Viktor Liehr: Hochwasserschutz geht alle an – Auch Kehl kann geflutet werden

Als der Rhein im Juli – zum zweiten Mal in diesem Jahr – Hochwasser führte, war das mehr eine Attraktion für Spaziergängerinnen und Spaziergänger als eine Bedrohung für Kehl: Dass Teile der Stadt von Hochwasser betroffen sein könnten, will der Feuerwehrkommandant nicht ausschließen. Auch für Kehl gibt es ein sogenanntes Worst-Case-Szenario und das ist ein Bruch des Kinzigdamms. Je nachdem, an welcher Stelle der Damm brechen würde, stünden Neumühl und Kork oder Teile der Kernstadt unter Wasser. Damit dies möglichst nicht geschieht, ist in den vergangenen Jahren viel unternommen worden: „Nach jedem größeren Hochwasser nehmen wir es zum Anlass unsere Maßnahmen zu reflektieren und anzupassen.“, versichert Viktor Liehr und stellt klar: „Jeder Einzelne kann etwas zum Hochwasserschutz beitragen.“

Der Rhein

Mit dem Rhein hat die Feuerwehr am meisten zu tun: Im Schnitt steht das Rheinvorland alle zwei Jahre unter Wasser. Dann müssen durch den Betriebshof Absperrungen aufgebaut und eventuell die Dammscharten im Bereich des Gartens der zwei Ufer geschlossen werden. Erreicht das Wasser den Damm, dann wird dieser regelmäßig von geschulten Feuerwehrleuten kontrolliert. Für Viktor Liehr sind das längst „eingespielte Maßnahmen“. Wenn der Pegel am Kronenhof die Marke von 4,10 Meter erreicht, beginnt das Wasser des Stroms über die Ufer zu schwappen. Bei 5,15 Meter lag in diesem Sommer der Höchststand. „Seit 2013 ist das Wasser nicht mehr so weit herausgekommen“, erinnert sich der Feuerwehrkommandant.
In den vergangenen 25 Jahren sind rechts und links des Rheins große Retentionsflächen eingerichtet worden. Diese haben die Überflutungsgefahr vor allem für die Städte und Gemeinden verringert, die rheinabwärts liegen, Karlsruhe oder Ludwigshafen, bis hin zu Köln. Deswegen ist der Wasserstand in Maxau der Referenzpegel für den Einstau durch das Kulturwehr. Die Polder werden in der Regel dann geflutet, wenn in Maxau die Abflussmenge von 3800 Kubikmeter pro Sekunde erreicht ist und 4200 Kubikmeter pro Sekunde prognostiziert werden. „Das sind vier Millionen Liter Wasser in einer Sekunde“, verdeutlicht Viktor Liehr, mit welcher Macht das Wasser dann durch das Flussbett rauscht. Bevor gepoldert wird, sind umfangreiche Vorbereitungsmaßnahmen zu ergreifen. Es gilt die Überflutungsgebiete zu befahren und frei zu machen. Zusätzlich werden festgelegte Wildrückzugsgebiete eingerichtet und ebenfalls gesichert. An mehreren Stellen werden die Absperrungen durch Feuerwehrleute besetzt. „Leider haben viele Spaziergängerinnen und -gänger kein Verständnis für die Tierschutzmaßnahmen und umgehen die Sperrungen“, müssen die Feuerwehrleute immer wieder feststellen.

Das für Kehl harmlose Rheinhochwasser im Juli war eine Attraktion für Spaziergängerinnen und -gänger.zoom

Dem Feuerwehrkommandanten bereitet in solchen Tagen weniger die Überschwemmungsgefahr für die Stadt oder die Haltbarkeit der Rheindämme Sorgen als das Verhalten mancher unvernünftiger Zeitgenossen. Die Schilder, welche in solchen Fällen das Betreten des Rheinvorlandes untersagen, werden häufig ignoriert. Zu sehen sind Radfahrer, die sich einen Spaß daraus machen, durchs Wasser zu pflügen, Hundebesitzer, die mit ihren Vierbeinern im Hochwasser unterwegs sind oder Eltern, die sich mit ihren Kindern bis an den Rand des anstehenden Wassers wagen. Dabei werde nicht nur die Kraft der Strömung unterschätzt, sondern häufig auch nicht beachtet, dass das Hochwasser Äste, ganze Baumstämme oder sonstigen Unrat mit sich führt, was auch Erwachsene zum Stürzen bringen kann. „Dann sind wir mit für uns sehr gefährlichen Rettungseinsätzen gefordert“, konstatiert der Kommandant.

Die Kinzig

Wenn die Kinzig Hochwasser führt, werden die Radwege unter den Brücken regelmäßig überflutet und müssen gesperrt werden. zoom

Baumstämme können für Kehl im Zusammenhang mit einem starken Kinzighochwasser zum Problem werden. Verkeilt sich etwa ein mitgeführter entwurzelter Baum an einem der Brückendurchlässe, so sammelt sich dort schnell alles an, was sonst noch im Wasser treibt, weiß der Feuerwehrkommandant. Durch einen so entstehenden Rückstau könnte Kinzigwasser über den Damm schwappen. „Dann kann man nur versuchen die Blockade von der Brücke herunter aufzubrechen “, sagt Viktor Liehr. „Starkes, reißendes Wasser hält man nicht auf, das sucht sich seinen Weg.“
Katastrophale Auswirkungen hätte für Kehl ein Dammbruch entlang der Kinzig. Damit es dazu nicht kommt, wurden – bereits vor der Gartenschau 2004 – umfangreiche Renaturierungsmaßnahmen vorgenommen. Dem zuvor geraden Fluss wurden Schleifen zurückgegeben, wodurch die Geschwindigkeit des Wassers gedrosselt wird. Das Wassergesetz für Baden-Württemberg regelt, dass die Landesbetriebe Gewässer für die landeseigenen Hochwasserdämme verantwortlich sind. Diese Zuständigkeit für den sogenannten Betrieb umfasst auch den Hochwasserfall. In der Praxis arbeiten bei Hochwasser die Fachleute der Landesbetriebe Gewässer und der für die Gefahrenabwehr zuständigen Stellen Hand in Hand, um mögliche Schäden zu minimieren.
Um Gefahren frühzeitig zu erkennen, wird der Zustand des Dammes bei der Dammkontrolle überwacht. Die Kontrolleure achten auf Böschungsrisse, melden Aufwölbungen der Grasnarbe und beurteilen Menge und Trübung von austretendem Sickerwasser. Die so erkannten Schwachstellen werden durch Dammverteidigungsmaßnahmen gezielt gesichert. 12 000 leere Sandsäcke lagern in der Feuerwache, wo auch eine Füllmaschine einsatzbereit ist. Mit dieser Maschine würde im Notfall in einem der umliegenden Kieswerke begonnen, die Säcke zu füllen, die dann sofort dorthin gebracht würden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Das Referat Integriertes Rheinprogramm des Regierungspräsidiums Freiburg verfügt, weiß Viktor Liehr, über weitere und leistungsfähigere Füllmaschinen, die dann ebenfalls nach Kehl gerufen werden könnten.

Die Kinzig stellt für Kehl in Sachen Hochwasser eine größere Bedrohung dar als der Rhein. Vor der Landesgartenschau 2004 wurde der Fluss renaturiert, um die Fließgeschwindigkeit des Wasser zu verringern.zoom

Die Schutter

Das Hochwasser in der Schutter um den 15. Juli wurde von den starken Regenfällen und dem parallel dazu ansteigenden Grundwasser verursacht. Das Grundwasser ist innerhalb von zwei bis drei Tagen um etwa 40 Zentimeter angestiegen. Diese führte dazu, erklärt Michael Heitzmann, Verbandsingenieur des Zweckverbands Hochwasserschutz Schuttermündung, dass die Schutter viel Hochwasser aufnehmen und ableiten musste. Bereits im Bereich der Heiligenschleuse in Lahr wurde der Zulauf gedrosselt.
Die Verbandsingenieure informieren alle Ortschaften entlang der Schutter über die jeweils aktuelle Lage. Der Zweckverband Hochwasserschutz Schüttermündung ist in der Alarmierungskette Rhein-Kinzig-Schutter-Hanauer-Zweckverband aufgenommen. Bei jedem längerfristigen Regenereignis und gleichzeitig steigendem Wasserstand in der Schutter wird mit dem Regierungspräsidium Freiburg und der Feuerwehr Kehl abgesprochen, ob Wassermengen im Bereich der Schütterle-Überleitung (Müllen) abgeleitet werden. Mit dieser Maßnahme würde vor allem Eckartsweier geschützt – bislang musste sie nur im Regen- und Hochwasserjahr 2013 eingesetzt werden. Die kritischen Pegelstände werden den Verbandsingenieuren automatisch per SMS mitgeteilt.

Jeder kann einen Beitrag leisten

Weil aber alle Berechnungen im Ernstfall nur graue Theorie sind und „man nie genau sagen kann, wo eine Regenzelle sich öffnet“, ist es für den Feuerwehrkommandanten ganz wichtig, dass „jeder Einzelne, jeder Gewerbetreibende und jeder Privatmann seinen Teil zum Hochwasserschutz beiträgt“. Oft könne man schon mit Kleinigkeiten eine hohe Schutzwirkung erreichen: Viktor Liehr nennt Rückschlagklappen als Beispiel. Sie verhindern im Hochwasserfall, dass Wasser aus der Kanalisation in ausgebaute Keller gedrückt werden kann. Viele Hausbesitzer hätten zwar sogenannte weiße Wannen errichtet, ihre Keller also mit wasserdichten Wänden umgeben, aber keine wasserdichten Fenster eingebaut. Das schützt zwar vor Grundwasser, steigt das Wasser aber auf Niveau der Fenster an, dringt es nahezu ungehindert in die Keller ein. Im Falle einer Hochwasserlage müsse die Feuerwehr ihre Einsätze priorisieren: „Es kann also dauern, bis Hilfe kommt“, warnt Viktor Liehr.

Information

Auf der Homepage des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe steht ein Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen zum Herunterladen zur Verfügung. Eine Broschüre, die aus Sicht des Feuerwehrkommandanten in jedem Haushalt vorliegen sollte.
DieHochwassergefahrenkarten für Kehl können beim Daten- und Kartendienst der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) eingesehen werden.
Die Pegelstände der Schutter sind unter www.schutterhochwasser.de abrufbar.

11.08.2021

 

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