Klimaspaziergang

Ein Klimaspaziergang zwischen Straßburg und Kehl

Rund 25 Bürgerinnen und Bürger aus Straßburg und Kehl waren der Einladung zu einem grenzüberschreitenden Klimaspaziergang gefolgt.

Extrem heiße Tage, Nächte jenseits der 20 Grad, ein niedriger Pegelstand des Rheins und Bäume, die still vor sich hin leiden: So sah die Realität des vergangenen Sommers aus – beiderseits des Rheins. Der Klimawandel macht eben nicht an Landesgrenzen halt, und ebenso wenig die Überlegungen, wie ihm zu begegnen ist, um Mensch und Natur bestmöglich zu schützen. Deshalb luden die Straßburger Agence du Climat und das Klimaanpassungsmanagement der Stadt Kehl zu einem grenzüberschreitenden Klimaspaziergang ein: vom französischen Teil des Gartens der zwei Ufer über die Passerelle, vorbei an Wasserband und Altrhein bis zum Rosengarten. An mehreren Stationen erläuterten die Referentinnen und Referenten den rund 25 Teilnehmenden Begriffe und Maßnahmen zur Klimaanpassung. Das Ziel: die eigenen Risiken verstehen und die Lösungsansätze beider Städte kennenlernen.

Gleich zu Beginn teilte Muriel Temme, Referentin für Begrünung und Klimaanpassung bei der Straßburger Agence du Climat, erste alarmierende Fakten mit: Zwischen den Jahrzehnten 1955 bis 1964 und 2015 bis 2025 sei die Durchschnittstemperatur im Einzugsgebiet der Eurometropole um 2,6 Grad Celsius gestiegen. An der Messstation Straßburg-Entzheim seien erstmals 2003 über 38 Grad registriert worden. Seitdem würden die zeitlichen Abstände kürzer: 2015 (38,7 Grad), 2019 (38,9 Grad), 2022 (38,4 Grad). Bereits im Juni dieses Sommers seien in Straßburg 40,5 Grad gemessen worden. „Und ab dem Jahr 2050 sind in unserer Region Temperaturen um die 50 Grad nicht ausgeschlossen“, wusste Muriel Temme zu berichten.
Für Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner komme ein weiterer Faktor hinzu: der sogenannte städtische Wärmeinsel-Effekt, nach dem es nachts in der Stadt um einige Grad wärmer sei als im Umland. Für den Menschen werde das zum Gesundheitsproblem, besonders für Kinder, ältere und chronisch kranke Menschen, Schwangere und Obdachlose. „Wenn es nachts über 23 Grad warm bleibt, befindet sich der Stoffwechsel nicht mehr bei einer optimalen Temperatur, um sich normal erholen zu können.“ Unter anderem deshalb sei Klimaanpassung so wichtig. Wie die in der Praxis aussehen kann, zeigte sich entlang der Route: Im neuen Straßburger Viertel Deux Rives setzten die Entwickler auf Holzbauweise und gute Fassadendämmung und pflanzten Bäume bereits vor den Bauarbeiten, damit diese rechtzeitig als Schattenspender fungierten. 

Mit einer Wärmebildkamera konnten die Teilnehmenden während des Spaziergangs Hitzeinseln ausmachen.

Generell fügen sich die Städte mit ihren Begrünungsmaßnahmen in eine zentrale Vorschrift des Europäischen Grünen Deals ein, genauer in die europäische Verordnung über die Wiederherstellung der Natur (2024/1991), deren Bedeutung Dr. Ann-Margret Amui-Vedel, stellvertretende Leiterin Umwelt, erläuterte: Die Mitgliedstaaten seien verpflichtet, die Natur in einen „guten ökologischen Zustand“ zurückzuführen. Artikel 8 lege dafür eigens Ziele für städtische Ökosysteme fest. Der Grund: Grün wirke messbar. So sei der Temperaturunterschied zwischen einem Stadtpark und seiner bebauten Umgebung beträchtlich – im Straßburger Parc des Contades sei das noch etwa 300 Meter entfernt in den Straßen spürbar, wie Muriel Temme ergänzte. Zudem werde der kühlende Effekt von Bäumen durch den Faktor Wasser verstärkt, was gerade in den Rheinauen eine wichtige Rolle spiele.
Am Klimahain unweit des Ufos erläuterte der stellvertretende Betriebshofleiter Frank Wagner einen zukunftsweisenden Versuch: unterschiedliche Baumarten wurden dort gepflanzt, um zu beobachten, wie diese mit den veränderten klimatischen Bedingungen klarkommen. Damit ließe sich ablesen, welche Sorten Hitze, Trockenheit und Starkregen besser trotzten als andere. Generell würden Stadtbäume heute anders gesetzt als früher, nämlich in Vertiefungen im Erdreich, sogenannten Rigolen, und mit Fallrohren versehen, damit das Wasser direkt an der Wurzel ankomme. Die Dringlichkeit sei real: „In Kehl fallen jedes Jahr ungefähr 150 Bäume der Trockenheit zum Opfer, in diesem Jahr sind auch Altbestände betroffen.“Wie die in der Praxis aussehen kann, zeigte sich entlang der Route: Im neuen Straßburger Viertel Deux Rives setzten die Entwickler auf Holzbauweise und gute Fassadendämmung und pflanzten Bäume bereits vor den Bauarbeiten, damit diese rechtzeitig als Schattenspender fungierten.

Im Rosengarten erklärte Frank Wagner die klimaangepasste Neugestaltung des Stadtparks.

Im neu angelegten Rosengarten, dem Endpunkt des Spaziergangs, wurde mit dem Schwammstadtprinzip eine Herangehensweise veranschaulicht, die auch in Straßburg verfolgt werde: Wege seien entsiegelt und mit einem wassergebundenen Belag versehen worden, der sich nicht aufheize und Regen aufnehmen könne. „So bleibt das Wasser, wo es fällt und gebraucht wird“, erklärte Frank Wagner den zentralen Gedanken des Schwammstadt‑Prinzips. In den Beeten komme zudem Lavamulch zum Einsatz: Das poröse Vulkangestein nehme Regenwasser wie ein Schwamm auf und gebe es langsam wieder an die Pflanzen ab. Ganz ohne Bewässerung komme auch der Rosengarten nicht aus. Er werde aber nicht mit Trinkwasser, sondern über eine Pumpanlage mit Wasser aus dem Altrhein versorgt.
Wie aber sehen die Klimaanpassungsmaßnahmen beider Städte im Vergleich aus? „Ziemlich ähnlich, was naheliegend ist, da es nicht 36 000 Lösungen gibt“, resümierten Dr. Ann-Margret Amui-Vedel und Muriel Temme.