Wenn Lernen zur Befreiung wird: Alphabetisierungskurs für Flüchtlingsfrauen im Jugendzentrum

Sie wollen in ihrem neuen Leben ankommen und sich in Deutschland zurechtfinden, sie wollen lernen. Deshalb sind ihnen zwei Termine in der Woche ganz besonders wichtig: Jeden Dienstag- und Donnerstagvormittag treffen sich seit November 20 Frauen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea im Jugendzentrum zum Alphabetisierungskurs, den die städtischen Integrationsbeauftragten organisiert haben und den großteils die Stadt finanziert, um eine vorübergehende Lücke im Angebot zu schließen.

„Konzentration!“, ermahnt Lehrerin Raschida El Hettak. Zwei Syrerinnen sind über die Diskussion, ob sich das Wort „verheiratet“ mit v oder mit f schreibt, vom Thema abgekommen, was die Lehrerin, die aus Algerien stammt und deshalb ebenfalls fließend Arabisch spricht, sofort bemerkt. Ihre Schülerinnen sollen sich selbst und ihre Familie kurz vorstellen, die wichtigsten Vokabeln dafür stehen auf der Tafel. „Ich bin Khadija, ich bin verheiratet. Ich habe fünf Kinder, drei Töchter und zwei Söhne. Ich habe fünf Brüder und eine Schwester. Mein Vater ist gestorben, meine Mutter lebt in Syrien.“ In langsam ausgesprochenen, aber flüssig formulierten Sätzen macht die Syrerin den Anfang. Sie gehört zu den Fortgeschrittenen der Gruppe, die nach Ende des Alphabetisierungskurses einen ersten Deutschkurs auf Niveau A1 besuchen wollen.

Konzentriert schreiben die Fortgeschrittenen des Kurses die Beschreibung ihrer Familien in ihre Übungshefte. zoom

„Die Frauen sind extrem motiviert und fleißig“, sagt Raschida El Hettak. „Sie verstehen den Kurs als Chance und nehmen das Lernen sehr ernst.“ Die Unterrichtsstunden würden sie nur dann versäumen, wenn es gar nicht anders gehe, beispielsweise weil sie selbst oder eines ihrer Kinder krank seien. „Und dann melden sie sich immer vorher ab“, ergänzt die Lehrerin, und man merkt ihr an, wie stolz sie auf ihre Schützlinge ist. Tatsächlich sind auch an diesem Wintertag fast alle Teilnehmerinnen im Jugendzentrum in der Kinzigstraße erschienen, obwohl das Thermometer minus sechs Grad zeigt, ein eisiger Wind durch die Straßen pfeift und die Frauen zum Teil aus Neumühl, Auenheim oder sogar Rheinau zum Kurs nach Kehl kommen – mit dem Bus oder auf dem Fahrrad.
„Sie genießen auch das Zusammensein und den Austausch“, weiß die Lehrerin, die selbst seit mehr als 20 Jahren in Deutschland lebt. „Die Frauen tun hier etwas für sich und fühlen sich zumindest für die Dauer des Kurses von einigen Sorgen befreit.“ Denn auch wenn die meisten Teilnehmerinnen inzwischen als Flüchtlinge anerkannt seien und in einer eigenen Wohnung lebten, stünden sie „noch unter enormem Druck“. Wie Khadija Al Mohammed berichten auch einige andere Frauen, dass ihr Vater gestorben sei und ein Teil der Familie noch in Syrien lebe. Die Erfahrungen im Kriegsgebiet, der Verlust von engen Verwandten und Freunden, die lebensgefährliche Flucht nach Europa haben sie traumatisiert; die Sorge um ihre zurückgelassenen Angehörigen wiegt schwer.

Zweimal pro Woche treffen sich Lehrerin Raschida El Hettak und ihre Schülerinnen im Jugendzentrum, um Buchstaben und Wörter zu lernen.

Hinzu kommt, dass manche sich mit dem Erlernen des lateinischen Alphabets und der deutschen Sprache besonders schwer tun, weil sie auch in ihrer Muttersprache nie Lesen und Schreiben gelernt haben. Der Kurs im Jugendzentrum läuft deshalb gleichzeitig auf zwei Niveaus: Khadija Al Mohammed und die meisten anderen Teilnehmerinnen können einfache Sätze bereits auf Deutsch formulieren und schreiben, vor allem die Afghaninnen wie Ahmadi Nazifa hingegen müssen erst noch lernen, wie die einzelnen Buchstaben heißen, wie sie ausgesprochen und – vor allem – wie sie geschrieben werden. Auf Übungsblättern sind alle Buchstaben des Alphabets mit Pfeilen versehen, so dass erkennbar ist, an welcher Stelle man mit dem Schreiben beginnt und in welcher Reihenfolge die weiteren Teile des Buchstabens sich anschließen. Ahmadi Nazifa und die anderen Frauen geben sich große Mühe, die für sie fremd aussehenden Zeichen korrekt nachzuzeichnen. „Dein F ist sehr schön, dein B auch“, lobt Raschida El Hettak. Mit dem p allerdings ist sie nicht zufrieden, es sieht eher aus wie ein P. „Ihr müsst auf große und kleine Buchstaben achten, bitte“, fordert die Lehrerin.
Vier Themenfelder, darunter Pünktlichkeit, Gesetze und Regeln sowie Umweltschutz, hat sich Raschida El Hettak für den Kurs vorgenommen. Begonnen hat sie mit dem Komplex Ordnung, womit in erster Linie die Haushaltsführung gemeint ist. „Natürlich wissen die Frauen selbst, wie man putzt, aber wie das passende Mittel dafür in deutschen Supermärkten aussieht, das wissen sie nicht.“ Deshalb hat sie Fotos von verschiedenen Produkten, die man im Haushalt benötigt, aus Prospekten ausgeschnitten, auf Plakate geklebt und mit kurzen Erklärungen versehen. So erkennen die Kursteilnehmerinnen, was ein Waschmittel, was ein Spülmittel und was ein Putzmittel ist. „Außerdem habe ich ihnen gezeigt, woran sie besonders günstige Produkte erkennen. Vorher haben sie einfach irgendetwas gekauft“, berichtet Raschida El Hettak. So lernen die Frauen in ihrem Unterricht nicht nur Vokabeln und Grammatik, sondern bekommen auch wichtige Hilfestellung für den Alltag. Mit demselben Ziel hat die Lehrerin, die auch an der Volkshochschule Deutsch unterrichtet und Studenten der Hochschule Arabisch beibringt, Formulare aus Arztpraxen mit in den Kurs gebracht, die Patienten beim ersten Besuch ausfüllen müssen. Darauf sind neben den Kontaktdaten beispielsweise bekannte Krankheiten und regelmäßig eingenommene Medikamente anzugeben – schwierige Vokabeln, die den Frauen aber sehr nützlich sein können.

Aufmerksam hören die Schülerinnen ihrer Lehrerin zu, als sie erklärt, wie einzelne Buchstaben in Kombination mit anderen ausgesprochen werden. zoom

Auch mit Musik arbeitet Raschida El Hettak gerne. Einmal klingelte während des Unterrichts ihr Handy, als Klingelton hat sie einen deutschen Rap-Song eingerichtet. „Die Frauen haben protestiert, als ich den Anruf weggedrückt habe, sie wollten die Musik so gerne hören“, schmunzelt die Lehrerin. Also hörten sie gemeinsam das ganze Lied an, lasen danach den Text laut vor und übersetzten die Wörter, die sie nicht verstanden. „So lernen sie auch“, ist Raschida El Hettak überzeugt. Das Gleiche gelte fürs Basteln. Ihre Dankbarkeit dafür, dass sie den Kurs gegen ein Entgelt von drei Euro pro Monat besuchen dürfen, hätten die Frauen in einem selbst gestalteten Weihnachtsgruß an Oberbürgermeister Toni Vetrano und Nanine Delmas, Fachbereichsleiterin Bildung, Soziales und Kultur, ausgedrückt.
Ermöglicht hat den Kurs auch der Einsatz von Vanessa Balbrink, Leiterin des Jugendzentrums. Als sie im Gespräch mit den Flüchtlings- und Integrationsbeauftragten Aurore Wenner und Raya Gustafson erfuhr, dass noch ein Raum für den Alphabetisierungskurs gesucht wurde, bot sie ohne Zögern die Räumlichkeiten im Jugendzentrum an. In der zweiten Etage richtete sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Martzloff extra einen Schulungsraum her, zudem dürfen die Frauen in den Unterrichtspausen die Küche des Jugendzentrums nutzen, um sich miteinander auszutauschen und Tee oder Kaffee zu kochen. „Es war keine Frage, dass wir das ermöglichen“, sagt Vanessa Balbrink. „Die Unterstützung von Menschen, die neu hier angekommen sind, gehört zu unserer Grundhaltung. Und als offenes Angebot passt der Kurs sehr gut zum Juze, auch wenn die Zielgruppe eine andere ist.“ Zu Beginn hat sie den Teilnehmerinnen ihre Arbeit mit den Jugendlichen vorgestellt. Dadurch, dass die Frauen das Jugendzentrum nun schon gut kennengelernt haben, so hofft Vanessa Balbrink, werden auch ihre Kinder das Zentrum besuchen, sobald sie alt genug dafür sind.

Aufmerksam hören die Schülerinnen ihrer Lehrerin zu, als sie erklärt, wie einzelne Buchstaben in Kombination mit anderen ausgesprochen werden. zoom

Hintergrund:
Die städtischen Flüchtlings- und Integrationsbeauftragten Aurore Wenner und Raya Gustafson haben den Alphabetisierungskurs in Zusammenarbeit mit der Kommunalen Arbeitsförderung organisiert, nachdem sich bei einem Treffen des Netzwerks Integration im vergangenen Jahr gezeigt hatte, dass es bis Mai 2018 eine Angebotslücke gab und viele Frauen auf der Warteliste standen. Auch eine Kinderbetreuung durch Babysitter im Jugendzentrum stellten sie auf die Beine, damit diejenigen Frauen, die kleine Kinder aber keine Betreuungsmöglichkeiten haben, trotzdem teilnehmen können. Die Gesamtkosten in Höhe von 4000 Euro für die Kinderbetreuung und den Kurs, der von November bis Mai jeweils an fünf Stunden pro Woche stattfindet, trägt die Stadt; die Frauen beteiligen sich mit einem monatlichen Beitrag über drei Euro. Geplant ist, dass die fortgeschrittenen Teilnehmerinnen anschließend in einen A1-Kurs einsteigen, beispielsweise bei der Volkshochschule, und die anderen Frauen einen Erstorientierungskurs besuchen, bei dem sie praxisnah Deutsch lernen. Dieser soll von den Flüchtlings- und Integrationsbeauftragten begleitet werden, so dass diese die Teilnehmerinnen immer wieder in verschiedene Aktivitäten in der Stadt einbinden können.

09.03.2018

 

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