Sehr geehrte, liebe Madame la maire Jeanne Barseghian,
sehr geehrte, liebe Madame la présidente Pia Imbs,
sehr geehrte Damen und Herren,
Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr und heiße herzlich willkommen
- Herrn Landtagsabgeordneten Bernd Mettenleiter;
- die Herren Oberbürgermeister Manuel Tabor aus Achern und Gregor Bühler aus Oberkirch, Herrn Bürgermeister Kopp aus Offenburg und die politischen Vertretungen aus unseren Nachbargemeinden;
- die Gäste der Behörden und Einrichtungen aus Straßburg, mit denen uns eine gute und enge Zusammenarbeit verbindet, inklusive Herrn Konsul Kern vom deutschen Generalkonsulat;
- die Trägerinnen und Träger der Bürgermedaille der Stadt Kehl;
- die Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Kehl;
- die Kreisrätinnen und Kreisräte;
- die Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher sowie die Ortschaftsrätinnen und -räte;
- alle ehemaligen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger – ich freue mich immer, wenn Sie nach dem Ausscheiden aus dem Amt weiterhin Interesse am Geschehen in unser Stadt zeigen;
- die Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, der Banken, des Einzelhandels und der Gastronomie;
- die Vertreterinnen und Vertreter des Kehler Hafens, von Behörden und Einrichtungen;
- die Vertreterinnen und Vertreter der grenzüberschreitenden Einrichtungen;
- die Angehörigen der Feuerwehr;
- die Rektorinnen und Rektoren unserer Schulen;
- die Repräsentantinnen und Repräsentanten unserer Vereine;
- die Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften;
- die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen der Stadtverwaltung
- sowie alle, die heute Abend hier sind, um zusammen mit uns ins Jahr 2026 zu starten.
Vielleicht haben sich einige von Ihnen über den Text auf der Einladungskarte zum Neujahrsempfang gewundert – vor allem über die Aufforderung, dass wir uns unsere Jugend als Beispiel nehmen sollten. Ich werde diese Aussage im Folgenden gerne erläutern.
Leider ist es nun so, dass wir heute Abend über unsere Jugendlichen sprechen und nicht mit ihnen: Traditionell finden sich beim Neujahrsempfang der Stadt Kehl eher – sagen wir mal – die Best Agers und die aktiven Älteren ein. Über die vergangenen Jahrzehnte gab es wohl nur einen einzigen Versuch, die junge Generation für diese Veranstaltung zu interessieren. Vielleicht ist das schon ein erster Punkt, an dem wir arbeiten sollten. Denn die Zukunft sind nicht wir, es sind die Angehörigen der sogenannten, mit vielen Vorurteilen belasteten Gen Z.
Aber bevor ich darauf näher eingehe, bitte ich Sie, sich an Ihre eigene Jugend zu erinnern: Was hatten unsere Eltern an uns nicht alles auszusetzen?
"Wie siehst du denn aus? Diese langen Haare! Willst du nicht endlich mal wieder zum Frisör gehen?"
"Diese Musik! Kaum auszuhalten, mach aus oder mach‘ wenigstens leiser."
"Was hast du denn wieder an? Kannst du dich nicht wenigstens an Weihnachten ordentlich anziehen. So kannst du auf keinen Fall mit zu Tante Helga gehen."
Wer in den 70er- oder 80er-Jahren zu den Jugendlichen gehörte – also wohl die Mehrheit heute Abend – galt damals
- entweder als politisch desinteressiert oder in Zeiten von APO, RAF und Hausbesetzerszene gleich als gefährlich radikal;
- als autoritätsfeindlich, respekt- und disziplinlos, weil Hierarchien infrage gestellt wurden;
- als arbeitsunwillig und realitätsfern, ohne Lust auf Leistung und Verantwortung;
- als moralisch verwahrlost, weil die Pille eine sexuelle Befreiung war, Gras geraucht und teilweise mit Drogen experimentiert wurde;
- als naiv-utopistisch, weil Frieden, Gleichheit und Schutz der Umwelt als unrealistische Träumereien galten.
In den 80ern kamen weitere Vorurteile hinzu:
- konsumfixiert: nur an Modemarken und Spaß interessiert;
- ich-bezogen und karrieregeil: Die „Generation Golf“ kündigte sich an, also: Erfolg, Selbstverwirklichung statt Gemeinsinn;
- gefühllos und abgestumpft: Gewaltfilme und Computerspiele schürten die Angst, dass die Jugend verroht;
- technikgläubig und oberflächlich: Damals kam Teufelszeug auf wie Walkman, Heimcomputer – so hießen die Commodores – noch.
Unsere Eltern fürchteten, dass wir uns zu viel mit Technik beschäftigen und zu wenig mit echter Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Sie erinnern sich? Und das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, sicher. Und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Denn diese Vorurteile oder Muster scheinen sich zu wiederholen:
- Galten wir damals als „arbeitsunwillig“, sprechen wir bei der Gen Z heute von „nicht belastbar“.
- Was in unserer Jugend aus Sicht der Älteren mit respektlos bezeichnet wurde, heißt bei der Gen Z „zu sensibel“.
- Aus dem Vorwurf: „Du bist realitätsfern“, wurde „Du lebst in deiner digitalen Blase“.
Und wie uns damals wird den Jugendlichen heute vorgeworfen, dass sie wahlweise zu politisch oder zu unpolitisch seien. Was den sogenannten Werteverfall angeht, so galt damals wie heute: Früher war alles besser. Wenn ich nun ins Publikum blicke, so sehe ich lauter Menschen, die ihren Weg gemacht haben, die in ihren jeweiligen Berufen erfolgreich waren oder sind – allen Vorurteilen zum Trotz.
Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Viele Vorurteile über Jugendliche sagen offenbar mehr über Ängste der Älteren aus als über die Jugend selbst. Rückblickend zeigt sich: Jede Generation ist die Projektionsfläche für die gesellschaftliche Unsicherheit ihrer Zeit. Es muss uns um die Zukunft also nicht bange sein, denn, was für uns galt, gilt auch für unsere Jugendlichen: Sie sind viel besser als ihr Ruf. Und das ist nicht meine persönliche Interpretation, sondern dies belegt die Jugendstudie aus dem vergangenen Jahr, die mit so manchem Vorurteil aufräumt. Zum Beispiel mit dem, dass die 14- bis 29-Jährigen besonders faul seien. Stimmt nicht: 81 Prozent arbeiten Vollzeit – das sind deutlich mehr als in älteren Generationen. Sie wünschen sich flexiblere Arbeitszeitmodelle, kein starres Tageslimit und mehr Home Office.
Das Gleiche gilt für die vielzitierte Aussage, dass Jüngere nicht bereit seien, Verantwortung für Ältere zu übernehmen: Eine Mehrheit akzeptiert höhere Rentenbeiträge, um die Versorgung der Älteren zu sichern. Sie anerkennt die Notwendigkeit, zur Finanzierung der heutigen Renten beizutragen: 44 Prozent fühlen sich dafür mitverantwortlich, nur ein Viertel widerspricht, ein Drittel ist unentschlossen.
Die multiplen Krisen setzen unsere junge Generation enorm unter Druck:
- 81 Prozent fürchten eine Ausweitung des Ukrainekriegs;
- Zwei Drittel haben Angst vor Inflation, Armut und Wohlstandsverlust;
- 64 Prozent nehmen zunehmende Feindseligkeit in der Gesellschaft wahr;
- 63 Prozent sehen den Klimawandel als existenzielle Bedrohung;
- 40 Prozent fühlen sich persönlich benachteiligt;
- Psychische Erkrankungen unter Jugendlichen nehmen – bedingt auch durch die Maßnahmen in der Corona-Krise – dramatisch zu. 25 Prozent bräuchten Unterstützung, aber nur ein Zehntel erhält sie.
Sorgen und Ängste prägen die jungen Menschen stark und doch zeigen sie trotz Wirtschaftskrise, Wohnungsnot und wachsender politischer Unsicherheit nicht Resignation, sondern bleiben bemerkenswert hoffnungsvoll: 65 Prozent der 14- bis 29-Jährigen blicken optimistisch in die Zukunft. Die Jugendtrendstudie weist sie als verantwortungsbewusst und leistungsbereit aus.
Damit dürfen wir aber nicht wegwischen, dass die Sorgen der 14- bis 29-Jährigen berechtigt sind, sondern müssen uns fragen, wie wir unsere Jugend unterstützen, ihr mehr Sicherheit geben und die Grundlage dafür schaffen können, dass die junge Generation auch in Zukunft in Würde und Freiheit leben kann.
Es liegt nicht in unserer Macht, die globale Lage zu verändern, und doch können wir in Kehl viel tun:
In der Bildung:
Wir haben in den Jahren von 2019 bis 2025 in Kitas und Schulen 27 Millionen Euro investiert; von 2026 bis 2030 weisen der aktuelle Haushalt und die mittelfristige Finanzplanung weitere 33,6 Millionen Euro an Investitionen aus. Dieses Geld fließt zu einem Großteil in den Ausbau der Ganztagsbetreuung in den Grundschulen: Der Rechtsanspruch für die Erstklässler beginnt mit dem neuen Schuljahr; in den nächsten drei Jahren wird dieser auf die Klassen zwei bis vier ausgedehnt.
In dieser Plansumme enthalten ist auch der sogenannte Schulcampus Niedereich. Mit diesem Terminus fassen wir zusammen, dass wir die Grundschule Sundheim – die seit vier Jahren im Gebäude der Wilhelmschule untergebracht ist – neu bauen möchten. In diesem Neubau werden außerdem zusätzliche Klassenzimmer für die Albert-Schweitzer-Schule vorgesehen, deren Schülerzahl stark gestiegen ist.
Wir wollen damit aber nicht nur einen Raumbedarf befriedigen, sondern versprechen uns von der täglichen Begegnung und Durchmischung der Schülerinnen und Schüler beider Schulformen einen Mehrwert im sozialen Miteinander und mehr Durchlässigkeit. Bildungschancen dürfen nicht länger von sozialer Herkunft abhängen.
Unsere Kindertageseinrichtungen sind Orte der frühkindlichen Bildung: Wir setzen auf Qualität, die weit über die bloße Betreuung hinausgeht und die kostet Geld: 30 Millionen Euro werden wir in diesem Jahr voraussichtlich für die Kitas ausgeben, acht Millionen davon bekommen wir als Zuschuss vom Land. Die Elternbeiträge sind von dieser Summe noch nicht abgezogen. Der Gemeinderat hat diese im vergangenen Jahr so angehoben, dass wir damit 15 Prozent dieser Kosten decken können. Die Kosten für die Nachmittagsbetreuung in den Grundschulen steigen von 700 000 Euro im vergangenen auf 900 000 Euro in diesem Jahr.
In den Schulen unterstützen wir unsere Jugendlichen mit Schulsozialarbeit: Mädchen und Jungen können sich mit ihren Sorgen und Problemen vertrauensvoll an die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter wenden. 2026 wenden wir dafür, nach Abzug des Zuschusses vom Land und Kreis von zusammen 300 000 Euro, eine halbe Million Euro auf.
In der Offenen Jugendarbeit:
In unseren Jugendhäusern und -treffs bieten wir Kindern und Jugendlichen viel mehr als sinnvolle Freizeitgestaltung. Unsere Jugendarbeiterinnen und -arbeiter sind Vertrauenspersonen, Anlaufstellen, vermitteln soziale Werte, geben vielfach Stabilität und leisten Unterstützung, die einigen Besucherinnen und Besuchern unserer Einrichtungen zu Hause fehlt. 2026 lassen wir uns diesen wichtigen Bereich unserer sozialen Arbeit rund 1,8 Millionen Euro kosten. In diesem Betrag sind die Betriebskosten unserer Gebäude und die Mittel für die Ausstattung, für Material und Angebote enthalten. Die Personalkosten belaufen sich auf rund 600 000 Euro. Die Jugendarbeit und die Schulsozialarbeit organisieren gemeinsam die städtischen Ferienprogramme in der Kernstadt und den Ortschaften. In diesem Jahr steht dafür ein Budget von 47 000 Euro zur Verfügung; die Hälfte davon wird über die Elternbeiträge finanziert.
Warum nenne ich Ihnen diese vielen Zahlen? Wir waren im zurückliegenden Jahr angesichts einer schwierigen Haushaltssituation mit einem hohen Defizit gezwungen, vor allem über Gebührenerhöhungen, übers Sparen und über das Reduzieren von freiwilligen Leistungen nicht nur zu sprechen, sondern auch zu ringen. Das hat sich in der Presseberichterstattung, in Leserbriefen und teils wilden Diskussionen in Social Media niedergeschlagen. Ja, wir müssen unsere Einnahmen und Ausgaben in ein ausgewogeneres Verhältnis bringen, dabei sehen wir jedoch sehr genau hin und prüfen vor allem, wo wir mit Umorganisation oder Neustrukturierung mit weniger Geld mehr Qualität bekommen können.
Dem rasanten Wandel und dem Umstand, dass Krisen die neue Normalität sind, können wir nur mit neuen Konzepten und Lösungen begegnen.
Für den einen oder die andere von Ihnen, der oder die manchmal den Eindruck hat, den Kindern oder Enkeln sei das Smartphone an die Hände gewachsen, mag es vielleicht seltsam erscheinen, doch auch Social Media macht vielen jungen Menschen Angst. Wir werden nachher von Maren Meheust noch einiges zum Thema Umgang mit den Gefahren im Netz hören, daher möchte ich mich an dieser Stelle auf einen anderen Punkt fokussieren:
Noch nie gab es in der Geschichte die Situation, dass die weltweit meistgenutzten Massenmedien in der Hand von ganz wenigen Superreichen waren, dass also Medien- und Wirtschaftsmacht in dieser Form gebündelt wurden. Die US-amerikanischen Dark Tech-Plattformen, wie sie der renommierte Medienwissenschaftler Martin Andree nennt, monopolisieren die Meinungsmacht und drücken die herkömmlichen redaktionellen Medien und den professionellen Journalismus immer mehr an die Wand.
Wir in Europa haben es versäumt, eigene Social-Media-Plattformen aufzubauen. Warum hätten wir das auch tun sollen? Die USA wurden als befreundete Demokratie angesehen. Doch spätestens seit der Wiederwahl von Donald Trump suchen eben diese Tech-Giganten seine Nähe und erweitern seine Einflusssphäre bis in unseren Social-Media-Alltag. Es geht längst nicht mehr nur um Elon Musk und X, sondern auch um Marc Zuckerberg, also Facebook, Instagram und WhatsApp, sowie um Larry Page und Sergey Brin, die bei Alphabet, vormals Google, als Eigentümer von YouTube entscheidenden Einfluss haben. Populistische und autokratische Kräfte nutzen polarisierende Algorithmen, um etablierte Parteien und demokratische Politik zu diskreditieren.
Im gerade mal ein Jahr zurückliegenden Bundestagswahlkampf erlebten wir in aller Deutlichkeit, wie die USA den Besitz dieser Plattformen offen dazu instrumentalisierten, um die eine Wahl in Europa gemäß ihren Interessen und im Sinne ihrer machtpolitischen Partner zu beeinflussen. Und natürlich nutzt auch Wladimir Putin diese Mischung aus Tech und Populismus intensiv für seine Cyberpropaganda und die Spaltung der westlichen Demokratien. In Europa und in Deutschland wurden bereits Hunderte von Desinformationskampagnen nachgewiesen. Wir werden in diesem „Krieg der Medien“, wie ihn Martin Andree beschreibt, regelrecht in die Zange genommen.
„Die Zukunft der Demokratie, da bin ich mir sicher, entscheidet sich im Netz“, mahnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum 9. November. Unsere Jugendlichen spüren diese Bedrohung, fühlen sich ausgeliefert und wünschen sich in Social Media mehr Kontrolle und Unterstützung. Dass dies zwingend bereits im Elternhaus beginnen muss, wird Maren Meheust nachher ebenso darstellen, wie dass dies für die Generationen, die eben nicht zu den Digital Natives gehören, durchaus eine besondere Herausforderung ist. Die Schulsozialarbeit und die Offene Jugendarbeit haben bereits erste Konzepte entwickelt und auf den Weg gebracht, es ist aber klar, dass wir in diesem wichtigen Handlungsfeld noch mehr tun müssen.
Ich danke an dieser Stelle den Stiftungen in Kehl, die dieser Problematik sehr aufgeschlossen gegenüberstehen und uns mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützen, ohne die beispielsweise das Präventionsprogramm unserer Schulsozialarbeit nicht umsetzbar wäre. Mir ist bewusst, dass es im Kreise der Stiftungen durchaus – und berechtigterweise – Diskussionen darüber gibt, dass hier Aufgaben finanziert werden, die eigentlich vom Staat zu leisten wären. Doch Nichtstun ist keine Option.
Ähnliches gilt für ein weiteres, großes Projekt, das wir in diesem Jahr buchstäblich auf den Weg bringen werden: Dank der großzügigen Unterstützung der Geiger-Stiftung können wir einen Food-Truck anschaffen. Ich sehe Ihr Erstaunen, aber es handelt sich natürlich nicht um einen Essenswagen mit Speisekarte, sondern um ein einfaches Essensangebot, das wir Jugendlichen – deshalb der Truck – in verschiedenen Bereichen unserer Stadt machen möchten. Bei unseren verschiedenen Aktivitäten, die wir Kindern und Jugendlichen in unseren Häusern anbieten, sehen wir immer wieder: Ja, es gibt in unserer Stadt Kinder und Jugendliche, die Hunger haben, weil es zu Hause nicht ausreichend zu essen gibt. Mit dem Essensangebot wollen wir in erster Linie ein Grundbedürfnis befriedigen, wir möchten aber auch Anlaufstationen schaffen, um den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören und mehr über ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte zu erfahren. Aufsuchende Sozialarbeit 4.0 mit analogem Essen.
Ich danke allen ehrenamtlichen Kräften, Vereinen und Organisationen, die sich gerade für die Jugendlichen engagieren, die besondere Unterstützung brauchen. Ich möchte stellvertretend den Verein Huckepack nennen, der sich, ohne das Licht der Öffentlichkeit zu suchen, um Kinder und Jugendliche kümmert, die in ihren Familien traumatische Erfahrungen machen mussten.
Ich danke auch allen, die sich im Dezember – erstmals oder schon zum zweiten Mal – an unserer Aktion „Kehl erfüllt Kinderwünsche“ beteiligt haben. Wie beim letzten Neujahrsempfang angekündigt, haben wir den Kreis derer, für die ein Wunschzettel ausgefüllt werden konnte, auf die Altersgruppe von drei Jahren bis Ende Grundschule erweitert. 520 Wunschzettel haben wir verschickt und 293 zurückbekommen. Die Zahlen zeigen nicht nur, wie viele Kinder in unserer Stadt – nur in dieser Altersgruppe – in Familien leben, die im Sozialleistungsbezug sind; sie haben uns auch Respekt eingeflößt. Aber es hat wieder geklappt: durch Ihre Beteiligung! Solidarität ist in unserer Stadt glücklicherweise ein hohes Gut; dank Ihnen, dank dem Engagement einiger Unternehmen, konnten alle Wünsche erfüllt werden.
Einige der Wünsche haben mich sehr berührt: Ein Kind wünschte sich ein Weihnachtsessen für die Familie, ein Mädchen einen Schwimmbadbesuch mit Bruder und Eltern mit einem Essen am Kiosk, ein Junge wollte gerne mit der Familie ein Technikmuseum besuchen. Es wurden Kinderbettwäsche, Winterjacken, Winterschuhe, Sportschuhe und warme Pullover gewünscht. Auch Bücher und Lernspiele wurden von mehreren Eltern auf die Wunschzettel geschrieben. Beim Abholen der Geschenke kullerten des Öftern Freudentränen.
Die Wunschaktion und die Stiftungen sind nur zwei Beispiele: Jeder und jede kann sich in unserer Stadt beteiligen, sich für unser Gemeinwesen engagieren.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf die geplante Entwicklung unserer Stadt eingehen: Kehl ist eine wachsende Stadt und haben mit – Stand heute – 40 039 Einwohnerinnen und Einwohner. Das darf uns stolz machen, zeigt es doch die Attraktivität von Kehl als Wohnort – in einer Zeit, in der in anderen Städten – auch in der Ortenau – die Einwohnerzahlen eher sinken. Doch mit der Einwohnerzahl muss zwangsläufig auch die Infrastruktur wachsen. Deshalb sind die Großprojekte, die wir gemeinsam mit dem Gemeinderat auf den Weg bringen, wichtig für unsere Stadt:
- der Bau von 85 geförderten Wohnungen durch unsere Städtische Wohnbaugesellschaft an der Iringheimer Straße, der 2026 beginnen wird;
- der von einigen kritisch betrachtete, aber zwingend notwendige Bau eines Verwaltungsgebäudes im Rathausareal; -
der bereits erwähnte Neubau der Grundschule Sundheim im Bereich Niedereich, inklusive Erweiterung der Albert-Schweitzer-Schule;
- und nicht zuletzt der Bau eines Ganzjahresbades auf dem Gelände des ehemaligen Kehler Freibads.
Dies sind nur die Großprojekte, die zu schultern wir uns vorgenommen haben, um unsere Stadt zukunftsfähig und auch für unsere Kinder und Jugendlichen lebenswert zu machen.
Dies alles ist nur möglich, weil der Gemeinderat bereit ist, in die Verantwortung zu gehen und die Zusammenarbeit von Verwaltung und Gemeinderat funktioniert: Dass wir miteinander Lösungen zum Wohle unserer Stadt finden, macht uns stark. Für die Bereitschaft, um Kompromisse zu ringen und Lösungen zu suchen, danke ich allen Mitgliedern des Gemeinderats, die sich dafür auch außerhalb der Sitzungszeiten einsetzen. Ohne Sie, meine Damen und Herren, Stadträtinnen und Stadträte, könnte ich als Oberbürgermeister nichts bewegen. Und das gilt auch für die Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung: Auch ohne Sie könnte ich nichts umsetzen; auch Ihnen danke ich für Ihre Unterstützung.
Erfolgreich können wir nur gemeinsam sein, daher bitte ich Sie: Machen Sie mit! Wir brauchen die Solidarität in diesen turbulenten Zeiten ganz besonders. Wir brauchen Sie – auch im Dialog: Im respektvollen Gespräch zu bleiben, ist essenziell. Und das gilt besonders für den Dialog mit unserer jungen Generation.
Junge Menschen wollen gehört und beteiligt werden, wie die Jugendstudie zeigt. Sie müssen von uns erwarten können, dass ihre Sorgen nicht kleingeredet oder weggelächelt, sondern ernst genommen werden. Die Ängste und Sorgen unserer Jugend gerade in einer Zeit, in der alte Sicherheiten immer stärker wegbrechen, als Übertreibung abzutun, hätte fatale Folgen. Binden wir Jugendliche viel stärker als bislang ein, suchen wir neue Formen der Beteiligung, weil auch hier gilt: In einer sich rasant wandelnden Gesellschaft funktionieren herkömmliche Formen nicht mehr. Das mussten wir beispielsweise bei unserem Jugendgemeinderat feststellen: Über die zwei Jahre dauernde Legislaturperiode verlieren wir die Mitglieder nach und nach.
Wie wichtig diese Einbindung ist, zeigt die Jugendtrendstudie eindrücklich: Ehrenamtliches Engagement gibt Halt. Junge Menschen, die ein Ehrenamt ausüben, haben weniger Angst als ihre Altersgenossen, die dieses Gefühl der eigenen Wirkmächtigkeit in der Gesellschaft nicht erfahren.
Solche Ergebnisse gehören zu den Gründen, weshalb wir 2026 trotz aller globalen Turbulenzen mit Zuversicht angehen können. Voraussetzungen dafür sind,
- das Glas als halbvoll und nicht als halb leer zu sehen,
- und die Bereitschaft, für die Demokratie einzustehen, was bedeutet, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
Die Demokratie ist nicht perfekt, aber dennoch die beste Staatsform, die wir kennen. Sie ist genau das, was wir heute mehr denn je brauchen: ein lernendes System, das von Kompromissen lebt und in dem man Fehler korrigieren kann. Freiheit, Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus sind seit jeher die zentralen Werte der Demokraten – die gilt es heute zu verteidigen. Gleichgültigkeit und Nichtstun sind in dieser globalen Lage keine Option.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr, bleiben Sie mit uns optimistisch. Lassen Sie uns gemeinsam anpacken, um den bestmöglichen Weg für Kehl und unsere Stadtgesellschaft zu bereiten.
Vielen Dank!