Beirat Menschen mit Beeinträchtigungen

Digitale Teilhabe, mobile Rampen und ein Aktionstag: Beirat für Menschen mit Beeinträchtigungen diskutiert zu mehr Barrierefreiheit

In der Großherzog-Friedrich-Straße werden bald zwei Parkplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen ausgewiesen: direkt neben dem Bürgerservice und parallel zur Straße.

Wie können Menschen mit Beeinträchtigung dabei unterstützt werden, möglichst selbstbestimmt zu leben? Und wie lässt sich das Bewusstsein der Öffentlichkeit für ihre Belange weiter schärfen? Um diese Fragen ging es bei der Sitzung des Beirats für Menschen mit Beeinträchtigungen im Bürgersaal. Der Beirat diskutierte dabei zwei konkrete Ideen: mehr Teilhabe dank digitaler Hilfsmittel und mehr Mobilität durch ein Förderkonzept für mobile Rampen in der Innenstadt.

Zu Gast im Beirat waren Julian Schulte und Ivan Stojanovics vom Anselm Lab, der Zukunftswerkstatt der Diakonie Kork. Das Lab unterstützt Menschen mit Beeinträchtigungen bei allen Fragen rund um Smartphone, PC oder Tablet und hilft, diese als tägliche Hilfestellung einzusetzen. Ein Beispiel für die Wirkung dieser Arbeit ist Herbert Baum. Der seheingeschränkte Kehler hatte sich vor vier Monaten mit einer Bitte um Unterstützung an das Anselm Lab gewandt, zuvor hatte er keinerlei Berührung mit digitalen Medien. Im Beirat berichtete er von durchweg positiven Erfahrungen, denn heute nutzt er ein Smartphone mit dem Sprachassistenten Siri, tätigt per Sprachbefehl Anrufe und lässt sich zu verschiedenen Orten navigieren. „Anfangs war das eine große Herausforderung", erzählte Herbert Baum. Gefordert werde er zwar immer noch, aber inzwischen sei er stolz auf das Erreichte und freue sich über seine größere Teilhabe am Alltagsleben. Neben der Beratung zu Endgeräten können im Anselm Lab auch Smart-Home-Technologien kennengelernt und getestet werden, die die Selbstständigkeit in der eigenen Wohnung unterstützen. Jede hilfesuchende Person wird über einen längeren Zeitraum begleitet, bis sich Sicherheit und Selbständigkeit im Umgang mit den neuen Technologien eingestellt haben. Das Anselm Lab befindet sich in der Anselm-Pflüger-Straße 2a in Kork. Das Angebot ist unabhängig und kostenlos.

Beiratsmitglied Bettina Maria Herr, Leiterin des Oberlin-Schulverbundes, regte einen Aktionstag in der Innenstadt an, um die Bevölkerung für den oftmals  schwierigen Alltag von Menschen mit Beeinträchtigung zu sensibilisieren: „Denn oft geht es beim Thema Barrieren auch um die Barrieren im Kopf." Der städtische Inklusionsbeauftragte Nicolas Uhl begrüßte die Initiative und verwies auf Workshops an Kehler Schulen, bei denen Kinder und Jugendliche eine Geh-, Seh- oder Hörbeeinträchtigung mit verschiedenen Hilfsmitteln wie Rollstühlen, Rollatoren, Krücken und Blindenstöcke nachempfinden simulieren konnten. „Diese Erfahrung ist auch für Erwachsene extrem wichtig, sensibilisiert und nimmt Berührungsängste."

Nicolas Uhl stellte ein weiteres Projekt vor: ein Konzept zur finanziellen Förderung mobiler Rampen. Die Stadt könne Barrierefreiheit bei privaten Geschäften und Gastronomie nicht einfordern; Teilhabe scheitre für körperlich beeinträchtigte Menschen oft schon an einer Stufe. Die Idee: Betriebe erhalten bei der Anschaffung einer mobilen Rampe einen Teil der Kosten erstattet, gemeinsam mit einem finanziell fördernden Partner. Die Rampen kosten bis zu 300 Euro, wiegen zwischen fünf und achtzehn Kilo und lassen sich wie ein Koffer zusammenklappen. Vor Ort sollen Hinweisschilder mit Kontaktmöglichkeiten darauf aufmerksam machen, dass eine Rampe vorhanden ist. Dass die Rampen nur bei Bedarf ausgelegt werden, ist auch für blinde und seheingeschränkte Menschen ein Vorteil, denn eine dauerhaft liegende Rampe wäre eine Stolperfalle. Datengrundlage für dieses Projekt ist die Online-Karte wheelmap.org, auf der Orte nach ihrer Barrierefreiheit für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator in den Ampelfarben gekennzeichnet werden können. Nicolas Uhl war bereits sehr aktiv: „Kehl ist schon ziemlich bunt, aber noch nicht so grün, wie man es sich wünschen würde." Jede und jeder kann die Seite nutzen und Eintragungen vornehmen. Gerade für ortsunkundige Personen ist wheelmap.org eine Erleichterung, um sich vorher über eine vorhandene oder aber eine fehlende Barrierefreiheit zu erkundigen.

Michael Heitzmann, Leiter des städtischen Gebäudemanagements, konnte den Abschluss beziehungsweise Fortschritt mehrerer Projekte verkünden: Zwei Parkplätze für Menschen mit Beeinträchtigungen in unmittelbarer Nachbarschaft des Bürgerservices, einer direkt neben dem Gebäude, ein weiterer parallel zur Straße, stehen kurz vor der Ausweisung. Das Rathaus in Auenheim hat einen barrierefreien Zugang erhalten, auch die Grundschule Kork wird durch eine Rampe ins Kellergeschoss barrierefrei zugänglich. In der Falkenhausenschule entsteht ein Aufzug über vier Stockwerke; in diesem Zuge wurde eine Muster-WC-Anlage für Barrierefreiheit entwickelt. In der Grundschule Leutesheim und der Söllingschule sind ebenfalls Aufzugsanlagen vorgesehen. Jede Aufzugsanlage koste zwischen 300 000 und 400 000 Euro, berichtete Michael Heitzmann: „Der Gemeinderat macht sich für ein barrierefreies Kehl stark und hat diese Kosten jeweils ohne Zögern freigegeben.“