Testfahrt für Kehler Straßenzustandserfassung

Leise brummend fährt der große orangefarbene Lieferwagen die Vogesenallee entlang. Die sechs Industriekameras auf dem Dach des Fahrzeugs erfassen jeden Riss, jedes Schlagloch und jede Unebenheit auf der Straße. Auf die Millisekunde genau lösen sie alle fünf Meter gleichzeitig aus und liefern ein gestochen scharfes Bild von ihrer Umgebung. Die Daten werden von der Firma GEO Net solution GmbH im Auftrag der Kehler Stadtverwaltung gesammelt. Das Leipziger Unternehmen soll den Zustand der Straßen in Kehl und den umliegenden Ortschaften erfassen. Dadurch können notwendige Sanierungsarbeiten künftig systematisch registriert, nach Dringlichkeit bewertet und kostengünstiger umgesetzt werden.

Rund 270 Kilometer Straßennetz und knappe 400 Kilometer Feld- und Wirtschaftswege umfasst das Kehler Stadtgebiet schätzungsweise. Genau Zahlen gibt es nicht, weil die Straßen- und Wegbestände in Kehl und den umliegenden Ortschaften nie vollständig erfasst wurden. Auch der genaue Zustand der Verkehrswege ist nur vereinzelt bekannt und dokumentiert. Weil die Stadtverwaltung dafür verantwortlich ist, die Straßen instand zu halten und für Verkehrssicherheit zu sorgen, soll nun das gesamte Netz erfasst und Mängel wie Risse und Schlaglöcher systematisch aufgezeichnet werden.

Ein großes orangenes Auto war am vergangenen Montag im Stadtgebiet zu sehen.zoom

Am Montag (19. Dezember) wurden zunächst nur die Vogesenallee und die Rheinstraße befahren. Andreas Mock, Teamleiter Mobile Mapping von der Firma GEO Net solution GmbH, ist für die Datenerfassung auf der knapp ein Kilometer langen Teststrecke zuständig. Mit 30 bis 40 Kilometern pro Stunde fährt er die Strecke ab. Dabei zeichnen sechs Kameras, die auf dem Dach des Fahrzeugs befestigt sind, alle fünf Meter den gesamten Verkehrsraum auf. Ein Sensor registriert gleichzeitig, wo sich das Auto gerade befindet. Auf dem Fahrzeug befinden sich außerdem noch zwei Antennen für GPS-Signale sowie zwei Laserscanner, welche zusätzliche Daten wie die geografische Lage, die Länge und die Breite der Straßen liefern. Damit können Gräben, Abstände zu Bordsteinkanten und Bäumen oder anderen Einbauten im System abgespeichert werden.
„Am besten werden die Bilder bei gutem Wetter, wenn die Sonne scheint“, erklärt Andreas Mock. „Die Arbeitstage sind im Sommer deswegen auch immer um einiges länger“, lacht er und gibt Gas. Runde um Runde fährt er auf dem Läger Parkplatz seine Kreise – fünfzehn Minuten lang. Im Wechsel bremst er ab, gibt auf der Geraden Gas und tritt kurz vor der nächsten Kurve wieder auf die Bremse.

Sechs Industriekameras sind auf dem Dach des Fahrzeugs montiert.zoom

„Ich mache das, um alle Achslagen des Fahrzeugs in das System einzuspielen“, erklärt Andreas Mock seine Fahrweise auf dem großen Parkplatz. Jeweils vor und nach der Datenerfassung müsse dies getan werden, damit die Messergebnisse exakter werden und das Wegmesssystem kalibriert ist.
Die gesammelten und berechneten Ergebnisse werden im Anschluss an die Befahrung am Computer nachbearbeitet. Um dem Datenschutz Genüge zu tun, werden die aufgezeichneten Bilder und Daten durch automatische Logarithmen und eine manuelle Nachkontrolle anonymisiert. Das bedeutet, dass Gesichter und Nummernschilder unkenntlich gemacht werden.
Die Stadtverwaltung erhält daraufhin einen Datensatz, der Auskunft gibt über die geographische Lage jeder Straße, deren Länge und Breite, deren Einbauten wie Verkehrsinseln und Bäume sowie deren Zustand, der mithilfe eines Punktesystems bewertet wird. Die Daten ermöglichen einen objektiven Gesamtüberblick über die Straßen in Kehl und den umliegenden Ortschaften. Indem genau dokumentiert wird, in welchem Zustand sich die Straßen befinden, beziehungsweise ob und wann eine Reparatur vorgesehen ist, kann die Verwaltung einen Plan für den Sanierungsbedarf jeder Straße erstellen und dem Gemeinderat gezielt Sanierungsvorschläge unterbreiten. Mängel, die langfristig der Bausubstanz schaden, können dann frühzeitig behoben werden, bevor eine Komplettsanierung der Straße nötig ist – dies wäre deutlich teurer als eine regelmäßige Reparatur kleinerer Schäden. „Frühzeitig bemerkte Mängel sind in der Regel nur oberflächlich“, erklärt Silke Roder, Leiterin des Bereichs Tiefbau. In diesem Fall reiche es aus, die Deckschicht zu erneuern. Statt 20 müssten dann nur vier Zentimeter von der Straße ab- und wieder neu aufgetragen werden, weil die Schäden sich noch nicht in die Unterbauschicht fortsetzen konnten. Dieses Vorgehen stelle nicht nur bei einer einmaligen Reparatur die günstigere Alternative dar, sondern auch für die gesamte Nutzungsdauer einer Straße, führt sie weiter aus.

Das System im Inneren des Fahrzeugs zeichnet  jeden Riss, jedes Schlagloch und jede Unebenheit auf der Straße auf.zoom

Bisher wurden im Haushalt immer nur Mittel für die Sanierung bestimmter Straßenabschnitte bereitgestellt, bei denen nach Ermessen der städtischen Mitarbeiter der größte Bedarf bestand. Mängel wurden häufig nur zufällig - sozusagen „im Vorbeifahren“ – oder anhand punktueller Kontrollen bemerkt. Akute, außerplanmäßige Reparaturen wurden zusätzlich zu den im Haushalt vorgesehenen Sanierungsarbeiten durchgeführt – andere geplante Straßenarbeiten mussten dafür häufig verschoben werden, weil das Budget überlastet war oder Personal fehlte. Auf Dauer verschlechtert sich dadurch nach und nach der Zustand des Kehler Straßennetzes.
„Durch regelmäßige, kleine Reparaturen sind die Straßen künftig generell in einem deutlich besseren Zustand“, weiß Silke Roder. „Sobald alle Verkehrswege erfasst sind, können wir genau planen, wann welche Straße saniert werden muss.“ Im Frühjahr 2017 wird das Straßennetz des gesamten Stadtgebiets, das alle Straßen inklusive asphaltierte Wirtschaftswege einschließt, erfasst. Nicht befahren werden Feldwege und die mit Betonplatten gebauten Wirtschaftswege. Die Straßenzustandserfassung soll künftig alle fünf Jahre wiederholt werden. Dabei müssten aber nicht jedes Mal alle Straßen neu befahren werden, sondern schätzungsweise nur noch zehn bis 15 Prozent, erklärt Silke Roder. Neue Verkehrswege könnten zudem direkt in das bestehende System eingespeist werden.

21.12.2016

 

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