Frauen-Workshop im Betriebshof
Hammer, Bohrer, Selbstvertrauen: Workshop für geflüchtete Frauen
An einer Werkbank im Kehler Betriebshof stehen drei Frauen und versuchen, mit einem Hammer lange Nägel in Baumscheiben zu treiben. Anfangs sind die Schläge noch zögerlich. Ein Nagel wird krumm, mal geht ein Schlag daneben. Aber die Frauen bleiben mit Eifer dabei, justieren nach, und schließlich werden die Schläge kräftiger, bis das Unterfangen glückt und vom Nagel nur noch der Kopf zu sehen ist. Insgesamt 14 Frauen aus der Ukraine, Afghanistan, Algerien und Mazedonien sind dem Workshop-Angebot „Handwerken für Frauen“ gefolgt, das vom städtischen Integrationsmanagement und dem Verein OlamAid organisiert wurde. Engagierte Mitarbeitende des Betriebshofs und aus dem Bereich Tiefbau begleiten sie dabei mit viel Geduld und Empathie, wenn es heißt: Do it yourself.
„Ein solches Angebot ist besonders für alleinerziehende geflüchtete Frauen wichtig“, erklärt die städtische Integrationsmanagerin Anna Kukharuk, die den Workshop gemeinsam mit Julia Beitner von OlamAid e.V. organisiert hat. Die Berliner Hilfsorganisation ist international tätig und setzt sich seit 2023 in Kehl gemeinsam mit Anna Kukharuk und Margarita Koshyl ehrenamtlich für die Unterstützung geflüchteter Menschen ein. „Die meisten Teilnehmerinnen haben noch nie mit Werkzeugen hantiert. In ihren Herkunftskulturen ist es oft undenkbar, dass Frauen selbst Hand anlegen“, weiß Anna Kukharuk. Dementsprechend hilflos seien viele, wenn in den eigenen vier Wänden eine kleine Reparatur anfalle. Einen Mann um Hilfe zu bitten, sei aus kulturellen Gründen häufig keine Option. Wohl auch aus diesem Grund ist die Werkstatt des Betriebshofs bei Temperaturen über 30 Grad gut gefüllt. An drei Praxis-Stationen können die Frauen den Umgang mit Werkzeugen ausprobieren und dabei einen Schritt in Richtung Selbstständigkeit gehen.
Mit großer Geduld assistieren die Mitarbeitenden des Betriebshofs zusammen mit Dr. Susanne Fach, Leiterin des Bereichs Tiefbau, beim Umgang mit unterschiedlichen Werkzeugen. Sie erklären etwa, wie eine Bohrmaschine gehalten und geführt werden muss, damit am Ende ein brauchbares Loch entsteht. Auf mehreren Betonblöcken sollen rot-weiß-gestreifte Metallschilder angebracht werden, und nach anfänglichem Zögern sind die Frauen mit Ehrgeiz dabei. „Ist das nicht toll, dass wir hier lernen, wie wir Löcher für Bilderrahmen in unsere Wände bekommen?“, freut sich Tetiana aus der Ukraine. Auch die weiteren Schritte werden erklärt: Dass es in Betonwänden nicht ohne Dübel geht, welche Schrauben nötig sind und dass es beim Bohrer auch einen Rückwärtsgang gibt. Susanne Fach spricht den Frauen Mut zu: „Es gibt nichts falsch zu machen. Hier gibt es nur Hürden zu überwinden. Und wenn Männer kochen können, können Frauen auch den Hammer schwingen.“ Sie nimmt selbst die Bohrmaschine in die Hand und zeigt, wie es richtig geht: „Ein fester Stand ist beim Bohren immens wichtig. Einfach mutig sein, dann klappt es.“
Die quirlige 17-jährige Mena aus Afghanistan lebt mit ihrer Familie seit drei Jahren in Kehl. Während sie mit einer großen Klebepistole laminierte Blätter auf Spanbretter klebt, gibt sie Einblick in ihre Lebenswirklichkeit: In Afghanistan hatte sie vor ihrer Flucht keine Schule besuchen können. Während ihres ersten Jahres in Kehl lernte sie mit Rolf Berger von der Kehler Flüchtlingshilfe nicht nur, wie man einen Stift hält, sondern auch, ein „A“ aufs Papier zu bringen. „Ich bin ihm so unglaublich dankbar. Nun liebe ich lesen. Das kann ich aber nur auf Deutsch, nicht in meiner Muttersprache. Ist das nicht verrückt?“, erzählt sie lachend. Und Mena ergänzt, wie sehr sie ihre wachsende Selbstständigkeit liebt, zu der auch der Workshop im Betriebshof beiträgt.
Tetiana, die mit ihrem Sohn seit vier Jahren allein in Kehl lebt, bedauert, dass sie in ihrer Kindheit in Charkiw in der Schule nur typisch weibliche Aktivitäten wie Stricken, Sticken oder Kochen gelernt habe. Handwerken sei den Jungs vorbehalten gewesen. „Der Workshop ist eine tolle Gelegenheit, das zu ändern.“ Weil viele geflüchtete Frauen allein mit ihren Kindern fern der Heimat leben, sei der Workshop nicht nur nützlich: „Wir lernen hier gemeinsam etwas und stärken uns gegenseitig.” Denn der Workshop ist neben einer praktischen Hilfestellung auch ein Begegnungsprojekt, wie Julia Beitner von OlamAid erklärt: „Wir wollen mit unseren Angeboten auch Begegnungen schaffen. Einerseits mit der sogenannten Aufnahmegesellschaft, also mit deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Aber auch zwischen den Communities, die sich oft wegen sprachlicher und kultureller Barrieren nicht leicht durchmischen.“
Vier Betriebshofmitarbeitende, allesamt freiwillige Helferinnen und Helfer, assistieren den 14 Frauen an diesem Nachmittag. Am Ende gibt es durchweg positive Rückmeldungen. Eine Frau erkundigt sich sogar nach der Möglichkeit, eine Schreinerlehre zu beginnen, eine andere ist an einem Praktikum im Betriebshof interessiert. Gemeinsam mit zwei Kollegen, mit viel Fachkenntnis, weiblicher Solidarität und Herzlichkeit haben auch die beiden jungen Betriebshofmitarbeiterinnen Daphne und Lara diesen Workshop möglich gemacht. Ihr Engagement zeigt: Integration funktioniert am besten, wenn Menschen sich gegenseitig unterstützen, respektieren und voneinander lernen.
Über OlamAid
OlamAid e.V. ist eine europäische, jüdisch basierte und pluralistische Hilfsorganisation mit Sitz in Berlin, die weltweit Nothilfe und Rehabilitationsarbeit leistet. Dabei adressiert sie die psychosozialen und physischen Bedürfnisse von Menschen in allen Phasen humanitärer Krisen. Das Ziel von OlamAid ist der Aufbau widerstandsfähiger, selbst erhaltender Gemeinschaften, die auf Würde und Vertrauen basieren. Dabei setzt OlamAid auf Menschlichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit. Seit ihrer Gründung im Jahr 2016 begann OlamAid mit gemeindenaher psychosozialer Arbeit und Nothilfe in Deutschland zur Unterstützung Geflüchteter und von Katastrophen betroffener Menschen.

