„Wir haben ihn den Bananenbus genannt“

Seit 1958 rollt er zwischen Kehl und Straßburg hin und her, hat schon Millionen Fahrgäste befördert. Innerhalb weniger Minuten kann man mit dem Bus 21 der Straßburger Verkehrsbetriebe CTS ins Nachbarland gelangen, um Einkäufe zu erledigen, Freunde zu treffen oder Veranstaltungen zu besuchen. Am Freitag, 28. April, wird die grenzüberschreitende Buslinie ein letztes Mal fahren – danach wird der Betrieb eingestellt. Die Rolle des Busses mit der Nummer 21 übernehmen dann die Tramzüge der Linie D, die ab Dienstag, 2. Mai, im 12- bis 20-Minuten-Takt zwischen Straßburg und Kehl verkehren werden.

„Meine Kollegen und ich haben ihn immer den ‚Bananenbus‘ genannt“, lacht Jean-Pierre Zimmermann, wenn man ihn nach dem Bus 21 fragt. Der ehemalige Busfahrer der CTS, der von 1976 bis 1980 auf der grenzüberschreitenden Buslinie im Einsatz war, kann einige Anekdoten erzählen – die Geschichte von den Französinnen, die immer über die Grenze nach Kehl gefahren sind, um billigere und angeblich auch geschmacklich bessere Bananen zu kaufen, ist nur eine davon.
Der Bus 21 war einer der ersten, die Jean-Pierre Zimmermann von 1976 an lenkte, nachdem er vom technischen Angestellten in der Straßburger Verwaltung zum Busfahrer umgeschult hatte. „Es war eine tolle Zeit“, sagt der heute 71-Jährige, wenn er auf die vier Jahre zurückblickt, in denen er Passagiere zwischen dem Straßburger Hauptbahnhof und dem Montmorencyplatz, dem Halt an der Stadthalle in Kehl, hin und her befördert hat. Das Verhältnis zwischen Busfahrern und Fahrgästen sei fast freundschaftlich gewesen, erzählt er, und diese „convivialité“, wie der Elsässer die Geselligkeit und das harmonische Miteinander im Bus bezeichnet, habe für ihn den Job ausgemacht. „Ich kannte fast alle Fahrgäste persönlich“, sagt er; „wenn jemand fehlte, der sonst immer mitfuhr, bemerkte ich das sofort“. Auch für Scherze seien die Passagiere zu haben gewesen – Jean-Pierre Zimmermann hatte immer einige auf Lager.

Der Bus 21 in den 1980er-Jahren am Place Kleber in Straßburg (Foto: Mécheri Miloud)

Die meisten Menschen hätten den Bus 21 auch damals schon genutzt, um im Nachbarland günstig einzukaufen, erinnert er sich. Nicht nur Bananen seien in den 70er-Jahren auf der deutschen Seite des Rheins günstiger gewesen, sondern auch einige andere Produkte, wie etwa Margarine. Umgekehrt seien die Kehler damals mit dem Bus 21 nach Frankreich gefahren, um Zigaretten, Alkohol und Kaffee zu kaufen – diese Produkte waren im Nachbarland billiger.
Wer die direkte Busverbindung zwischen Straßburg und Kehl nicht zum Einkaufen nutzte, pendelte mit ihr zur Arbeit oder zur Schule: Die Kinder der Soldaten der Französischen Streitkräfte in Deutschland (Forces Françaises en Allemagne, FFA) etwa, die in Deutschland wohnten und die École Primaire du Rhin in Frankreich besuchten, waren Stammgäste, genauso wie Franzosen und Deutsche, die jeweils im anderen Land arbeiteten. 2,80 Francs hätte eine Fahrkarte von der Stadthalle bis zur Straßburger Endhaltestelle am Hauptbahnhof gekostet, als er 1975 seine Busfahrer-Ausbildung bei der CTS begann, erinnert sich Jean-Pierre Zimmermann. Die Preise wurden nach Zonen berechnet, 60 Centimes kostete zusätzlich der Grenzübertritt. Bereits im Mai 1976 aber wurde die Zonenregelung abgeschafft und die Einheitspreise für eine Fahrt mit dem Bus oder der Straßenbahn, unabhängig von der Länge der zurückgelegten Strecke, eingeführt. Von da an zahlte man für die Einzelfahrt zwei Francs – die Kosten für den Grenzübertritt waren darin schon inbegriffen.

Jean-Pierre Zimmermann vor einem Werbeplakat für die Fahrzeugmarke SAVIEM aus dem Jahr 1968, das derzeit in der Ausstellung „140 Jahre CTS“ in den Stadtarchiven Straßburg zu sehen ist. Nur für dieses Werbefoto wurde die Linie 21 nach Kehl zur Linie 12.

Das Überqueren der Grenze war bis zur Abschaffung des Zolls mit dem Schengener Abkommen ohnehin eine besondere Angelegenheit, erzählt Jean-Pierre Zimmermann: Rund um die Uhr bewachten französische Zollbeamte, die deutsche Grenzschutzpolizei und die PAF, die Police de l’Air et des Frontières (Luftraum-und Grenzpolizei), die Brücke über den Rhein. Sie stiegen in die 21er-Busse ein, überprüften die Ausweispapiere der Fahrgäste, manche wurden auch durchsucht, berichtet der ehemalige Busfahrer, der seit 2004 im Ruhestand ist. Besonders streng seien die Kontrolleure in den 70er-Jahren gewesen, als die linksextremistische Terrorvereinigung Rote Armee Fraktion die Bundesrepublik mit Anschlägen, Entführungen und Morden in Atem hielt. 1977 vermutete die deutsche Polizei, dass sich einige Mitglieder der Gruppierung im Kehler Hochhaus „Der lange Trudpert“ verschanzt hatten – daher rückte sie mit verstärkten Truppen an. Obwohl sich der Verdacht letztendlich als falsch entpuppte, wurden Fahrzeuge, die den Rhein überqueren wollten, vier Wochen lang nicht mehr nur auf einer, sondern auf beiden Seiten der Europabrücke kontrolliert. „Weil die Kontrollen so viel Zeit in Anspruch nahmen, stiegen einige Menschen damals sogar aus dem Bus aus und überquerten die Rheinbrücke zu Fuß“, erzählt Jean-Pierre Zimmermann.
Wenn der 71-Jährige heute nach Kehl will, legt er die Strecke ebenfalls meist zu Fuß zurück – allerdings nicht, weil ihm die Fahrt mit dem Bus zu lange dauert, sondern weil er gerne spazieren geht und dabei Fotos schießt. Bilder von Brücken, Bussen, Zügen und vom Rheinhafenviertel, wo er als Sohn eines französischen Soldaten und eines Dienstmädchens aufgewachsen ist, sind die Leidenschaft von Jean-Pierre Zimmermann. Auch die neue Trambrücke wählt er gerne als Motiv – er findet es gut, dass die Straßenbahnlinie D bald wieder über den Rhein nach Kehl fährt: „Die Tram ist viel besser als der Bus“, sagt er, „sie ist schneller, steht nicht im Stau und es passen viel mehr Leute rein“.

Jean-Pierre Zimmermann im April 2017 vor dem Bus 21 an der Kehler Stadthalle.

Geschichte des 21-er Busses:
Nur sehr wenige Dokumente belegen die Entstehungsgeschichte der grenzüberschreitenden Buslinie 21. Fest steht, dass sie als Ersatz für die Straßenbahnlinie 1 zwischen Straßburg und Kehl gedacht war, die nach dem Ersten Weltkrieg eingestellt wurde. Zwar fuhr die Tramlinie 1 bereits im Jahr 1942 wieder über den Rhein bis zum Kehler Bahnhof – am 23. November 1944, dem Tag der Befreiung Straßburgs von der deutschen Besatzung, wurde die Verbindung jedoch eingestellt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, ab November 1946, fuhr die Buslinie F zwischen Straßburg und Kehl – aber auch sie wurde wieder außer Betrieb genommen, nachdem die französischen Besatzungskräfte im Dezember 1953 aus Kehl abgezogen wurden.
Die Kehler Verwaltung wollte die grenzüberschreitende Linie jedoch nicht aufgeben: Im Jahr 1955 beantragte sie die Wiederaufnahme einer durchgehenden Busverbindung nach Straßburg. Im Januar 1958 ging der Bus, damals schon mit der Nummer 21 versehen, in den Probebetrieb; im April 1959 wurde die Linie fest eingerichtet. Die Stadt Kehl beteiligt sich seither an den Betriebskosten – eine schriftliche Regelung in Vertragsform hat es aber diesbezüglich zwischen den Straßburger und den Ortenauer Verkehrsbetrieben nie gegeben.

Durfte sich noch einmal ans Steuer des Busses 21 setzen, obwohl er schon im Ruhestand ist: „Meinen Busführerschein habe ich ja auch noch“, betonte der pensionierte CTS-Mitarbeiter.

24.04.2017

 

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