Weil Sprache die Integration fördert: Familienfreundliches Sprachcafé für Migrantinnen

„Unsere Schülerinnen sind alle sehr motiviert“, sagt Gülcin Fidan mit Stolz in der Stimme. Ihre Kollegin Reem Danawi nickt bekräftigend. Die beiden Frauen unterrichten seit Oktober zugewanderte Menschen auf dem Sprachniveau A1. In den Räumen des Instituts für deutsche Sprache organisieren die städtischen Integrationsbeauftragten des Fachbereichs Bildung, Soziales und Kultur, unterstützt durch das Diakonische Werk, die Bürgerstiftung und das Sozialministerium seit Oktober ein Sprachcafé, dass sich in erster Linie an junge Migrantinnen richtet, die vor Ort einen Kurs suchen, der mit dem Familienleben vereinbar ist. Zu arbeitnehmer- und familienfreundlichen Zeiten und mit angeschlossener Kinderbetreuung leisten die Dozentinnen und ehrenamtlichen Helferinnen einen Beitrag zur Integration.

Reem Danawi kam vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland. Dort lehrte sie an einer Universität Französisch als Fremdsprache. Inzwischen unterrichtet sie Vorbereitungsklassen für Jugendliche mit geringen Sprachkenntnissen an der Hebelschule. „Ich hatte viel Glück als ich nach Deutschland kam, da ich schnell in Kontakt zu deutschsprachigen Menschen fand“, erzählt sie. Vielen Migrantinnen ergeht es aber anders. Weil ihre Männer arbeiten und sie sich um den Nachwuchs kümmern müssen, bleiben kaum Kapazitäten, um die Sprache zu lernen. Der Besuch eines regulären Integrationskurses scheitert oft an den Unterrichtszeiten, der Anfahrt oder der fehlenden Betreuungsmöglichkeit für Kinder, erzählt die städtische Integrationsbeauftragte Raya Gustafson.
Das kann Teilnehmerin Luminita Dumitru nur bestätigen: „Tagsüber arbeite ich in Appenweier. Da ist der Besuch eines Sprachkurses zeitlich nicht einfach.“ Casi-Ana Cristercu muss sich tagsüber um ihre Kinder kümmern. „Deswegen“, so sagt sie, „ist das Sprachcafé mit der Betreuungsmöglichkeit interessant für mich.“

Die Schülerinnen von Reem Danawi und Gülcin Fidan während des Unterrichts.zoom

Um Frauen und Männern, die in ähnlichen Lebenssituationen wie die beiden sind, zu helfen, haben die Mitarbeitenden der Kehler Informations- und Anlaufstelle für Zugewanderte aus Osteuropa (KIA) des Diakonischen Werks zusammen mit den städtischen Integrationsbeauftragten Robyn Tropf und Raya Gustafson darauf hingearbeitet, dass neben den klassischen Integrationskursen zusätzliche Angebote geschaffen werden. Die ehrenamtlichen Sprachbegleiterinnen des Kehler Dolmetscherpools konnten bis jetzt 25 Frauen für die Kursteilnahme gewinnen. 20 von ihnen sind im Durchschnitt anwesend.
Neben einem Arbeitstisch steht ein Kinderwagen, in dem ein Säugling schläft. Einige Mütter haben ihre Kleinkinder, die lieber noch bei ihnen bleiben wollen, während des Unterrichts auf ihrem Schoß sitzen. Im Sprachcafé werden Frontalunterricht und Gespräche vermischt. Die Atmosphäre vor Kursbeginn ist gelöst, man kennt sich inzwischen. Einige Frauen plaudern leise miteinander. Dass das möglich ist, ist ein gutes Zeichen. „Unser Ziel ist es, dass sich die Frauen im Alltag besser ausdrücken können“, erklärt Reem Danawi die Idee hinter dem Sprachcafé. Raya Gustafson ist zufrieden damit, wie das Programm angenommen wird. Ursprünglich ging sie davon aus, dass die meisten Teilnehmerinnen aus dem arabischen Sprachraum kommen würden, aber, „neben Kurdinnen und Syrerinnen“, so sagt sie, „nehmen auch viele Frauen aus Rumänien, Bulgarien und Albanien teil.“
Gülcin Fidan ist überzeugt vom Sprachcafé: „Integration finde ich wichtig. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie es ist, neu in einem Land anzukommen.“ Sie ist in Deutschland geboren worden und hat später viele Jahre in der Türkei gelebt. Um sicherzustellen, dass der Unterricht im Sprachcafé sich lohnt, erklärt Gülcin Fidan, werden die Teilnehmerinnen in zwei Gruppen aufgeteilt, da sie so individueller betreut werden können. Jede soll sprechen und Fragen stellen können. Während die Mütter an ihren Sprachfertigkeiten arbeiten, malt, bastelt und tobt der etwas ältere Nachwuchs in der Betreuung in den Räumen des Diakonischen Werks. Drei ehrenamtliche Helferinnen, Ute Schlichting-Fuß, Enas Derbas und Mahmuda Akter, kümmern sich um die Kinder der Teilnehmerinnen. Zwei von ihnen haben selbst Migrationshintergrund. Ute Schlichting-Fuß, die als Tagesmutter arbeitet, erzählt, dass die Kinder keine Berührungsängste kennen, obwohl sie oft nicht dieselbe Sprache sprechen. „Notfalls verständigen sie sich mit Händen und Füßen“, sagt sie und lacht, während ihr der Sechsjährige Dani durch eine lange Rolle aus Pappe ins Ohr trompetet.

Viele Frauen können an Sprachkursen nur teilnehmen, wenn die Betreuung ihrer Kinder sichergestellt ist.zoom

Hintergrund
Im Sprachcafé soll eingewanderten Menschen, für welche die Teilnahme an regulären Integrationskursen schwierig ist, die Möglichkeit zum Spracherwerb gebo-ten werden. Die Kurse finden jeweils dienstags und donnerstags von 17 bis 19 Uhr statt. In den Schulferien macht das Sprachcafé Pause. Auch für Männer ist die Teilnahme möglich. Das Sprachcafé darf die Kursräu-me des Instituts für Deutsche Sprache und des Diako-nischen Werks kostenfrei nutzen und erhält eine För-derung der Bürgerstiftung und des Diakonischen Werks im Evangelischen Kirchenbezirk Ortenau. Das Sozialministerium des Landes unterstützt das Projekt im Rahmen der VwV Deutschförderung finanziell. Derzeit bietet der Kurs Platz für 26 Teilnehmerinnen und Teilnehmer – im Betreuungsangebot können bis zu 20 Kinder aufgenommen werden.

07.01.2022

 

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