Kritische Infrastruktur Kläranlage: Wenn die Pumpen ausfallen, steht das Abwasser auf der Straße

Während der Corona-Ausbreitung ist immer wieder von systemrelevanter Infrastruktur die Rede. Hinter diesem abstrakten Begriff verbergen sich ganz konkrete Einrichtungen, die für die Grundversorgung unentbehrlich sind. Zwei dieser kritischen Infrastrukturen sind Wasserversorgung und die Abwasserbeseitigung der Stadt. Fast undenkbar, dass sie ausfallen könnten: Deshalb sind die Mitarbeitenden im wochenweisen Schichtbetrieb vor Ort, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren und eine Reservemannschaft vorzuhalten. Zur Verstärkung setzen die Technischen Dienste Kehl (TDK) Mitarbeitende aus den Bädern und dem Betriebshof ein.

Die Kehler Kläranlage bereitet das Abwasser von mehr als 36 000 Einwohnerinnen und Einwohnern – von Hohnhurst bis Zierolshofen – wieder auf. zoom

Das Abwasser von mehr als 36 000 Einwohnerinnen und Einwohnern – von Hohnhurst bis Zierolshofen – wird zur Kehler Kläranlage gepumpt. Dabei legt das Schmutzwasser eine Strecke von rund 300 Kilometern zurück. 43 Pump- und Hebewerke sind in den Ortschaften im Einsatz. Ein Teil dieser Pumpwerke fördert das Regenwasser zu den nächstgelegenen Gewässern. Der Großteil jedoch dient zur Schmutz- und Mischwasserförderung, damit das Wasser seinen Weg zur Kläranlage findet. An regnerischen Tagen kommen dort so rund 25 Millionen Liter Wasser an.
Hier warten in der Regel vier bis fünf Mitarbeitende die Pumpen, behalten die Fehlermeldungen an der Schaltwarte im Auge, legen bei Störungen auch selbst Hand an und nehmen kleinere Reparaturen vor. In der Kläranlage wird aktuell in zwei Teams gearbeitet, die zeitversetzt ihren Dienst antreten und sich somit – aus Corona-Sicherheitsgründen – aus dem Weg gehen. Dadurch soll die Ansteckungsgefahr unter den Mitarbeitenden gesenkt werden. Denn: Die Kläranlage muss jederzeit betriebsfähig bleiben. Sollte dies jemals nicht der Fall sein, führt dies dazu, dass die Abwasserreinigung nicht richtig funktioniert und Schmutzwasser in den Rhein geleitet wird. Sollten hingegen die Pumpwerke auf dem Weg zur Kläranlage ausfallen, würden die Schmutzwasserkanäle überlaufen und das Abwasser in Kellerräume (nur bei fehlender Rückstausicherung) eintreten und aus der Kanalisation emporsteigen. Dann würde das Schmutzwasser die Straßen in der Stadt überfluten.

Auch die Mitarbeiter der Wasserversorgung arbeiten aufgrund der Corona-Lage im wochenweisen Schichtbetrieb vor Ort, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.zoom

Bislang ist das nur ein theoretisches Szenario. „So weit darf es nicht kommen“, erklärt Petra Hauser. Sie ist bei den Technischen Diensten Kehl für Wasser und Abwasser zuständig. „Um einen Schichtdienst einrichten zu können, haben wir Verstärkung angefordert.“ In der Kläranlage bewegen sich die Mitarbeitenden des Betriebshofs und der Bäderbetriebe vorerst auf fremdem Terrain. „Zu Beginn sollen sie erst einmal mitlaufen“, berichtet Petra Hauser. Trotzdem ist ihre Mitarbeit jetzt bereits wichtig. „Sie begleiten die Abwasser-Fachkräfte und gehen zur Hand, wenn etwa ein Facharbeiter in einem der Kanal- oder Pumpenschächte nach dem Rechten schaut“, gibt Petra Hauser ein Beispiel. Auch in der Kläranlage gilt in bestimmten Zonen: Allein zu arbeiten ist nicht zugelassen.
Zu zweit sind die Mitarbeitenden auch im Spülfahrzeug unterwegs. Das ist ein Lastwagen mit einem Rüssel, der Schlamm und Ablagerungen absaugen kann und die Kanäle mit Frischwasser ausspülen. „Beispielsweise gibt es immer noch Leute, die Feuchttücher über ihre Toiletten entsorgen“, bemängelt Petra Hauser. Das kann für Verstopfungen sorgen – beispielsweise in den Abwasserkanälen, aber „vor allem auch an unseren Pumpen“. Diese müssen anschließend wieder beseitigt werden – und das ist an allen Schmutzwasserpumpen sehr aufwendig. Stattdessen appelliert sie an die Kehlerinnen und Kehler, ihre Feuchttücher im Restmüll zu entsorgen, ebenso wie Wattestäbchen oder Mullbinden.
Parallel zur Corona-Ausbreitung und der angespannten Personalsituation gibt es in der Kläranlage aktuell noch eine weitere Baustelle: bei den zwei sogenannten Faulbehältern. Dort werden jährlich rund 2200 Tonnen Schlamm verarbeitet. Durch die Schlammfaulung in den Türmen entsteht Gas. Dieses wiederum erzeugt im angrenzenden Blockheizkraftwerk Strom und Wärme. Rund 80 Prozent des Energiebedarfs der Kläranlage kann damit selbst gedeckt werden, ein kleiner Anteil an Strom-Überschuss wird sogar ins Stromnetz eingespeist. Aktuell wird noch einer der beiden Faulbehälter saniert. Sobald er in Betrieb genommen werden kann, soll der zweite Behälter ebenfalls erneuert werden.

09.04.2020

 

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