Mehr als 3000 Besucher bei der Ausstellung „Zwischenzeit"

Alte Fotos, Zeitzeugenberichte, Briefe, ein Schulprojekt und sogar Besuch aus dem Ausland: Dass die Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl 1944 – 1953“ im Hanauer Museum so viele Reaktionen hervorrufen würde, hätte Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb nicht gedacht. „Dass wir die Ausstellung überhaupt verwirklichen konnten, haben wir den vielen Zeitzeugen zu verdanken, die uns an ihrem Leben teilhaben ließen“, erklärte Ute Scherb dankbar. „Darüber hinaus noch weiterhin so viel Resonanz zu erhalten, ist für mich als Archivarin einfach toll!“ Denn mit mehr als 3000 Besuchern war die Ausstellung über die Zeit von der Evakuierung bis zur Rückkehr der Kehler nicht nur die bisher besucherstärkste, zahlreiche deutsche und französische Zeitzeugen meldeten sich währenddessen bei der Museumsleiterin und überreichten ihr weitere Fotos und Dokumente oder berichteten von ihren persönlichen Erinnerungen aus der Nachkriegsgeschichte. Dass die Ausstellung außerdem zum Anlass genommen wurde, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und mehr über die Vorfahren und deren Leben zu erfahren, konnte Ute Scherb gleich mehrmals erleben. Ein Schicksal hat sie dabei besonders beeindruckt, nämlich das des Dachdeckers Karl Benecke und seiner Familie.

„Mit den ausgestellten Objekten erzählen wir viele Geschichten und eigentlich dachte ich, dass sie alle abgeschlossen wären“, erklärte Ute Scherb. Doch die Ausstellung habe sie gelehrt, dass die persönlichen Schicksale rund um die Objekte noch lange nicht zu Ende erzählt worden seien.

Archiv- und Museumsleiterin Ute Scherb beim Abbau der Ausstellung „Zwischenzeit: Kehl 1944 – 1953“.zoom

So war es auch bei dem Ziegelstein von Karl Benecke. „Benecke Karl Kriegsgefangener Salzwedel 20. August 1946 Dachdecker“ ist in deutlich lesbarer Schrift in den Stein geritzt. Dieser befand sich jahrelang im Besitz des Kehler Dachdeckermeisters Heinrich Rosendahl, der den Stein beim Abbruch eines Kamins auf dem Dach der historischen Stadtvilla in der Großherzog-Friedrich-Straße 8 entdeckt und sichergestellt hatte. Zum Jahreswechsel 2015/2016 wurde der Stein an Ute Scherb überreicht, die ihn sofort in ihre Ausstellungskonzeption mit aufnahm. Alle Versuche, mögliche lebende Nachfahren von Karl Benecke zu ermitteln, schlugen fehl, sodass über den ehemaligen Kriegsgefangenen zunächst nur das bekannt war, was er selbst auf dem Stein hinterlassen hatte. Der Fund des historischen Objekts wurde allerdings in einem Artikel in der Kehler Zeitung und im Internet veröffentlicht. So kam es, dass ein Mitarbeiter der Lokalzeitung „Volksstimme“ aus Salzwedel auf der Suche nach einer guten Geschichte für eine Reportage den Artikel ein halbes Jahr später im Internet fand und im Oktober 2016 bei Ute Scherb anrief, um alles über den Ziegelstein von dem Dachdecker aus Salzwedel zu erfahren. Am 24. Oktober 2016 erschien daraufhin in der Volksstimme ein Text über den Stein von Karl Benecke, der von dessen Tochter gelesen wurde. Diese schickte ihre Nichte, also die Enkelin von Karl Benecke, nach Kehl, um sich die Hinterlassenschaft ihres Großvaters anzusehen und mehr über sein Leben zu erfahren.

Zahlreiche alte Klassenfotos, wie dieses vor der Falkenhausenschule im Jahr 1950, bekam Ute Scherb von deutschen und französischen Zeitzeugen überreicht.

„Plötzlich stand eine Frau in der Ausstellung und sagte: Guten Tag, ich bin Kathrin Glogowski, die Enkelin von Karl Benecke“, erinnerte sich Ute Scherb an diesen Moment. Über seine Zeit als Kriegsgefangener habe ihr Großvater kaum etwas erzählt, berichtete Kathrin Glogowski, daher seien die Ausstellung und der Fund des Steins unglaublich interessant für sie und ihre Familie. Dennoch konnte sie der Museumsleiterin von dem weiteren Schicksal ihres Großvaters nach seiner Zeit in Kehl berichten. Dieser hatte sich, nachdem ihm die Flucht aus dem Kriegsgefangenenlager auf dem Läger gelungen war, zu Fuß bis nach Gardelegen durchgeschlagen, das knappe 40 Kilometer Luftlinie von Salzwedel entfernt ist. Mehr als 600 Kilometer legte er somit zurück, bis er kurz vor seinem Zuhause festgenommen und, da sich Salzwedel in der sowjetischen Besatzungszone befand, nach Sibirien ins Arbeitslager verschleppt wurde. Wie durch ein Wunder überlebte Karl Benecke auch die Kriegsgefangenschaft in Sibirien und kehrte 1949 endlich in seine Heimat zurück. Dort arbeitete er bis zu seinem Tod im Jahr 1967 weiter als Dachdecker und zeugte zwei Töchter und einen Sohn. Diese änderten nach der Hochzeit allesamt ihren Nachnamen, weswegen es für Ute Scherb nach dem Fund des Steins nicht möglich war, die Nachfahren zu ermitteln. Doch die Botschaft auf dem Ziegelstein hat 70 Jahre später ihren Zweck erfüllt und Kathrin Glogowski nach Kehl geführt. Dort konnte sie nun mehr über das Leben ihres Großvaters erfahren und Ute Scherbs Fragen rund um den Stein und das weitere Schicksal seines ehemaligen Besitzers wurden beantwortet.

Auch das Familienfoto der Familie Grau aus dem Sommer 1950 zeigt das Leben der Menschen in der Nachkriegszeit.zoom

Auch die Enkel der Familien Stiegeler und Reichert reisten aus Amerika und Konstanz an, um die Geschichte ihrer Vorfahren aufzuarbeiten. Mithilfe der ausgestellten Fotos und Gegenstände konnten sie nachvollziehen, was ihre Verwandten in der Nachkriegszeit erlebt hatten, was sie bewegte und welche Sorgen sie hatten.
Egon Eisenbeiß aus Kehl erkannte sein neunjähriges Ich auf dem Plakat zur Ausstellung, ebenso wie Liliane Fritsch, die sofort wusste: Die zwei Mädchen hinter dem Stacheldrahtzaun müssen ich und meine Schwester sein. Die drei Zeitzeugen nutzten die Gelegenheit, sich im Hanauer Museum zu treffen und mit Ute Scherb ihre Erinnerungen aus der Nachkriegszeit zu teilen.
„Jede persönliche Lebensgeschichte ist ein wichtiges Puzzleteil in der Kehler Stadtgeschichte“, erklärte Ute Scherb strahlend. Darum sei es für sie von unschätzbarem Wert, dank der Ausstellung so viele zusätzliche Fotos und Zeitzeugenberichte erhalten zu haben. „Das Stadtarchiv ist das Gedächtnis von Kehl“, führte sie weiter aus „und genau solche Berichte zu sammeln ist meine Aufgabe“.
Auch viele französische Zeitzeugen, die während der Besatzungszeit in Kehl einen Teil ihrer Kindheit verbracht hatten, wandten sich an die Museumsleiterin. Der Umstand, dass Kehl zumindest in Teilen ganze neun Jahre von den Franzosen besetzt wurde, war vor der Ausstellung im Hanauer Museum in Straßburg nur noch wenigen bekannt. Dank der Medienberichterstattung über die Ausstellung auf der französischen Seite des Rheins erinnerten sich allerdings viele Franzosen an ihre Zeit in Kehl und so erreichten Ute Scherb auch aus Frankreich Briefe und zahlreiche alte Familien- und Klassenfotos.
Auch viele Schulklassen besuchten die Ausstellung im Hanauer Museum. Eine Klasse von dem Gymnase Jean Sturm in Straßburg plant nun ein Projekt, bei dem die Schüler selbst Zeitzeugen aus Kehl befragen sollen.
Mehr als 3000 Besucher haben sich die Ausstellung im Hanauer Museum angesehen, alleine am letzten Wochenende waren es weit über 300. Darunter waren Gäste aus ganz Baden-Württemberg, oder wie im Fall Karl Benecke oder Familie Stiegeler sogar aus der Schweiz, aus Konstanz und aus Amerika. Etwa ein Drittel der Gäste kam zudem aus dem Elsass und aus Straßburg.
„Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung“, lachte Ute Scherb beim Abbau der Exponate. Denn die nächste Ausstellung im Hanauer Museum ist bereits in Planung. „Kehl in der Weimarer Republik“ wird sie heißen und 2019 zum Anlass des 100. Jubiläums nach der Einführung der Demokratie eröffnet werden.
Daher ist die Leiterin des Kehler Stadtarchivs und des Hanauer Museums auch weiterhin auf der Suche nach möglichen Ausstellungsstücken – dieses Mal aus der Zeit zwischen 1919 und 1930. Wer Dokumente, Objekte oder persönliche Berichte aus dieser Zeit liefern kann, kann sich bei Ute Scherb unter der Telefonnummer 07851 78783 oder per E-Mail an hanauer-museum@stadt-kehl.de melden. Alle Objekte werden als Leihgaben behandelt und nach Ende der Ausstellung selbstverständlich zurückgegeben.

Die Ausstellung "Zwischenzeit" wird auch in einem Dokumentarfilm vorgestellt, der am Sonntag, 9. Oktober, im SWR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Wer den Film verpasst hat, kann ihn noch in der Mediathek des SWR im Internet nachschauen.

Hier geht's zum Video: Straßburg und Kehl – Zwei Grenzstädte und eine bewegende Geschichte

02.12.2016

 

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