Forum der Religionen
Dialog, Respekt, Toleranz: Forum der Religion übernimmt Mitverantwortung für friedliches Zusammenleben
Den Dialog zwischen den Religionen zu fördern, gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zu vertiefen: Das ist das Hauptziel des Forums der Religionen, das sich am Sonntagnachmittag (18. Oktober) in Kehl gegründet hat. Vertreterinnen und Vertreter von 13 Religionsgemeinschaften haben im Kultursaal des Kulturhauses eine gemeinsame Ordnung unterzeichnet, die neben Zielen auch Verpflichtungen enthält. Im Forum der Religionen begegne man sich mit Neugier, Offenheit und Respekt, sagte Pfarrerin Dr. Bettina Kretz, und könne aussprechen, „was sonst an keinem Ort in Kehl Sprache findet“. Oberbürgermeister Wolfram Britz bezeichnete das Forum und den Prozess, der zu seiner Gründung geführt habe, als „außerordentlich, herausragend und beispielgebend“. Den ihm angebotenen Sitz als ständiges beratendes Mitglied nehme er „sehr, sehr gerne an“.
Das Forum der Religionen, das über gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen beraten wird, möchte auch Ansprechpartner für die Stadtverwaltung, für Institutionen und Organisationen in Kehl sein sowie mit Behörden, Institutionen und anderen gesellschaftlichen Akteuren zusammenarbeiten. Durch die Organisation von öffentlichen Veranstaltungen und Seminaren will das Forum die Wahrnehmung der Religionen fördern. In Baden-Württemberg gibt es nur in etwa 15 Städten einen solchen interreligiösen Zusammenschluss, berichtete Bettina Kretz.
Die Mitglieder sehen sich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland sowie der Achtung der Rechte und Überzeugungen anderer Religionen und Weltanschauungen verpflichtet. „Jede Form von Extremismus, Intoleranz, Antisemitismus oder Diskriminierung innerhalb des Forums wird abgelehnt“, heißt es in der unterzeichneten Ordnung.
Fast zwei Jahre sind vom ersten Anstoß bis zur Gründung des Forums vergangen, blickte Bettina Kretz zurück: Am 6. November 2024 hatte es im Kultursaal des Kulturhauses eine Podiumsdiskussion von Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Religionen mit dem Antisemitismusbeauftragten der Landesregierung, Dr. Michael Blume, gegeben. In den Gesprächen im Anschluss sei an den Stehtischen die Ansicht gereift, dass man den Dialog der Religionen brauche und diesen auf politischer und religiöser Ebene forcieren wolle. Man wolle die eigene Blase bewusst verlassen, für den öffentlichen Diskurs gemeinsam offen sein, betonte Bettina Kretz und ermunterte das Publikum im Kultursaal, Fragen zu stellen und Anregungen gleich in schriftlicher Form zu hinterlassen. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Ordnung verstünden das Forum der Religionen als Beitrag zur Friedenssicherung.
So sah es auch Oberbürgermeister Wolfram Britz: „Sie stellen sich als Vertreterinnen und Vertreter Ihrer Glaubensbrüder und -schwestern Ihrer Mitverantwortung für ein friedliches Zusammenleben in unserer Stadt.“ Dass Religionen miteinander im Dialog seien, sich mit Respekt und Toleranz um Verständigung bemühten, sei – man denke nur an den langen Weg bis zur Ökumene – noch nie eine Selbstverständlichkeit gewesen. „Heute ist eine ganz besondere Leistung.“
Die beteiligten Religionsgemeinschaften
- Alevitische Gemeinde Kehl e. V.
- Armenisch-evangelische Kirche e. V. Eppingen
- Armenische Gemeinde Kehl
- Evangelische Kirchengemeinde Kehl
- Freie evangelische Gemeinde Kehl
- Gospelhouse Kehl
- Römisch-katholische Kirchengemeinde Mittlere Ortenau/Kehl
- Rumänisch-orthodoxe Kirchengemeinde "Heilige Dreifaltigkeit" Offenburg
- Al-Hidayah Moschee Kehl (Integration und Verständigung e. V.)
- Deutsch-Albanischer Islamischer Verein Bashkimi e. V.
- Türkisch-Islamischer Kulturverein (DITIB-Moschee)
- Jüdischer Kultur- und Religionsverein Kehl e. V.
- Quäker-Andachtsgruppe Kehl-Strasbourg
Die Rede von Oberbürgermeister Wolfram Britz im Wortlaut
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der 13 Religionsgemeinschaften,
sehr geehrte Damen und Herren,
ich bin sehr dankbar, stolz und berührt, dass ich heute hier stehen und zu Ihnen sprechen darf.
Was Sie als Vertreterinnen und Vertreter von 13 – ich betone noch einmal 13 – Religionsgemeinschaften in den vergangenen Monaten geleistet haben, ist außerordentlich, herausragend und beispielgebend.
Und dabei meine ich nicht nur das Ergebnis, die Ordnung des Forums der Religionen, die Sie heute unterzeichnen werden, sondern vor allem den gesamten Prozess, der dem heutigen Ereignis vorausging.
Sie alle haben bewiesen, dass es auch in der heutigen Zeit möglich ist, dann miteinander zu sprechen, wenn man nicht – ich sage es in von den Sozialen Medien geprägter Sprache – der gleichen Blase angehört, sondern unterschiedlichen Religionen und damit auch Weltanschauungen.
Unsere Diskursräume sind heute zu einem hohen Anteil digital. Bundes- und Landespolitik nehmen wir oft nur noch digital wahr und dabei erreichen uns vor allem die Kommentare von den Kanälen, die uns in unserer Meinung bestärken.
Das ist nicht nur deshalb fatal, weil wir dadurch zunehmend den Eindruck bekommen, ganz viele dächten genau wie wir – es ist auch gefährlich, weil Trolle unsere Diskursräume fluten, häufig gesteuert von den Mächten, die aus eigenem Interesse alles daransetzen, massiv Unruhe zu stiften und unsere Gesellschaft zu spalten.
Diese Angriffe kommen nicht mehr nur aus dem Osten, Europa wird inzwischen gleichermaßen von Russland und den USA in die Zange genommen. Dass ein amerikanischer Präsident der AfD zu einem Wahlsieg in einem deutschen Bundesland gratuliert, macht deutlich, dass Innenpolitik längst nicht mehr nur von der Bundesregierung gesteuert wird.
Konfrontativer Stil im Netz und aggressives Auftreten in virtuellen wie in der realen Welt haben zu einer Verrohung des Diskurses geführt.
Wenn in diesem Klima Antisemitismus und Islamfeindlichkeit durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien bei uns wachsen und Andersdenkende zu Feinden erklärt werden, spielt das denen in die Hände, die die Demokratie bei uns und in anderen europäischen Staaten schwächen und die Europäische Union zerstören wollen.
Wenn wir unsere Freiheit und unsere Demokratie schützen möchten, müssen wir dafür einstehen und uns für unsere Werte einsetzen. Dies muss hier vor Ort geschehen, in unseren Familien, Freundeskreisen, am Arbeitsplatz, im Alltag.
Denn politischer Diskurs findet nicht in erster Linie in Berlin statt, sondern auf kommunaler Ebene. Hier bei uns müssen wir davon wegkommen, dass wir versuchen, Verschwörungstheorien zu widerlegen – weil uns das mit Argumenten schon lange nicht mehr gelingt.
Wir müssen vielmehr genau das tun, was Sie gemacht haben und machen: Die Probleme beim Namen nennen, direkt ansprechen und dann: nicht über unsere scheinbare Ohnmacht lamentieren und mit dem Finger auf die da oben zeigen, sondern gemeinsam Lösungen erarbeiten.
Das ist das einzige Mittel, mit dem wir dazu beitragen können, dass Verschwörungsmythen bei uns erst gar nicht entstehen.
Und Sie alle, die sie in den vergangenen Monaten und Jahren daran mitgearbeitet haben, dass wir uns heute hier versammeln, tun genau das, was wir, was unsere Stadtgesellschaft dringend braucht: Anstatt übereinander zu reden, sprechen Sie miteinander.
Sie sind allen Unterschieden in Ihrer Weltanschauung oder Ihrer Religion miteinander in den Dialog gegangen und haben erreicht, was es wohl in nur sehr wenigen Städten gibt: ein Forum, in dem sich Angehörige von 13 Religionsgemeinschaften versammeln.
Sie stellen sich als Vertreterinnen und Vertreter ihrer Glaubensbrüder und -schwestern Ihrer Mitverantwortung für ein friedliches Zusammenleben in unserer Stadt. Dafür kann ich Ihnen nicht genug danken.
Dass Religionen mit einander im Dialog sind, sich mit Respekt und Toleranz um Verständigung bemühen, war – man denke nur an den langen Weg bis zur Ökumene – noch nie eine Selbstverständlichkeit. Heute ist es eine ganz besondere Leistung.
Als Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften in Kehl vertreten sie einen großen Teil unserer Einwohnerinnen und Einwohner. Dies verleiht dem Forum der Religionen Gewicht: Ihre Stimme wird in unserer Stadtgesellschaft an Bedeutung gewinnen und gehört werden – da bin ich mir ganz sicher.
Wir freuen uns, dass Sie sich uns als Ansprechpartner zur Verfügung stellen – es funktioniert aber auch umgekehrt: Bitte sprechen Sie auch uns an, kommen Sie mit Ihren Anliegen auf uns zu, teilen Sie Ihre Informationen und Stimmungsbilder mit uns.
Wenn Sie über gesellschaftliche, politische und kulturelle Themen beraten und sich dazu äußern, ist das eine Art institutionalisierter Bürgerbeteiligung mit hohem Wert – auch für mich, die Stadtverwaltung und den Gemeinderat.
Daher nehme ich die mir von Ihnen zugedachte Rolle als ständiges beratendes Mitglied im Forum der Religionen sehr, sehr gerne an. Vielen Dank für das Vertrauen, das Sie mir damit entgegenbringen.
Ich wünsche dem Forum der Religionen einen guten Start und eine lange erfolgreiche Zukunft.
Vielen Dank.



