Unternehmer treten an, den „Rohdiamant Kehl“ zu schleifen

Kehl braucht mehr Breitband, mehr Betreuung für Schulkinder, mehr ÖPNV-Verbindungen zu den Gewerbebetrieben, neue Gewerbeflächen, Radwege in die Gewerbegebiete und weniger Bürokratie bei der Anerkennung von Berufsabschlüssen aus den europäischen Nachbarländern oder bei der Erteilung von Visa für Fachkräfte aus Ländern außerhalb der EU. So könnte man den Wunschkatalog der Unternehmerinnen und Unternehmer zusammenfassen, die sich am Thinktank Wirtschaftsstandort Kehl im Calamus-Hotel beteiligt haben. Gesprochen wurde auch darüber, was die Unternehmen dazu beitragen können, um die Rahmenbedingungen zu verbessern. Die Beiträge und Ideen werden nun zu Leitlinien und Handlungsempfehlungen zusammengefasst, die dann der Stadtverwaltung und den Fraktionen im Gemeinderat übergeben werden, aber auch mit den Kandidaten für die Kommunalwahl diskutiert werden sollen.

„Kehl ist eine Art Rohdiamant“, sagte David Gümbel, der den Thinktank gemeinsam mit Wirtschaftsförderin Fiona Härtel initiiert hatte nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Toni Vetrano. „Wenn man geschickt schleift, kommen die Dinge zum Vorschein“. Wo und wie gemeinsam geschliffen werden könnte, wollte der IT-Unternehmer zusammen mit seinen Unternehmerkolleginnen und –kollegen herausfinden, die er in einer ersten Runde aufforderte, „die Schmerzpunkte“ zu benennen. Die Seinen definierte er als Beispiele zum Einstieg klar: Die Nachmittagsbetreuung von Grundschülern müsse gesichert sein, damit beide Elternteile arbeiten könnten und Kehl brauche den Anschluss ans Glasfasernetz. Er habe persönlich gemessen: Schon im Straßburger Teil des Gartens der zwei Ufer sei das Netz 30 Mal leistungsfähiger als auf der Kehler Rheinseite. Es stelle sich also die Frage, ob Glasfaserkabel nicht über Kabelkanäle unter der Passerelle des deux Rives oder der Trambrücke über den Rhein geholt werden könnten. „Man müsste doch vom französischen Glasfasernetz profitieren können“, findet David Gümbel.

In Gruppen bearbeiteten die Unternehmerinnen und Unternehmer unterschiedliche Themenfelder, hier: Flächen, Transport und digitale Infrastruktur.zoom

In der Arbeitsgruppe Flächen, Transport und digitale Infrastruktur erhielt er Zustimmung: Der Stand der Digitalisierung in Deutschland sei „ein Armutszeugnis“. Aber auch an Gleisinfrastruktur fehlt es in Kehl. Zwar unterhalte der Hafen ein Gleisnetz mit 40 Kilometern Länge, gleichzeitig habe die Bahn im Rangierbahnhof jedoch Gleise abgebaut. „Wir sind mit unserem Latein am Ende“, erklärte der stellvertretende Hafendirektor Ulrich Stichler, der Kehler Hafen brauche das vorgelagerte Netz der Bahn, um wachsen zu können und den Warentransport zu sichern, gerade auch bei Niedrigwasser im Rhein. Es gehe hier nicht um Tage, sondern um Wochen, welche die Güterzüge später einträfen. Die wenigen noch vorhandenen Potentiale bei den Gewerbeflächen sollten besser genutzt werden, wünschten sich die Unternehmer, „dubiose Nutzungen“ müssten durch Vorgaben in den Bebauungsplänen eingeschränkt werden.

Was sich die Unternehmerinnen und Unternehmer bei den Themen Mobilität und Arbeitskräfte wünschen, haben sie auf diesen Karten zusammengefasst.zoom

Was die Gewinnung von Arbeitskräften in Ländern außerhalb der europäischen Union angehe, dauere es ewig, bis die Betroffenen einen Termin in der deutschen Botschaft bekämen, bedauerten Kehler Unternehmer und hätten gerne, dass sich der Eurodistrikt dieses Themas annähme. Auch die Anerkennung von Ausbildungen im handwerklichen und mechanischen Bereich sei schwierig, auch hier wären die Unternehmer froh über Erleichterungen und Unterstützung über bereits bestehende Netzwerke. Überlegt wurde auch, ob der Aachener Vertrag nicht für die Gründung einer deutsch-französischen Exzellenz-Universität im Grenzgebiet nach dem Vorbild von Harvard oder Berkeley genutzt werden könnte.

Mit den Themen Mobilität und Arbeitskräftegewinnung beschäftigte sich diese Gruppe.zoom

Damit Arbeitnehmer und Auszubildende leichter in die Gewerbegebiete gelangen könnten, hätten die Unternehmen gerne mehr Radwege sowie einen Buspendeldienst vom Bahnhof aus; manche könnten sich vorstellen, ihren Beschäftigten E-Bike-Leasing anzubieten. Mitarbeitende von außerhalb anzuwerben, könne nur dann gelingen, wenn in Kehl auch bezahlbare Wohnungen zu bekommen seien, lautete eine Feststellung. Im Zusammenhang damit kam der Wunsch nach einem Haus auf, in dem vor allem neue Arbeitnehmer aus dem Ausland während der Probezeit wohnen könnten, also bevor sie ihre Familien nachholten. Kinderbetreuung müsse auch nach 14 Uhr noch stattfinden, damit beide Elternteile arbeiten gehen könnten, konstatierte die Gruppe Familie und Wohnen. Die Unternehmer könnten die Stadt beim Aufbau entsprechender Strukturen unterstützen, selbst welche aufbauen, oder freie Träger nach Kehl holen, lautete ein Vorschlag.

Auch die Themen Innenstadt und Handel spielen für die Kehler Unternehmerinnen und Unternehmer eine wichtige Rolle.zoom

Auch bei der Stadtentwicklung sahen die Unternehmer noch Luft nach oben: Der neue Rathausplatz sei ein Highlight, in der Innenstadt fehlten jedoch die attraktiven Punkte, die „Lust machen immer mehr und mehr zu entdecken“. Mehr Aktivitäten auf dem Marktplatz, mehr Sitzgelegenheiten, schöne Liegestühle im Rosengarten, eine Aufwertung der Hauptstraße von der Oberländerstraße in Richtung Sundheim, sind nur einige Punkte auf ihrer Wunschliste. Sie betonten, dass gerade auch im Hinblick auf die vielen positiven Seiten Kehls am Image insgesamt gearbeitet werden müsse. Außerdem plädierten sie für ein Parkleitsystem und mehr Kurzzeitparkplätze – „30 Minuten, nicht zwei oder drei Stunden“ – empfinden aber ansonsten keinen Mangel an Parkplätzen, ganz im Gegenteil: Es gebe sehr viele Parkplätze in Kehl, der Beweis sei, dass im Parkhaus unter dem Centrum am Markt oft viele Plätze frei blieben.

Wohnen und Familie sind für Unternehmen wichtige Themen, wenn es um die Gewinnung von Arbeitskräften geht.zoom

12.02.2019

 

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