Wenn Fremde Brüder werden

Konzentriert sitzt der schlanke, dunkelhaarige Mann an der ratternden Nähmaschine. Mit geschickten Fingern näht er den letzten Saum – schon ist der Rock fertig. Zufrieden blickt Osama Bittar auf und präsentiert stolz sein Werk. In dem kleinen Flur der makellos sauberen Wohnung ist es eng, aber seine Nähmaschine hat einen Platz direkt neben der Haustür gefunden. Er hätte sie zur Not wohl auch neben den Herd oder mitten in das überschaubare Wohnzimmer gestellt – Hauptsache er kann nähen. Der 49-Jährige Schneider ist nach seiner Flucht aus Damaskus im Sommer 2015 nach Deutschland gekommen. Jetzt lebt er in Marlen und hat dort mit seinen Vermietern eine zweite Familie gefunden. Haus- und Wohnungseigentümer, die wie die Samenfinks bereit sind, Wohnraum an Flüchtlinge zu vermieten, sucht die Stadt dringend: Wohnungen für etwa 230 Menschen werden im Jahr 2017 gebraucht.

„Ich hatte Glück“, erzählt der lebhafte Syrer und sieht mit strahlenden Augen umher. „Unseren beiden Familien hat wirklich nichts Besseres passieren können“, bekräftigt auch Dieter Samenfink. Der 59-Jährige nahm Osama Bittar und seine Familie im vergangenen Februar als Untermieter in seinem Zuhause auf. Dadurch konnten Osama Bittar und seine Frau sowie seine 17-jährige Tochter im Gegensatz zu vielen anderen Flüchtlingen aus verschiedenen Herkunftsländern, die momentan in Kehl untergebracht sind, nach nur wenigen Monaten die beengte Erstunterbringung in Marlen verlassen.

Von links: Dieter Samenfink und seine Frau Ulrike, Dolmetscherin Sarah Schleß und Hannaa und Osama Bittar.zoom

Osama Bittars Wille zu arbeiten war es, der die beiden Männer zusammen geführt hat. Schon kurz nach seiner Ankunft in Marlen bekam Osama über den ehrenamtlichen Helferkreis eine Nähmaschine geschenkt. Glücklich, seinen Beruf wieder ausführen zu können begann er damit, unentgeltlich kleine Näharbeiten für andere Flüchtlinge und Dorfbewohner zu erledigen. „Alles, an dem ein Knopf gefehlt hat oder das gerissen war, hat Osama repariert“, erzählt Dieter Samenfink mit väterlichem Stolz. Osama habe sogar die Drei-Königssänger in Marlen eingekleidet. „Er hat einfach Spaß an seiner Arbeit und das sieht man“, führt Dieter Samenfink weiter aus. „Ich wollte meine Kochschürze umnähen lassen und meine Schwiegertochter, die im Helferkreis tätig war, kannte Osama und vermittelte mich an ihn“, erklärt der 59-Jährige. Ein Tag später war die Schürze fertig und zwischen Dieter Samenfink und Osama Bittar entstand Schritt für Schritt eine Freundschaft. „Zu Anfang war ich schon skeptisch, das gebe ich offen zu“, erklärt Dieter Samenfink. „Wir haben uns langsam aneinander herangetastet aber schon bald war ich davon überzeugt, dass es funktionieren könnte“.
Damit ist der Umzug der Familie Bittar aus der Erstunterbringung in das Haus der Samenfinks in der Schlossergasse gemeint. Diese hatten sich, nachdem die Tochter ausgezogen war, schon länger mit der Idee befasst, die freigewordenen Räume im Obergeschoss des Hauses zu vermieten. „Ich hatte von Anfang an ein positives Gefühl“, erzählt Dieter Samenfinks Frau Ulrike. „Ich weiß noch, wie ich Osama und seine Familie zum ersten Mal traf und sagte: Das passt, das weiß ich“, führt sie weiter aus. Wegen der Miete mussten sich weder Osama Bittar noch die Samenfinks Gedanken machen. Dafür kommt zunächst der Landkreis auf – solange der Mietpreis angemessen ist und eine bestimmte Grenze nicht überschreitet. Vor dem Umzug waren allerdings noch einige Umbaumaßnahmen im Haus der Samenfinks notwendig. Ein zusätzliches Bad und ein separater Eingang mussten her, um die Wohnung für die künftigen Mieter herzurichten. „Ich sagte zu Osama, dass er erst einziehen könnte, wenn der Umbau fertig ist“, erklärt Dieter Samenfink. Von diesem Tag an habe Osama jeden Morgen um acht Uhr vor der Tür gestanden und habe mitgeholfen. „Beim Arbeiten lernt man sich wirklich kennen“, lacht Dieter Samenfink und Osama Bittar betont: „Dieter ist mein Bruder.“                                          

Osama Bittar in seiner kleinen "Nähwerkstatt" im Flur der Wohnung.zoom

Inzwischen seien sie eine große Familie geworden, bei der absolutes Vertrauen untereinander herrsche, bekräftigt auch Dieter Samenfink. „Sogar meine Hunde lässt Osama morgens raus, wenn wir am Arbeiten sind“, lacht der 59-Jährige. Obwohl die Verständigung nur „mit Händen und Füßen“ möglich sei, könne er sich keine besseren Mieter vorstellen. Auch Osama Bittar ist sehr glücklich in Marlen und vor allem im Haus der Samenfinks, wie er selbst sagt. Nur dass er die Sprache noch nicht beherrsche, fände er schade, denn sonst, könne es mit Dieter „noch viel lustiger sein“. Einen Sprachkurs bekommt der 49-Jährige erst im Februar. Bis dahin versucht er, sich Deutsch so gut es geht selbst beizubringen – mit der Hilfe von ehrenamtlichen Helfern und selbstverständlich Dieter.
Osama Bittar und seine Familie sind auf dem besten Weg, sich zu integrieren. Die Tochter besucht die Berufsschule in Kehl, seine Frau darf bereits in einem Sprachkurs Deutsch lernen und er selber arbeitet 24 Stunden im Monat bei einer Änderungsschneiderei in Offenburg. Obwohl das gesamte Geld, das er dort verdient, gerade so für die Busfahrt zu seinem Arbeitsplatz reicht, ist er froh, überhaupt arbeiten zu können. „Es macht mich glücklich“, erklärt Osama schlicht. Wer ihn an seiner Nähmaschine im kleinen Flur der Wohnung sitzen sieht, weiß, dass das stimmt. Sobald er genug Deutsch kann, möchte er wieder einen eigenen Laden eröffnen. „Aber Schritt für Schritt“, lacht er. Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, dass sei ihm nur zu gut bewusst. Während er redet, wird jedes seiner Worte mit einer ausladenden Handbewegung begleitet. Der lebensfrohe Mann gestikuliert viel, ist immer in Bewegung. Während er von seinem Leben in Damaskus erzählt, springt er immer wieder auf, kocht für seine Gäste Kaffee, holt Zucker oder Milch. Erst als jeder mit einer Tasse des aromatisch duftenden Getränks versorgt ist, setzt er sich. Man merkt Osama Bittar nicht an, dass er die Schule in Syrien nur drei Jahre lang besuchen durfte. Weil in der großen Familie mit acht Brüdern und zwei Schwestern das Geld hinten und vorne fehlte, sollte der Junge zusätzliches Geld verdienen, anstatt zu lernen, um damit die Haushaltskasse aufzubessern. In „einer großen Fabrik“ war der junge Osama zunächst als eine Art Hausmeister und zum Putzen angestellt. Die Fabrik produzierte Schuhe und schon bald fing Osama Bittar damit an, sich an den großen Nähmaschinen selbst das Schneidern beizubringen. Später erlernte er Design auf einer Art Berufsschule in Syrien und konnte schließlich eine eigene Damenschneiderei in Damaskus eröffnen. Gemeinsam mit seinen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nahm er Auftragsarbeiten für Hochzeiten und ähnliche festliche Anlässe entgegen. Ihm und seiner Familie ging es damals gut. Nachdem Krieg und Terror in der Stadt Einzug hielten, waren sie jedoch gezwungen, vor Tod und Elend zu flüchten. Gemeinsam mit seiner ältesten Tochter und deren Mann floh er über das Meer und musste Teile der Strecke sogar schwimmend bewältigen. Am 3. Juli 2015 kam er in Deutschland an – an das Datum erinnert sich Osama Bittar noch genau. Von Ellwangen aus wurde er in die Flüchtlingsunterkunft nach Marlen gebracht, erst Monate später sollte er mit seiner Familie wieder vereint sein.

Noch eine zweite Nähmaschine hat Osama Bittar geschenkt bekommen. Auch sie hat ihren Platz im Flur gefunden.zoom

Weil seine Frau Hannaa und die 17-Jährige Tochter Walaa wie viele Syrer nicht schwimmen können, war es sicherer für sie, über den weitaus längeren Landweg zu fliehen. Am 26. November 2015 – auch dieses Datum kommt wie aus der Pistole geschossen – wurden sie von Osama Bittars Betreuerin Erika Dörke mit dem Auto in Karlsruhe abgeholt und lebten dann für die nächsten drei Monate zu dritt in der beengten Flüchtlingsunterkunft in Marlen. Dort standen jedem Flüchtling 4,5 Quadratmeter Wohnfläche zu. Das bedeutete, dass sie zu dritt in einem Raum schliefen und wohnten. Sie teilten sich mit den anderen in derselben Wohnung untergebrachten Flüchtlingen sowohl die sanitären Anlagen als auch die Küche.
Natürlich seien die Bittars ein Paradebeispiel an Mietern, sagt Dieter Samenfink, und er sei sich darüber bewusst, dass es auch anders hätte ablaufen können. „Aber jede Nationalität hat seine Miesepeter, das muss man sich eben bewusst machen.“ Er selbst sei einfach nur froh über seine Entscheidung, die syrische Familie bei sich aufgenommen zu haben. Osama Bittar selber fühlt sich bereits wie ein Marlener und auch die Dorfbewohner haben ihn und seine Familie in ihrer Mitte aufgenommen. Viele Menschen kennen, schätzen und mögen die freundlichen Syrer. „Wir sind in Marlen sehr glücklich“, sagt Osama und blickt liebevoll zu seiner Frau. Hannaa lächelt schüchtern und nickt. Hier würden sie gerne bleiben.

Zum Jahresende appelliert Oberbürgermeister Toni Vetrano an die Haus- und Wohnungseigentümer in der Kernstadt und den Ortsteilen, auch Flüchtlinge als Mieter aufzunehmen: Wer Wohnraum für geflüchtete Menschen anbieten möchte, kann dies auf den Flüchtlingsseiten der Stadt Kehl im Internet tun. Dort wurde Anfang November das bereits bestehende Forum für Sachspenden und Beschäftigungsmöglichkeiten um die Rubrik „Wohnungen“ ergänzt. Nach einmaliger Registrierung per E-Mail können Nutzer in den einzelnen Rubriken Angebote oder Gesuche einstellen – wer sich angesprochen fühlt, antwortet ganz einfach auf den jeweiligen Eintrag. In dem Forum kann auch genau nachgelesen werden, welche Schritte die potenziellen Vermieter und Mieter beachten müssen. Wer weitere Fragen hat, kann sich zudem vormittags telefonisch unter 07851 88-1271 an Johanna Bung wenden.

29.12.2016

 

Flüchtlingshilfe Kehl

Daten und Fakten zum Thema Flüchtlinge in Kehl sowie Informationen für ehrenamtliche Helfer sind auf der Internetpräsenz www.fluechtlingshilfe.kehl.de zusammengestellt.

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