Grundwasserhaltung

Kaum sichtbar, aber unverzichtbar: Gemeinderat erhält Einblicke in die Grundwasserhaltungsanlage

Unter den Straßen Kehls arbeitet eine Technik, ohne die Keller und Wege in der Rheinstadt deutlich häufiger unter Wasser stünden. Seit mehr als 50 Jahren sorgen Brunnen, Pumpwerke und Kanäle dafür, dass der Grundwasserstand gesenkt und Regenwasser in den Rhein geleitet wird, damit die Füße der Kehlerinnen und Kehler auch bei Starkregen trocken bleiben. Wie dieser weitgehend unsichtbare Schutz funktioniert und welche Sanierungen notwendig sind, erfuhren Mitglieder des Gemeinderats bei einer Begehung. Susanne Fach, Leiterin des Bereichs Tiefbau, und ihre Kollegin Olha Markelova, zuständig für die Grundwasserhaltungsanlage, erläuterten zunächst an einem Tiefbrunnen in der Königsberger Straße das System, bevor es zum Schuttermühlkanalpumpwerk im Hafen ging. 

Susanne Fach, Leiterin des Bereichs Tiefbau, und ihre Kollegin Olha Markelova, zuständig für die Grundwasserhaltungsanlage, zeigen den Mitgliedern des Gemeinderats das Schuttermühlkanalpumpwerk.

Nötig ist die Grundwasserhaltungsanlage, seit der Rhein 1974 an der Staustufe Gambsheim aufgestaut wurde. Dadurch erhöhten sich die Grundwasserstände in Kehl durchschnittlich um 1,80 Meter. Zum Schutz der Stadt entstanden deshalb zwei unabhängig voneinander arbeitende Anlagen: eine Tiefbrunnenanlage und eine Drainageanlage. Der Brunnen in der Königsberger Straße ist einer von insgesamt 19 Tiefbrunnen, die sich vom nordöstlichen bis zum nordwestlichen Stadtrand erstrecken, erklärte Olha Markelova während der Führung. „Ihre Rohre reichen etwa 30 Meter in den Boden“, führte sie weiter aus. Unterwasserpumpen mit einer Leistung von etwa 50 Litern pro Sekunde fördern das Grundwasser in eine rund 3,5 Kilometer lange Druckleitung, die das Wasser entweder in den Rhein oder in den Kinzigseitengraben leitet.
Wann die Pumpen anspringen, hängt von den örtlichen Grundwasserständen ab. Dazu sind die Brunnen in vier Gruppen aufgeteilt, denen jeweils ein Steuerpegel zugeordnet ist. Im Bereich der Nibelungenstraße und der Honsellstraße beeinflussen sowohl der Rhein als auch der Altrhein das Grundwasser. „Die Pumpen dieser Brunnengruppe befinden sich deshalb im Dauerbetrieb und laufen kontinuierlich rund um die Uhr“, erklärte Olha Markelova. Die gesamte Tiefbrunnenanlage ist für eine maximale Förderleistung von etwa 1,6 Kubikmetern pro Sekunde ausgelegt. Damit die Brunnen auch künftig zuverlässig laufen, stehen einige Sanierungsarbeiten an. Nach über 50 Jahren besteht bei Bauteilen wie Absperrschiebern, sowie bei der Elektro-, Steuerungs- und Überwachungstechnik Erneuerungsbedarf. Die Anlagen sollen nach und nach auf Vordermann gebracht und erneuert werden. „Jeder Brunnen, der ausgetauscht wird, gibt uns mehr Sicherheit“, erklärte Susanne Fach.
 
Die zweite Anlage nimmt Grundwasser über Filterrohre entlang einer etwa 1,5 Kilometer langen Drainageleitung auf. Sie verläuft vom Kreisverkehr auf der L75 bis zum Drainagepumpwerk an der Kinzigallee. Dort befördern vier Pumpen das gesammelte Wasser in die Kinzig. Zwei haben eine Förderleistung von jeweils 350 Litern pro Sekunde, zwei weitere von jeweils 700 Litern. Ein Notstromaggregat sichert den Betrieb auch bei einem Ausfall der öffentlichen Stromversorgung. Das abgepumpte Grundwasser könnte künftig zudem frdie Wärmeversorgung dienen. Die Wärmegesellschaft Kehl prüft derzeit, ob diese Möglichkeit genutzt werden soll. Dabei würde dem Wasser mithilfe einer Wärmepumpe Wärme entzogen, bevor es in die Kinzig abfließt.

Jährlich werden aus dem Schuttermühlkanal etwa 5,2 Millionen Kubikmeter Wasser in das Hafenbecken gehoben. 

Schuttermühlkanalpumpwerk

Für die Teilnehmenden ging es anschließend weiter in den Hafen. Während Tiefbrunnen und Drainageanlage das Grundwasser absenken, kümmert sich das Schuttermühlkanalpumpwerk mit seinem auffälligen blauen Gebäude um das Oberflächenwasser. Der teilweise unterirdische Schuttermühlkanal verläuft von Sundheim entlang der Kinzigallee bis in den Hafen und sammelt insbesondere Regenwasser aus den Außengebieten der Stadt. Jährlich hebt das Pumpwerk mit seinem auffälligen blauen Gebäude rund 5,2 Millionen Kubikmeter Wasser um etwa 5,5 Meter an und leitet es in das Hafenbecken. Nötig ist das, weil das Wasser aus dem Schuttermühlkanal nicht mehr auf natürlichem Weg in den aufgestauten Rhein abfließen kann.
Die Anlage gliedert sich in zwei Hauptbereiche. Im Normalbetrieb läuft das sogenannte Dauerschöpfwerk. Zwei Schneckentrogpumpen sorgen dafür, dass das ankommende Wasser kontinuierlich abgeführt wird. Kommt bei Starkregen in kurzer Zeit mehr Wasser an, als die beiden Pumpen bewältigen können, wird es automatisch in einem Becken zwischengelagert. Dann kommt die Hochwasserpumpanlage zum Einsatz. Vier leistungsstarke Propellerpumpen können das zwischengelagerte Wasser aus dem Becken in den Rhein befördern. Jede dieser Pumpen schafft rund drei Kubikmeter Wasser pro Sekunde, zusammen erreichen sie eine Leistung von zwölf Kubikmetern pro Sekunde.
 
Bei der Besichtigung erläuterte Olha Markelova auch die Sanierung des Pumpwerks. Seit dem Beschluss eines umfangreichen Sanierungsprogramms im Jahr 2015 wurden unter anderem die Schneckenhebewerke, die Krananlage, die Lüftungs- und Abgasanlage sowie das Gebäude saniert. Auch die Propellerpumpen wurden überholt und die Absperr- und Rückstauklappen erneuert. Die Sanierung der Hochwasserpumpanlage ist inzwischen abgeschlossen. Derzeit werden die Elektrotechnik und die Anlagensteuerung umfassend erneuert. „Es kam immer wieder zu Fehlermeldungen, und Ersatzteile für die alte Technik waren kaum noch erhältlich“, erklärte Olha Markelova. Auf dem Dach ist außerdem eine Photovoltaikanlage geplant. Im kommenden Frühjahr soll ein Gutachter den Sanierungsbedarf der Spundwände des Überlaufbeckens prüfen. Vorgesehen ist zudem eine Untersuchung der Betonbauwerke des Schuttermühlkanalpumpwerks und des Drainagepumpwerks. Auf Grundlage der Ergebnisse soll ein Sanierungskonzept entstehen, das die notwendigen Arbeiten nach ihrer Dringlichkeit ordnet und die voraussichtlichen Kosten abschätzt. Eng eingebunden in die Umbau- und Sanierungsarbeiten sind die Betriebshofmitarbeiter Frank Keck und Jens Kummerow. Bei Störungen und Ausfällen sind die Elektriker für die Anlage zuständig. Während der Begehung standen sie den Mietgliedern des Gemeinderats ebenfalls zur Verfügung, beantworteten Fragen und gaben Einblicke in ihre Arbeit.  
 
Wie viel Aufwand und Technik nötig ist, um den Grundwasserstand in Kehl konstant zu halten und Regenwasser abzuleiten, wurde beim Rundgang deutlich – ebenso wie die Notwendigkeit, die Anlagen dauerhaft instand zu halten. Wie auch vielen Kehlerinnen und Kehlern, war auch einigen Mitgliedern des Gemeinderats der Umfang und die Bedeutung der Anlage nicht bewusst.