Rettende Post aus Übersee

Mehr als 6000 Kilometer liegen zwischen der Kleinstadt Schenectady im US-Bundesstaat New York und Esslingen bei Stuttgart. Und doch waren Menschen aus dieser Stadt für Gustav Stiegeler und seine Familie in den Jahren zwischen 1947 und 1953 die wichtigsten Versorger und Vertrauten. Der Kehler und seine Frau Frieda waren nach dem Räumungsbefehl Kehls am 23. November 1944 nach Esslingen geflohen. Die Nahrungsvorräte dort waren knapp – besonders nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In Briefen teilte Gustav Stiegeler seiner in Amerika lebenden Schwester Elise und deren Mann William Reichert mit, dass es am Nötigsten fehlte. Die beiden schickten kurzerhand Pakete nach Deutschland, um die größte Not zu lindern. Die Enkel der Familien Stiegeler und Reichert haben sich jetzt daran gemacht, die Geschichte ihrer Vorfahren aufzuarbeiten und sind dafür ins Hanauer Museum nach Kehl gekommen – aus Konstanz und Florida reisten sie an.

„Und für die Seife soll ich noch besonders danken von Frieda aus, wir sind glücklich, dass wir uns mit Seife waschen können.“ Auszüge wie dieser aus dem Briefwechsel zwischen Gustav Stiegeler und seiner Schwester Elise, die aktuell in der Ausstellung „Zwischenzeit“ im Hanauer zu sehen sind, machen deutlich, welchen Entbehrungen die Kehler Flüchtlingsfamilie in der Evakuierung in Esslingen ausgesetzt waren. Es fehlte an allem: an Nahrung, Kleidung, Seife, Fett und selbstverständlich an Genussmitteln wie Zigaretten oder Schokolade. 

Walter Reichert aus Florida, Alexander Stiegler aus Konstanz und Heide Rummler aus Kehl (von links) besuchten gemeinsam mit Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb die Ausstellung "Zwischenzeit". zoom

Nur widerwillig habe ihr Großvater um die Hilfe seiner Verwandten gebeten, erinnert sich Heide Rummler, die in Esslingen geboren ist und heute in Kehl lebt. „Er wollte nie als Bittsteller auftreten“, sagt sie, „es war furchtbar für ihn, seine Familie nicht ernähren zu können“. Schließlich sei er ein gestandener Geschäftsmann gewesen: Gustav Stiegeler hatte die Kehler „Brikett-Fabrik“ im Hafen geführt, bevor er mit Frau und Tochter aus seiner Heimatstadt fliehen musste. In der neuen Heimat in Esslingen waren seine unternehmerischen Fähigkeiten nutzlos. Die Familie konnte sich gerade eben durch die Schneiderinnentätigkeit von Anneliese Behlert, der gemeinsamen Tochter, über Wasser halten. Bei deren Familie in Esslingen waren Frieda und Gustav Stiegeler untergekommen – Annelieses Ehemann Wilhelm Behlert war allerdings bei ihrer Ankunft schon an der Front und galt ab 1945 als vermisst. 1964 wurde er letztendlich für tot erklärt. Gustav Stiegeler war also der einzige Mann in der Familie, zu der auch seine Enkelinnen Heide und Helga gehörten. „Meine Großeltern waren arg krank“, erinnert sich Heide Rummler, die mit Mädchennamen Behlert heißt, „sie vertrugen nicht alles und waren auch deshalb auf die Hilfe aus Amerika angewiesen“. Kondensmilch bestellte Gustav Stiegeler zum Beispiel bei seiner Schwester in Amerika. „Ich soll Milch trinken und man bekommt doch keine“, schreibt er in einem Brief.


Neben den Nahrungsmitteln, welche die Stiegelers schlichtweg zum Überleben brauchten, schickten ihnen die Verwandten aus Amerika auch Genussmittel – in Deutschland waren sie nicht bezahlbar. Die Freude über Zigaretten, die Gustav Stiegeler als Geburtstagsgeschenk aus Amerika geschickt bekam, ist in seinem Brief nicht zu überlesen: „Und dann ganz besonderen Dank für die Zigaretten, (…) das war meine schönste Freude, die haben wir zu dritt geraucht (Werner, Erich und ich), das war ein Hochgenuss.“ Was für die Erwachsenen die Zigaretten waren, war für die Kinder die Schokolade, erinnert sich Heide Rummler. Als kleine, blonde Mädchen hätten sie und ihre Schwester Helga von der Gunst der amerikanischen Soldaten aus der Kaserne gegenüber profitiert: „Die haben uns regelmäßig Schokolade oder Kaugummi zugesteckt“, erzählt sie.


Die restlichen Erinnerungen der heute 73-Jährigen an die Jahre in Esslingen sind verschwommen – sie ist erst 1943 zur Welt gekommen und war zu Zeit der Evakuierung noch sehr jung. Es waren die Briefe, die sie auf Anregung von Alexander Stiegeler, dem Enkel von Gustav Stiegelers Bruder, gelesen hat, die die Zeit zwischen 1944 und 1953 wieder auferstehen ließen. „Alex hat die Ahnenforschung angestoßen“, erzählt sie, „und da habe ich den alten Karton mit Erinnerungsstücken ausgegraben“. Erst durch den Briefwechsel sei ihr noch einmal bewusst geworden, was ihr Großvater hatte durchmachen müssen. „Es hat mich nicht mehr losgelassen“, sagt sie.


Auch für Walter Reichert, den Enkel von Gustav Stiegelers Schwager, war die Beschäftigung mit der Geschichte seiner Familie eine sehr emotionale Sache, wie er sagt. Als sein Großvater Pakete nach Deutschland schickte, war der heute 81-Jährige noch ein Junge: „Ich wusste von der Kommunikation zwischen meinem Opa und der Familie in Deutschland“, erzählt er, „aber wirklich greifbar war die Sache für mich nicht“. Der Besuch in Kehl, wo er und seine Frau neben der Ausstellung im Hanauer Museum auch den ehemaligen Sitz der Brikettfabrik besichtigt und mit Gustav Stiegelers Enkelin Helga deren 78. Geburtstag gefeiert haben, ist für ihn darum etwas ganz Besonderes.


Die Verbindung zu Walter Reichert hat Alexander Stiegeler hergestellt, der Enkel des 1939 verstorbenen Bruders von Gustav Stiegeler. Der 68-Jährige wohnt in Konstanz und hat sich zusammen mit seinem Sohn Cornelius an die Rekonstruierung des Familien-Stammbaums gemacht – eigentlich nur zur Vorbereitung eines Familientreffens mit den Reicherts in den USA. Von der Ausstellung „Zwischenzeit“ im Hanauer Museum hat er durch Heide Rummler erfahren, die die alten Briefe aus der Erinnerungskiste an Stadtarchivs- und Museumsleiterin Ute Scherb übergeben hatte. Als Ort für ein erneutes Treffen mit Walter und Therese Reichert hielt er das Museum für geeignet, weil sich eben diese Briefe dort befinden – und auch wenn sie auf Deutsch verfasst sind, können die Amerikaner doch anhand der Schilderungen ihrer Verwandten und mithilfe der Fotos und ausgestellten Gegenstände nachvollziehen, was ihre Verwandten in der Nachkriegszeit erlebt haben, was sie bewegt hat und welche Sorgen sie hatten.


Info:
Die Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl 1944 – 1953“ ist immer donnerstags, freitags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

Führungen in deutscher Sprache (Dr. Ute Scherb) finden statt:
Donnerstag, 17. November, 15 Uhr
reitag, 25. November, 13 Uhr
Sonntag, 27. November, 15 Uhr

Führungen in französischer Sprache (Hannah Lipowsky) finden statt:
Sonntag, 20. November, 14 Uhr

Weitere Führungen und Workshops für Schulklassen sind nach Vereinbarung möglich unter der Telefonnummer 07851 78783 oder per E-Mail an u.scherb@stadt-kehl.de. Für eine Familienführung mit anschließendem Workshop am Sonntag, 13. November, um 15 Uhr kann man sich bereits bei Ute Scherb anmelden. Unter dem Motto „Kinder in der ‚Zwischenzeit‘“ überlegen sich die kleinen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Führung, was sie mitnehmen würden, wenn sie fliehen müssten und malen ihre Ideen auf Papier.

Die Ausstellung "Zwischenzeit" wird auch in einem Dokumentarfilm vorgestellt, der am 9. Oktober im SWR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Wer den Film verpasst hat, kann ihn noch in der Mediathek des SWR im Internet unter www.swrmediathek.de ansehen.

04.11.2016

 

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