18 neue Stolpersteine erinnern ab Mai an Kehler Opfer des Nationalsozialismus

Wer in Kehl zu Fuß unterwegs ist, wird bereits durch 45 sogenannte Stolpersteine an jüdische Bewohnerinnen und Bewohner Kehls erinnert, die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wurden. Diese Stolpersteine – Pflastersteine, die mit gravierten Messingplättchen bedeckt sind – werden seit 1992 vom Kölner Künstler Gunter Demnig in einer europaweiten Aktion verlegt. Mehr als 60 000 Stolpersteine in 20 Ländern sind bereits gefertigt und eingesetzt worden. Am Dienstag, 2. Mai, kommen in Kehl 18 weitere Stolpersteine hinzu: Sie erinnern an die Familien Bensinger und Wertheimer und werden an sechs verschiedenen Standorten verlegt; Kehlerinnen und Kehler sind eingeladen, an der öffentlichen Gedenkveranstaltung teilzunehmen.

Der Kehler Gemeinderat beschloss 2010 einstimmig, sich an der Stolpersteinaktion zu beteiligen. Damals beauftragte das Gremium Dr. Ute Scherb, Leiterin des Hanauer Museums sowie des Stadtarchivs, die Biographien der Kehler Opfer zu erforschen. Die Historikerin konnte dabei auf Vorarbeiten der Lehrer Peter Friedrich und Karl Britz zurückgreifen. Dennoch gestalteten sich die Recherchen schwierig, da in Archiven generell wenige Dokumente zu jüdischen Einwohnerinnen und Einwohnern aus der Zeit der Hitler-Diktatur erhalten sind. So wurden auch in Kehl offenbar systematisch Meldekarten vernichtet, um Spuren der NS-Verbrechen zu beseitigen. In den wenigen Fällen, in denen Meldekarten erhalten sind, handelt es sich um Zufallsfunde. Diese liefern wichtige Informationen wie etwa Wohnadressen, Geburtstage, Verheiratungen oder Umzüge.                                 

Ausreisebestätigung in Hamburg am 18. März 1939 und Einreisebestätigung in Argentinien am 14. April 1939 im Reisepass Elise Wertheimers.zoom

Die Ergebnisse der Recherchen haben bislang drei Stolperstein-Verlegungen in Kehl ermöglicht: Im Juli 2011, im September 2012 und im Oktober 2013 wurden insgesamt 45 Steine in das Pflaster eingelassen, um an das Schicksal der jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner Kehls zu erinnern, die während der nationalsozialistischen Diktatur ermordet oder vertrieben wurden. In die Messingplättchen sind die Lebensdaten der Opfer eingraviert, verlegt wurden die Stolpersteine jeweils vor ihren letzten Wohnhäusern.
Nun sind die Recherchen so weit fortgeschritten, dass am 2. Mai 18 weitere Stolpersteine verlegt werden können, die an die Familien Wertheimer und Bensinger erinnern.   

Fünf Stolpersteine wird Gunter Demnig, geboren 1947 in Berlin, in der Kinzigstraße verlegen. Diese tragen die Namen des Ehepaars Julius und Elise Wertheimer, deren beider Söhne Fritz und Kurt sowie der Großmutter der beiden Jungen, Mina Wertheimer. Julius Wertheimer hatte im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich gekämpft und dafür zwei Verdienstorden erhalten. Trotzdem wurde er nach der Reichspogromnacht 1938 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Nach seiner Rückkehr, abgemagert und kahl geschoren, entschloss sich die Familie 1939 zur Flucht. Julius, seiner Frau Elise und den beiden Söhnen gelang die Ausreise über Hamburg per Schiff nach Argentinien. Fritz Wertheimer verstarb dort 2009, er hatte seine Heimatstadt Kehl und seine Jugendfreunde aber seit den 1980er Jahren regelmäßig besucht. Die Großmutter Mina, geboren 1861, war 1940 in das „Israelitische Altersheim in Westfalen“ nach Unna gezogen. Von dort wurde sie 1942 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, wo sie am 7. Januar 1943 von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Für Fritz Wertheimer, Jahrgang 1928, wird ein zweiter Stolperstein vor dem Hauptportal der Falkenhausenschule verlegt, die er besucht hatte. Hier befindet sich seit 2011 auch ein Stolperstein für den Lehrer Lazarus Mannheimer, ebenfalls ein Opfer des Holocausts.

Fritz Wertheimer ca. 1980.zoom

Vor der Wilhelmschule wird ab Mai ein Stolperstein an Renate Bensinger erinnern, die hier Schülerin war. Ihre Familie wohnte in der Spießgasse, wo Gunter Demnig weitere fünf Stolpersteine in das Straßenpflaster einlassen wird. Sophie Bensinger, geborene Wertheimer, war eine Tochter Mina Wertheimers. Sie heiratete 1920 Simon Bensinger. Aus der Ehe gingen drei Kinder, Erich, Friedrich und Renate hervor, die zwischen 1923 und 1928 geboren wurden. Nach seiner Deportation nach Dachau im Zuge der Reichspogromnacht, während der Simon Bensinger in Kehl öffentlich gedemütigt und durch die Straßen getrieben wurde, kehrte dieser Ende 1938 nach Kehl zurück. Von dort wurde er 1941 nach Kowno Fort IX deportiert, wo er am 25. November ermordet wurde. Das gleiche Schicksal erlitten seine Ehefrau sowie seine drei Kinder in verschiedenen Konzentrationslagern.

In Dorf-Kehl wird mit einem Stolperstein an Max Bensinger erinnert, der ein Bruder Simon Bensingers war. Als unverheirateter, selbständiger Kaufmann wohnte er ab 1935 in der Hauptstraße in Kehl, die damals Adolf-Hitler-Straße hieß. In der Reichspogromnacht wurde er, ebenso wie sein Bruder Simon, nach Dachau deportiert, von wo er am 23. Dezember 1938 zurückkehrte. Am 3. September 1939, dem Tag der Evakuierung Kehls zwei Tage nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, zog Max Bensinger nach Frankfurt. Von dort wurde er im September 1942 gemeinsam mit 1364 Frankfurter Jüdinnen und Juden nach Theresienstadt deportiert. Im Januar 1943 wurde er nach Auschwitz verbracht, wo er ermordet wurde.
Die letzte Verlegestelle befindet sich in der Hauptstraße unweit des Marktplatzes. Hier werden fünf Stolpersteine für Rosa und ihre Kinder Louis, Karolina, Gertrud und Elsa Bensinger verlegt, die zwischen 1883 und 1891 geboren wurden. Elsa und Getrud Bensinger betrieben im Elternhaus in der Hauptstraße ein Weiß- und Wollwarengeschäft, das seit dem Boykott jüdischer Geschäfte ab dem 1. April 1933 immer weniger Einnahmen erwirtschaften konnte. Die beiden sahen sich schließlich gezwungen, ihr Geschäft am 20. Dezember 1938 aufzugeben. Die Mutter, Rosa Bensinger, zog mit ihren Töchtern Karolina und Gertrud aufgrund der Evakuierung Kehls zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Köln zu einer Verwandten. Nach ihrer Rückkehr im Juli 1940 wurden alle drei, gemeinsam mit tausenden badischen Juden, am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Dort starb die damals 81-jährige Rosa Bensinger 1941, die beiden Töchter wurden über Drancy nach Auschwitz deportiert und dort vergast. Der Schwester Elsa Bensinger gelang 1939 die Flucht nach England und später in die USA. Sie hatte Deutschland mit nicht mehr als 10 Reichsmark verlassen müssen. Ihr Bruder Louis Bensinger war bereits 1915 während des Ersten Weltkriegs nach Mannheim umgezogen, wo er 1917 Theresia Salomon heiratete. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor, die dem Holocaust durch Emigration entkommen konnten. Die Eltern jedoch wurden beide, trotz Fluchtversuchen, von den Nationalsozialisten ermordet.

Photographie Fritz Wertheimers aus dem Reisepass seiner Mutter von 1938.zoom

Die Gedenkveranstaltung am 2. Mai wird vom „Arbeitskreis 27. Januar“ organisiert, der aus der Stadt Kehl, dem Historischen Verein Kehl, den beiden Kirchengemeinden sowie weiteren Gruppierungen und Einzelpersonen besteht. Zeitzeugen aus den Familien Wertheimer und Bensinger gibt es nicht mehr, der Arbeitskreis hat aber Nachkommen der beiden Familien aus Argentinien, Frankreich, Israel und den USA zur Stolpersteinverlegung eingeladen. Auch zahlreiche Kehler Schülerinnen und Schüler, die sich im Unterricht mit dem Leben der Kehler Juden während der NS-Zeit beschäftigen, werden sich an der Gedenkveranstaltung beteiligen. „Alles Gedenken an den Nationalsozialismus macht nur Sinn, wenn jüngere Generationen für dieses Thema sensibilisiert werden“, freut sich Dr. Ute Scherb über dieses Engagement. Der städtische Betriebshof wird die Eintiefungen im Straßenpflaster für die Stolpersteinverlegung vorbereiten. Oberbürgermeister Toni Vetrano wird an der Gedenkveranstaltung teilnehmen; die Kehler Bevölkerung ist ebenfalls dazu eingeladen. Der genaue Ablauf und der Beginn der Stolpersteinverlegung werden noch bekannt gegeben.

03.03.2017

 

Flüchtlingshilfe Kehl

Daten und Fakten zum Thema Flüchtlinge in Kehl sowie Informationen für ehrenamtliche Helfer sind auf der Internetpräsenz www.fluechtlingshilfe.kehl.de zusammengestellt.

Familienbörse

Wer Familien von der anderen Rheinseite kennenlernen möchte, findet hier Kontakte.

Termine

 
 

Stadtverwaltung Kehl · Hauptstraße 85 · 77694 Kehl · Tel.: 07851 88-0 · Fax: 07851 88-1102 · info@stadt-kehl.de