-Mail.


Die Ausstellung "Zwischenzeit" wird auch in einem Dokumentarfilm vorgestellt, der am Sonntag, 9. Oktober, im SWR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Wer den Film verpasst hat, kann ihn noch in der Mediathek des SWR im Internet nachschauen.
Hier geht's zum Video:

Straßburg und Kehl - Zwei Grenzstädte und eine bewegende Geschichte

07.10.2016

 

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