18 neue Stolpersteine in Kehl verlegt

Mit einem regelmäßigen rhythmischen Klopfen verlegte der Künstler Gunter Demnig kniend 18 neue Stolpersteine an verschiedenen Orten in Kehl: Zum vierten Mal gedachten Kehler und Kehlerinnen am 2. Mai der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Diese Stolpersteine – Pflastersteine mit einer Messingplatte als Oberfläche – erinnern an die Familien Wertheimer und Bensinger. Während der dreistündigen Aktion haben Schüler und Schülerinnen aus vier Kehler Schulen die Lebensgeschichten der Opfer sowie Gedichte vorgetragen und anschließend rote und weiße Rosen auf die glänzenden Stolpersteine gelegt.

Oberbürgermeister Toni Vetrano erinnerte in seiner Rede in der Kinzigstraße 21 an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus: 1933 seien jüdische Familien über Nacht zu Feinden geworden, obwohl sie vorher beliebte Nachbarn gewesen seien. Sie seien entrechtet und aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden. Viele wurden in den Konzentrationslagern ermordet. „Wir wollen sie niemals vergessen“, sagte der OB. „Ich freue mich, dass der Kehler Gemeinderat seit 2010 die Stolpersteinaktion unterstützt“, fuhr er fort.

Künstler Gunter Demnig bringt die neuen Stolpersteine in das Pflaster ein.zoom

Weil Schulen aus seiner Sicht die besten Orte für die Erinnerungsarbeit sind, haben sich Kehler Schüler und Schülerinnen nicht nur mit der dunklen Zeit in der Stadtgeschichte befasst, sondern sich aktiv an der Stolpersteinverlegung beteiligt. Mitgestaltet haben die Aktion die Falkenhausenschule, die Tulla-Realschule, die Wilhelmschule und das Einstein-Gymnasium. „Wir hoffen, dass die Menschen über die Stolpersteine stolpern werden“, erklärte ein Schüler. Für jede Stelle hatten die Schüler kurze Vorträge oder Gedichte vorbereitet. In der Kinzigstraße 21, wo einst die Familie von Fritz Wertheimer wohnte, hat eine Schülerin zu einer Schweigeminute aufgerufen. Die Gruppe machte sich nun – bildlich gesprochen – zusammen mit Fritz Wertheimer auf seinen Schulweg. Die Falkenhausenschüler trugen einen alten Schulranzen mit sich, als Symbol dafür, dass sie sich in die Zeit vor mehr als 80 Jahren zurück versetzten. Zunächst begleiteten sie so Fritz Wertheimer bei einem kurzen Abstecher in die Hauptstraße 49. Hier wohnten seine Tanten Elsa und Gertrud Bensinger, die ein Weiß- und Wollwarengeschäft führten. Auch sie fielen dem NS-Terror zum Opfer. Für die ganze Familie Bensinger verlegte Gunter Demnig hier insgesamt sechs Stolpersteine. Einer davon war Louis Bensinger, dem Bruder von Elsa und Gertrud Bensinger, gewidmet, der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Seine Enkelin Shlomit Proter, die heute in Texas lebt, war eigens zur Stolpersteinverlegung angereist.

Schülerinnen und Schüler erinnerten in Vorträgen an die Schicksale der Kehler Juden und Jüdinnen und betonten: "Schaut uns an: Wir sind alle verschieden - und doch alle gleich."zoom

Bei der Station in der Hauptstraße 49 trugen die Schüler der Klasse 9b der Tulla-Realschule weiße Masken vor dem Gesicht. Sie zitierten mehrmals den Artikel 3 des Grundgesetzes, der besagt, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Sie verglichen ihre heutigen Erfahrungen als Teenager mit den damaligen Lebensbedingungen von jüdischen Kindern wie Fritz Wertheimer. Ihr Fazit war, dass sie froh seien, heute in Freiheit und Frieden leben zu können – ganz im Gegensatz zu ihren jüdischen Altersgenossen während des Nationalsozialismus.
Danach nahmen die Schüler ihren Schulranzen wieder auf und die Gruppe begab sich zum dritten Ort, an dem Stolpersteine verlegt wurden, der Falkenhausenschule.
Hier sangen die Kinder der Klasse 4a die „Ode an der Freude“ von Ludwig van Beethoven in deutscher und französischer Sprache, was einige der Besucher der Gedenkveranstaltung sichtlich rührte. Die Schüler hatten vor dem Schuleingang eine Schautafel mit Texten und Bildern zu Fritz Wertheimers Biografie vorbereitet und vor dem Schuleingang aufgestellt. Hier liegt schon seit einigen Jahren ein Stolperstein für den Onkel von Fritz Wertheimer, Lazarus Mannheimer, der in der Falkenhausenschule als Lehrer unterrichtet hatte.

Rote und weiße Rosen legten die Schülerinnen und Schüler auf die neuen Stolpersteine.zoom

Anschließend übernahmen Schüler der Wilhelmschule den Schulranzen, denn auch vor ihrer Schule sollte ein Stolperstein verlegt werden. Die frühere Schülerin Renate Bensinger hatte nicht wie Fritz Wertheimer die Möglichkeit, dem Holocaust zu entfliehen – sie wurde deportiert und im November 1941 in Kowno ermordet.
Symbolisch folgte die Gruppe bei der Stolpersteinverlegung nun dem Nach-Hause-Weg von Renate Bensinger, die mit ihren beiden Brüdern und ihren Eltern seit 1932 in der Spießgasse 9 wohnte. Die ganze Familie wurde ermordet.
Die letzte Station war die Hauptstraße 169, wo Max Bensinger, der Bruder von Simon Bensinger, ein Zimmer bei der Familie Horn bewohnte.

Francis Kaufmann aus Paris betonte vor der Falkenhausenschule wie wichtig es ist, weiterhin Erinnerungsarbeit zu betreibenzoom

Nachkommen der Familien Wertheimer und Bensinger aus Argentinien, Frankreich, Israel und den USA waren anwesend. Die letzte lebende Schülerin aus der Klasse von Fritz Wertheimer in der Falkenhausenschule, Annelise Horn, kam ebenfalls zu Gast nach Kehl. Francis Kaufmann, der Sohn von Julius Kaufmann, der heutzutage in Paris lebt, erzählte ebenso vor der Falkenhausenschule von dem Schicksal seiner Familie und lobte die Erinnerungsarbeit an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, die in Deutschland geleistet wird. „Diese Arbeit ist für den Erhalt des Friedens unbedingt notwendig – und besonders heute, angesichts der Wahlen in Frankreich“, betonte er: „Die Franzosen haben die Wahl zwischen zwei politischen Richtungen – und die eine erinnert stark an die Bewegung in Deutschland in den 1930er Jahren.“
Am Ende der Veranstaltung verabschiedete sich der Künstler Gunter Demnig und lobte die Kehler Schüler für ihre Mitarbeit bei der Veranstaltung. Anschließend fuhr er nach Lahr, wo er am Nachmittag weitere Stolpersteine verlegen wollte.

02.05.2017

 

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