Neujahrsempfang

Neujahrsempfang: 2026 beginnt mit DJ, HipHop und Kabarett

Wenn The School eine HipHop-Show auf die Stadthallenbühne legt, DJ ML Miyoshi auflegt und Kabarettist Andreas Müller als Winni I Grüße aus der Landeshauptstadt überbringt, dann ist Neujahrsempfang in Kehl. Mit einem schwungvollen Programm inklusive artistischer Einlagen hat die Stadt am Montagabend (12. Januar) rund 500 Gäste eingeladen, mit genauso viel Zuversicht ins neue Jahr zu starten, wie das die Generation Z tut: Im Zentrum des Abends stand nämlich die Jugend, was sich auch in der Dekoration der Stadthalle widerspiegelte.

The School bot mit drei verschiedenen Tanzgruppen aus Kehl und der Ortenau eine fulminante Tanzshow auf der Stadthallenbühne.

Oberbürgermeister Wolfram Britz stellt die 14- bis 29-Jährigen in den Mittelpunkt seiner Rede und räumte, belegt durch die Jugendtrendstudie 2025, mit vielen Vorurteilen auf: „Jede Generation ist die Projektionsfläche für die gesellschaftliche Unsicherheit ihrer Zeit.“ Gastrednerin Maren Meheust forderte dazu auf, Kinder und Jugendliche genauso in die Nutzung von Smartphones einzuführen wie in den Straßenverkehr. Zum letzten Mal sprach die Präsidentin der Eurométropole de Strasbourg beim Neujahrsempfang in Kehl: Sie wird sich bei der Kommunalwahl im März im Gegensatz zu Straßburgs Oberbürgermeisterin Jeanne Barseghian nicht mehr zur Wahl stellen. Letztere erneuerte in ihrer Rede die Kritik an den verschärften Grenzkontrollen in einem Gebiet, „das trotz Grenze ein einheitliches Ganzes bildet und solidarisch ist“. (Alle Redebeiträge stehen unten im Wortlaut zur Verfügung.)

Oberbürgermeister Wolfram Britz forderte die Gäste in der Stadthalle auf, sich an ihre eigene Jugend zu erinnern, und stellte fest, dass sich die Vorurteile von damals und heute wiederholen, nur in anderen Formulierungen: „Galten wir damals als arbeitsunwillig, sprechen wir bei der Gen Z heute von ,nicht belastbar‘. Was in unserer Jugend aus Sicht der Älteren mit respektlos bezeichnet wurde, heißt bei der Gen Z ,zu sensibel‘. Aus dem Vorwurf: ,Du bist realitätsfern‘, wurde ,Du lebst in deiner digitalen Blase‘.“ Daraus zog der OB zwei Schlüsse: „Viele Vorurteile über Jugendliche sagen offenbar mehr über die Ängste der Älteren aus als über die Jugend selbst.“ Ihm sei um die Zukunft nicht bange, denn „was für uns galt, gilt auch für unsere Jugendlichen: Sie sind viel besser als ihr Ruf“. Er belegte diese Aussagen mit einigen Ergebnissen aus der Jugendtrendstudie 2025, die beispielsweise mit dem Urteil, die Generation Z sei faul, aufräumt: 81 Prozent der jungen Berufstätigen arbeiten Vollzeit, und damit deutlich mehr als in älteren Generationen. Auch wenn 65 Prozent der 14- bis 19-Jährigen mit Zuversicht in die Zukunft blickten, müsse man ihre Ängste ernst nehmen, mahnte Wolfram Britz: Junge Menschen wollten gehört und beteiligt werden – hier suche auch die Stadt nach neuen Formaten, weil herkömmliche Formen in einer sich rasant wandelnden Gesellschaft nicht mehr funktionierten. Die Gäste beim Neujahrsempfang forderte er auf, sich in einen offenen Dialog mit den Jugendlichen zu begeben und für die Demokratie einzustehen, auch wenn dies bedeute, unangenehme Wahrheiten auszusprechen: „Gleichgültigkeit und Nichtstun sind in dieser globalen Lage keine Option.“

Auch in der Dekoration der Stadthalle spiegelte sich das Thema des Abends wider.

Jeanne Barseghian und Pia Imbs

„Wir können uns aufeinander verlassen“, betonte die Straßburger Oberbürgermeisterin Jeanne Barseghian in ihrer Ansprache. Straßburg und Kehl seien Teil eines gemeinsamen Lebensraums, der trotz der nationalen Grenze zusammengehöre und von gegenseitiger Unterstützung geprägt sei. Auch die weiterhin bestehenden Grenzkontrollen mit all ihren negativen Folgen könnten daran nichts ändern. Mit diesen Worten erneuerte Jeanne Barseghian den bereits mehrfach formulierten Appell, die Intensität der Kontrollen stärker an den Alltag der Menschen im deutsch-französischen Grenzgebiet anzupassen, und erntete dafür spontanen Applaus. Trotzdem gebe es zahlreiche und erfolgreiche gemeinsame Vorhaben. So sei die im November geschlossene Solidaritätspartnerschaft zwischen der Eurometropole, Kehl und der ukrainischen Stadt Charkiw weit mehr als ein Verwaltungsdokument: „Sie ist ein Versprechen von Freundschaft und Vertrauen“ und eröffne neue Wege für Austausch und eine zukunftsgerichtete Kooperation. Auch der Straßburger Nachtbus, der seit dem 8. Januar auch in Kehl hält und für Nachtschwärmer auf beiden Seiten des Rheins eine wichtige Ergänzung zur Straßenbahn darstellt, stärke die Verbindung zwischen beiden Städten. Die Straßburger Oberbürgermeisterin bekräftigte zudem ihr unermüdliches Engagement für die grenzüberschreitende Wärmegesellschaft Calorie Kehl-Strasbourg, deren Vorsitz sie innehat. Abschließend erinnerte sie an die gemeinsame Geschichte beider Städte. Es sei die Geschichte Europas und damit ein „Versprechen der Freiheit gegen Hass und Barbarei“, eine Freiheit, die allen zusteht. Für dieses Versprechen lohne es sich einzustehen und solidarisch zu handeln. Im neuen Jahr gelte es daher, weiterhin auf Offenheit und Zusammenhalt zu setzen – ganz im Sinne der deutsch-französischen Freundschaft.
Pia Imbs rief weitere gemeinsame Projekte in Erinnerung, die 2025 umgesetzt werden konnten. Sie nannte das Mundartfestival Alemaniac, das die gemeinsamen Wurzeln gewürdigt und gezeigt habe, wie lebendig und verbindend die Sprache im gemeinsamen Lebensraum sei. Als weiteres Beispiel führte sie die Studie zur grenzüberschreitenden Energiewende an, bei der zwei Prioritäten herausgearbeitet worden seien: ein grenzüberschreitendes Bürgerenergieprojekt auf die Beine zu stellen und die Dekarbonisierung der Industrie voranzutreiben.

Maren Meheust: Umgang mit Smartphone begleiten

Viele Erwachsene wüssten um die zahlreichen Risiken, denen Kinder und Jugendliche im Netz ausgesetzt sind, mahnte Gastrednerin Maren Meheust. Doch oft glaubten sie, es treffe vor allem „die anderen“. Diese „Risikobewusstseinlücke“ sorge dafür, dass Gespräche über die Gefahren zwar stattfänden, konkrete Schutzmaßnahmen aber ausblieben. Dabei zeigten Studien ein klares Bild: „Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat Erfahrung mit digitaler sexueller Belästigung gemacht“, jedes fünfte Schulkind war bereits von Cybermobbing betroffen. Ihre Botschaft sei daher nicht Angst, es gehe ihr vielmehr um Verantwortung: Wegsehen schützt nicht. Digitale Gefahren entstünden selten spektakulär, ergänzt Maren Meheust, sondern leise, im Alltag. Auf Plattformen wie Roblox oder Discord begänne Kontakt oft harmlos, „nicht mit Gewalt, sondern mit Nähe und Aufmerksamkeit“. Auch Mobbing entwickele sich schleichend aus Gruppendynamiken, höre aber für Betroffene nie auf: „Es geht mit ins Kinderzimmer, ins Bett, auf dem eigenen Smartphone.“ Hinzu kämen ungefragte Inhalte, KI-Chatbots, riskante Challenges und der leichtfertige Umgang mit intimen Bildern, deren Weiterverbreitung strafbar ist. Verbote allein würden nicht helfen, denn die digitale Welt sei Teil der Lebensrealität junger Menschen, führte die Gastrednerin weiter aus. Entscheidend sei die Begleitung durch Erwachsene: erklären, mitgehen, Interesse zeigen und Vorbild sein. Wie beim Fahrradfahren gelte: erst dabeibleiben, dann loslassen. Erwachsene müssten nicht jede App perfekt kennen, „es reicht die Haltung: interessiert sein, offen sein, begleiten und vor allen Dingen die Verantwortung fühlen“. Wer Verantwortung übernähme und ansprechbar bleibe, helfe Kindern, Risiken zu erkennen und sich Hilfe zu holen. Ziel sei es, die Risikobewusstseinslücke zu schließen und vom Wissen ins Handeln zu kommen. In diesem Sinne müsse 2026 ein Jahr sein, in dem bewusster hingeschaut und mehr miteinander gesprochen wird, in dem Kinder nicht allein gelassen werden. Weder in der analogen noch in der digitalen Welt.

SWR-Kabarettist Andreas Müller sang mit der Stimme Herbert Grönemeyers ein Loblied auf den Verbrenner anstatt auf Männer.

Kehler Identität, Trailer und Kabarett

Über die Kehler Identität trat OB Wolfram Britz mit Hochschulrektor Professor Dr. Joachim Beck in den Dialog: Während er, um die Bedeutung des Hafens für Kehl zu betonen, die Bezeichnung Hafenstadt ins Gespräch gebracht habe, wünscht sich Joachim Beck den Zusatz Hochschulstadt auf den Ortsschildern. Dies umso mehr, als die 500 Studierenden 2026 im wahrsten Wortsinn ins Zentrum gerückt werden: Sobald der Ausbau des Dachgeschosses des ehemaligen Kaufhauses Schneider abgeschlossen ist, werden dort täglich etwa 200 Studierende unterrichtet. Diese würde der Hochschulrektor auch gerne übers Wochenende in Kehl halten: Wenn im März der neue Jahrgang begrüßt wird, können sich dabei Kehler Vereine präsentieren und damit Studierende als Mitglieder oder Ehrenamtliche werben.

Mit einem professionellen Trailer überraschte der in Kehl geborene und aufgewachsene Filmemacher Philipp Jedicke die Gäste beim Neujahrsempfang. Kabarettistisch nahm der aus dem SWR bekannte Stimmenimitator Andreas Müller die Grenzkontrollen, das Verbrenneraus und die bisweilen verstörenden Nachrichten aus den USA auf die Schippe. Auch Kehler Besonderheiten wie die Grüncontainer durften dabei nicht fehlen: In einer Videobotschaft ließ Andreas Müller Ministerpräsident Winfried Kretschmann Hilfe bei der Bepflanzung anbieten, wenn er dann nach der Landtagswahl im politischen Ruhestand ist.

Der Neujahrsempfang im Video

Rede von Oberbürgermeister Wolfram Britz

Sehr geehrte, liebe Madame la maire Jeanne Barseghian,
sehr geehrte, liebe Madame la présidente Pia Imbs,
sehr geehrte Damen und Herren,
 
Ich wünsche Ihnen ein gutes neues Jahr und heiße herzlich willkommen

- Herrn Landtagsabgeordneten Bernd Mettenleiter;
- die Herren Oberbürgermeister Manuel Tabor aus Achern und Gregor Bühler aus Oberkirch, Herrn Bürgermeister Kopp aus Offenburg und die politischen Vertretungen aus unseren Nachbargemeinden;
- die Gäste der Behörden und Einrichtungen aus Straßburg, mit denen uns eine gute und enge Zusammenarbeit verbindet, inklusive Herrn Konsul Kern vom deutschen Generalkonsulat;
- die Trägerinnen und Träger der Bürgermedaille der Stadt Kehl;
- die Stadträtinnen und Stadträte der Stadt Kehl;
- die Kreisrätinnen und Kreisräte;
- die Ortsvorsteherinnen und Ortsvorsteher sowie die Ortschaftsrätinnen und -räte;
- alle ehemaligen Mandatsträgerinnen und Mandatsträger – ich freue mich immer, wenn Sie nach dem Ausscheiden aus dem Amt weiterhin Interesse am Geschehen in unser Stadt zeigen;
- die Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaft, der Banken, des Einzelhandels und der Gastronomie;
- die Vertreterinnen und Vertreter des Kehler Hafens, von Behörden und Einrichtungen;
- die Vertreterinnen und Vertreter der grenzüberschreitenden Einrichtungen;
- die Angehörigen der Feuerwehr;
- die Rektorinnen und Rektoren unserer Schulen;
- die Repräsentantinnen und Repräsentanten unserer Vereine;
- die Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften;
- die Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen der Stadtverwaltung
- sowie alle, die heute Abend hier sind, um zusammen mit uns ins Jahr 2026 zu starten.
 
Vielleicht haben sich einige von Ihnen über den Text auf der Einladungskarte zum Neujahrsempfang gewundert – vor allem über die Aufforderung, dass wir uns unsere Jugend als Beispiel nehmen sollten. Ich werde diese Aussage im Folgenden gerne erläutern.
 
Leider ist es nun so, dass wir heute Abend über unsere Jugendlichen sprechen und nicht mit ihnen: Traditionell finden sich beim Neujahrsempfang der Stadt Kehl eher – sagen wir mal – die Best Agers und die aktiven Älteren ein. Über die vergangenen Jahrzehnte gab es wohl nur einen einzigen Versuch, die junge Generation für diese Veranstaltung zu interessieren. Vielleicht ist das schon ein erster Punkt, an dem wir arbeiten sollten. Denn die Zukunft sind nicht wir, es sind die Angehörigen der sogenannten, mit vielen Vorurteilen belasteten Gen Z.
 
Aber bevor ich darauf näher eingehe, bitte ich Sie, sich an Ihre eigene Jugend zu erinnern: Was hatten unsere Eltern an uns nicht alles auszusetzen?
"Wie siehst du denn aus? Diese langen Haare! Willst du nicht endlich mal wieder zum Frisör gehen?"
"Diese Musik! Kaum auszuhalten, mach aus oder mach‘ wenigstens leiser."
"Was hast du denn wieder an? Kannst du dich nicht wenigstens an Weihnachten ordentlich anziehen. So kannst du auf keinen Fall mit zu Tante Helga gehen."
 
Wer in den 70er- oder 80er-Jahren zu den Jugendlichen gehörte – also wohl die Mehrheit heute Abend – galt damals
- entweder als politisch desinteressiert oder in Zeiten von APO, RAF und Hausbesetzerszene gleich als gefährlich radikal;
- als autoritätsfeindlich, respekt- und disziplinlos, weil Hierarchien infrage gestellt wurden;
- als arbeitsunwillig und realitätsfern, ohne Lust auf Leistung und Verantwortung;
- als moralisch verwahrlost, weil die Pille eine sexuelle Befreiung war, Gras geraucht und teilweise mit Drogen experimentiert wurde;
- als naiv-utopistisch, weil Frieden, Gleichheit und Schutz der Umwelt als unrealistische Träumereien galten.

In den 80ern kamen weitere Vorurteile hinzu:
- konsumfixiert: nur an Modemarken und Spaß interessiert;
- ich-bezogen und karrieregeil: Die „Generation Golf“ kündigte sich an, also: Erfolg, Selbstverwirklichung statt Gemeinsinn;
- gefühllos und abgestumpft: Gewaltfilme und Computerspiele schürten die Angst, dass die Jugend verroht;
- technikgläubig und oberflächlich: Damals kam Teufelszeug auf wie Walkman, Heimcomputer – so hießen die Commodores – noch.
 
Unsere Eltern fürchteten, dass wir uns zu viel mit Technik beschäftigen und zu wenig mit echter Kommunikation mit unseren Mitmenschen. Sie erinnern sich? Und das kommt Ihnen bekannt vor? Ja, sicher. Und zwar gleich in zweifacher Hinsicht. Denn diese Vorurteile oder Muster scheinen sich zu wiederholen:
- Galten wir damals als „arbeitsunwillig“, sprechen wir bei der Gen Z heute von „nicht belastbar“.
- Was in unserer Jugend aus Sicht der Älteren mit respektlos bezeichnet wurde, heißt bei der Gen Z „zu sensibel“.
- Aus dem Vorwurf: „Du bist realitätsfern“, wurde „Du lebst in deiner digitalen Blase“.

Und wie uns damals wird den Jugendlichen heute vorgeworfen, dass sie wahlweise zu politisch oder zu unpolitisch seien. Was den sogenannten Werteverfall angeht, so galt damals wie heute: Früher war alles besser. Wenn ich nun ins Publikum blicke, so sehe ich lauter Menschen, die ihren Weg gemacht haben, die in ihren jeweiligen Berufen erfolgreich waren oder sind – allen Vorurteilen zum Trotz.
 
Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Viele Vorurteile über Jugendliche sagen offenbar mehr über Ängste der Älteren aus als über die Jugend selbst. Rückblickend zeigt sich: Jede Generation ist die Projektionsfläche für die gesellschaftliche Unsicherheit ihrer Zeit. Es muss uns um die Zukunft also nicht bange sein, denn, was für uns galt, gilt auch für unsere Jugendlichen: Sie sind viel besser als ihr Ruf. Und das ist nicht meine persönliche Interpretation, sondern dies belegt die Jugendstudie aus dem vergangenen Jahr, die mit so manchem Vorurteil aufräumt. Zum Beispiel mit dem, dass die 14- bis 29-Jährigen besonders faul seien. Stimmt nicht: 81 Prozent arbeiten Vollzeit – das sind deutlich mehr als in älteren Generationen. Sie wünschen sich flexiblere Arbeitszeitmodelle, kein starres Tageslimit und mehr Home Office.
 
Das Gleiche gilt für die vielzitierte Aussage, dass Jüngere nicht bereit seien, Verantwortung für Ältere zu übernehmen: Eine Mehrheit akzeptiert höhere Rentenbeiträge, um die Versorgung der Älteren zu sichern. Sie anerkennt die Notwendigkeit, zur Finanzierung der heutigen Renten beizutragen: 44 Prozent fühlen sich dafür mitverantwortlich, nur ein Viertel widerspricht, ein Drittel ist unentschlossen.
 
Die multiplen Krisen setzen unsere junge Generation enorm unter Druck:
- 81 Prozent fürchten eine Ausweitung des Ukrainekriegs;
- Zwei Drittel haben Angst vor Inflation, Armut und Wohlstandsverlust;
- 64 Prozent nehmen zunehmende Feindseligkeit in der Gesellschaft wahr;
- 63 Prozent sehen den Klimawandel als existenzielle Bedrohung;
- 40 Prozent fühlen sich persönlich benachteiligt;
- Psychische Erkrankungen unter Jugendlichen nehmen – bedingt auch durch die Maßnahmen in der Corona-Krise – dramatisch zu. 25 Prozent bräuchten Unterstützung, aber nur ein Zehntel erhält sie.
 
Sorgen und Ängste prägen die jungen Menschen stark und doch zeigen sie trotz Wirtschaftskrise, Wohnungsnot und wachsender politischer Unsicherheit nicht Resignation, sondern bleiben bemerkenswert hoffnungsvoll: 65 Prozent der 14- bis 29-Jährigen blicken optimistisch in die Zukunft. Die Jugendtrendstudie weist sie als verantwortungsbewusst und leistungsbereit aus.  
Damit dürfen wir aber nicht wegwischen, dass die Sorgen der 14- bis 29-Jährigen berechtigt sind, sondern müssen uns fragen, wie wir unsere Jugend unterstützen, ihr mehr Sicherheit geben und die Grundlage dafür schaffen können, dass die junge Generation auch in Zukunft in Würde und Freiheit leben kann.
 
Es liegt nicht in unserer Macht, die globale Lage zu verändern, und doch können wir in Kehl viel tun:
 
In der Bildung: 
Wir haben in den Jahren von 2019 bis 2025 in Kitas und Schulen 27 Millionen Euro investiert; von 2026 bis 2030 weisen der aktuelle Haushalt und die mittelfristige Finanzplanung weitere 33,6 Millionen Euro an Investitionen aus. Dieses Geld fließt zu einem Großteil in den Ausbau der Ganztagsbetreuung in den Grundschulen: Der Rechtsanspruch für die Erstklässler beginnt mit dem neuen Schuljahr; in den nächsten drei Jahren wird dieser auf die Klassen zwei bis vier ausgedehnt.  
In dieser Plansumme enthalten ist auch der sogenannte Schulcampus Niedereich. Mit diesem Terminus fassen wir zusammen, dass wir die Grundschule Sundheim – die seit vier Jahren im Gebäude der Wilhelmschule untergebracht ist – neu bauen möchten. In diesem Neubau werden außerdem zusätzliche Klassenzimmer für die Albert-Schweitzer-Schule vorgesehen, deren Schülerzahl stark gestiegen ist. 
Wir wollen damit aber nicht nur einen Raumbedarf befriedigen, sondern versprechen uns von der täglichen Begegnung und Durchmischung der Schülerinnen und Schüler beider Schulformen einen Mehrwert im sozialen Miteinander und mehr Durchlässigkeit. Bildungschancen dürfen nicht länger von sozialer Herkunft abhängen.
Unsere Kindertageseinrichtungen sind Orte der frühkindlichen Bildung: Wir setzen auf Qualität, die weit über die bloße Betreuung hinausgeht und die kostet Geld: 30 Millionen Euro werden wir in diesem Jahr voraussichtlich für die Kitas ausgeben, acht Millionen davon bekommen wir als Zuschuss vom Land. Die Elternbeiträge sind von dieser Summe noch nicht abgezogen. Der Gemeinderat hat diese im vergangenen Jahr so angehoben, dass wir damit 15 Prozent dieser Kosten decken können. Die Kosten für die Nachmittagsbetreuung in den Grundschulen steigen von 700 000 Euro im vergangenen auf 900 000 Euro in diesem Jahr.
In den Schulen unterstützen wir unsere Jugendlichen mit Schulsozialarbeit: Mädchen und Jungen können sich mit ihren Sorgen und Problemen vertrauensvoll an die Sozialarbeiterinnen und -arbeiter wenden. 2026 wenden wir dafür, nach Abzug des Zuschusses vom Land und Kreis von zusammen 300 000 Euro, eine halbe Million Euro auf.
 
In der Offenen Jugendarbeit:
In unseren Jugendhäusern und -treffs bieten wir Kindern und Jugendlichen viel mehr als sinnvolle Freizeitgestaltung. Unsere Jugendarbeiterinnen und -arbeiter sind Vertrauenspersonen, Anlaufstellen, vermitteln soziale Werte, geben vielfach Stabilität und leisten Unterstützung, die einigen Besucherinnen und Besuchern unserer Einrichtungen zu Hause fehlt. 2026 lassen wir uns diesen wichtigen Bereich unserer sozialen Arbeit rund 1,8 Millionen Euro kosten. In diesem Betrag sind die Betriebskosten unserer Gebäude und die Mittel für die Ausstattung, für Material und Angebote enthalten. Die Personalkosten belaufen sich auf rund 600 000 Euro. Die Jugendarbeit und die Schulsozialarbeit organisieren gemeinsam die städtischen Ferienprogramme in der Kernstadt und den Ortschaften. In diesem Jahr steht dafür ein Budget von 47 000 Euro zur Verfügung; die Hälfte davon wird über die Elternbeiträge finanziert.

Warum nenne ich Ihnen diese vielen Zahlen? Wir waren im zurückliegenden Jahr angesichts einer schwierigen Haushaltssituation mit einem hohen Defizit gezwungen, vor allem über Gebührenerhöhungen, übers Sparen und über das Reduzieren von freiwilligen Leistungen nicht nur zu sprechen, sondern auch zu ringen. Das hat sich in der Presseberichterstattung, in Leserbriefen und teils wilden Diskussionen in Social Media niedergeschlagen. Ja, wir müssen unsere Einnahmen und Ausgaben in ein ausgewogeneres Verhältnis bringen, dabei sehen wir jedoch sehr genau hin und prüfen vor allem, wo wir mit Umorganisation oder Neustrukturierung mit weniger Geld mehr Qualität bekommen können.
 
Dem rasanten Wandel und dem Umstand, dass Krisen die neue Normalität sind, können wir nur mit neuen Konzepten und Lösungen begegnen.
 
Für den einen oder die andere von Ihnen, der oder die manchmal den Eindruck hat, den Kindern oder Enkeln sei das Smartphone an die Hände gewachsen, mag es vielleicht seltsam erscheinen, doch auch Social Media macht vielen jungen Menschen Angst. Wir werden nachher von Maren Meheust noch einiges zum Thema Umgang mit den Gefahren im Netz hören, daher möchte ich mich an dieser Stelle auf einen anderen Punkt fokussieren:
 
Noch nie gab es in der Geschichte die Situation, dass die weltweit meistgenutzten Massenmedien in der Hand von ganz wenigen Superreichen waren, dass also Medien- und Wirtschaftsmacht in dieser Form gebündelt wurden. Die US-amerikanischen Dark Tech-Plattformen, wie sie der renommierte Medienwissenschaftler Martin Andree nennt, monopolisieren die Meinungsmacht und drücken die herkömmlichen redaktionellen Medien und den professionellen Journalismus immer mehr an die Wand.
Wir in Europa haben es versäumt, eigene Social-Media-Plattformen aufzubauen. Warum hätten wir das auch tun sollen? Die USA wurden als befreundete Demokratie angesehen. Doch spätestens seit der Wiederwahl von Donald Trump suchen eben diese Tech-Giganten seine Nähe und erweitern seine Einflusssphäre bis in unseren Social-Media-Alltag. Es geht längst nicht mehr nur um Elon Musk und X, sondern auch um Marc Zuckerberg, also Facebook, Instagram und WhatsApp, sowie um Larry Page und Sergey Brin, die bei Alphabet, vormals Google, als Eigentümer von YouTube entscheidenden Einfluss haben. Populistische und autokratische Kräfte nutzen polarisierende Algorithmen, um etablierte Parteien und demokratische Politik zu diskreditieren.
Im gerade mal ein Jahr zurückliegenden Bundestagswahlkampf erlebten wir in aller Deutlichkeit, wie die USA den Besitz dieser Plattformen offen dazu instrumentalisierten, um die eine Wahl in Europa gemäß ihren Interessen und im Sinne ihrer machtpolitischen Partner zu beeinflussen. Und natürlich nutzt auch Wladimir Putin diese Mischung aus Tech und Populismus intensiv für seine Cyberpropaganda und die Spaltung der westlichen Demokratien. In Europa und in Deutschland wurden bereits Hunderte von Desinformationskampagnen nachgewiesen. Wir werden in diesem „Krieg der Medien“, wie ihn Martin Andree beschreibt, regelrecht in die Zange genommen.
„Die Zukunft der Demokratie, da bin ich mir sicher, entscheidet sich im Netz“, mahnte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede zum 9. November. Unsere Jugendlichen spüren diese Bedrohung, fühlen sich ausgeliefert und wünschen sich in Social Media mehr Kontrolle und Unterstützung. Dass dies zwingend bereits im Elternhaus beginnen muss, wird Maren Meheust nachher ebenso darstellen, wie dass dies für die Generationen, die eben nicht zu den Digital Natives gehören, durchaus eine besondere Herausforderung ist. Die Schulsozialarbeit und die Offene Jugendarbeit haben bereits erste Konzepte entwickelt und auf den Weg gebracht, es ist aber klar, dass wir in diesem wichtigen Handlungsfeld noch mehr tun müssen.
 
Ich danke an dieser Stelle den Stiftungen in Kehl, die dieser Problematik sehr aufgeschlossen gegenüberstehen und uns mit erheblichen finanziellen Mitteln unterstützen, ohne die beispielsweise das Präventionsprogramm unserer Schulsozialarbeit nicht umsetzbar wäre. Mir ist bewusst, dass es im Kreise der Stiftungen durchaus – und berechtigterweise – Diskussionen darüber gibt, dass hier Aufgaben finanziert werden, die eigentlich vom Staat zu leisten wären. Doch Nichtstun ist keine Option.

Ähnliches gilt für ein weiteres, großes Projekt, das wir in diesem Jahr buchstäblich auf den Weg bringen werden: Dank der großzügigen Unterstützung der Geiger-Stiftung können wir einen Food-Truck anschaffen. Ich sehe Ihr Erstaunen, aber es handelt sich natürlich nicht um einen Essenswagen mit Speisekarte, sondern um ein einfaches Essensangebot, das wir Jugendlichen – deshalb der Truck – in verschiedenen Bereichen unserer Stadt machen möchten. Bei unseren verschiedenen Aktivitäten, die wir Kindern und Jugendlichen in unseren Häusern anbieten, sehen wir immer wieder: Ja, es gibt in unserer Stadt Kinder und Jugendliche, die Hunger haben, weil es zu Hause nicht ausreichend zu essen gibt. Mit dem Essensangebot wollen wir in erster Linie ein Grundbedürfnis befriedigen, wir möchten aber auch Anlaufstationen schaffen, um den jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, ihnen zuzuhören und mehr über ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte zu erfahren. Aufsuchende Sozialarbeit 4.0 mit analogem Essen.
 
Ich danke allen ehrenamtlichen Kräften, Vereinen und Organisationen, die sich gerade für die Jugendlichen engagieren, die besondere Unterstützung brauchen. Ich möchte stellvertretend den Verein Huckepack nennen, der sich, ohne das Licht der Öffentlichkeit zu suchen, um Kinder und Jugendliche kümmert, die in ihren Familien traumatische Erfahrungen machen mussten.
 
Ich danke auch allen, die sich im Dezember – erstmals oder schon zum zweiten Mal – an unserer Aktion „Kehl erfüllt Kinderwünsche“ beteiligt haben. Wie beim letzten Neujahrsempfang angekündigt, haben wir den Kreis derer, für die ein Wunschzettel ausgefüllt werden konnte, auf die Altersgruppe von drei Jahren bis Ende Grundschule erweitert. 520 Wunschzettel haben wir verschickt und 293 zurückbekommen. Die Zahlen zeigen nicht nur, wie viele Kinder in unserer Stadt – nur in dieser Altersgruppe – in Familien leben, die im Sozialleistungsbezug sind; sie haben uns auch Respekt eingeflößt. Aber es hat wieder geklappt: durch Ihre Beteiligung! Solidarität ist in unserer Stadt glücklicherweise ein hohes Gut; dank Ihnen, dank dem Engagement einiger Unternehmen, konnten alle Wünsche erfüllt werden.
Einige der Wünsche haben mich sehr berührt: Ein Kind wünschte sich ein Weihnachtsessen für die Familie, ein Mädchen einen Schwimmbadbesuch mit Bruder und Eltern mit einem Essen am Kiosk, ein Junge wollte gerne mit der Familie ein Technikmuseum besuchen. Es wurden Kinderbettwäsche, Winterjacken, Winterschuhe, Sportschuhe und warme Pullover gewünscht. Auch Bücher und Lernspiele wurden von mehreren Eltern auf die Wunschzettel geschrieben. Beim Abholen der Geschenke kullerten des Öftern Freudentränen.
 
Die Wunschaktion und die Stiftungen sind nur zwei Beispiele: Jeder und jede kann sich in unserer Stadt beteiligen, sich für unser Gemeinwesen engagieren.
 
An dieser Stelle möchte ich kurz auf die geplante Entwicklung unserer Stadt eingehen: Kehl ist eine wachsende Stadt und haben mit – Stand heute – 40 039 Einwohnerinnen und Einwohner. Das darf uns stolz machen, zeigt es doch die Attraktivität von Kehl als Wohnort – in einer Zeit, in der in anderen Städten – auch in der Ortenau – die Einwohnerzahlen eher sinken. Doch mit der Einwohnerzahl muss zwangsläufig auch die Infrastruktur wachsen. Deshalb sind die Großprojekte, die wir gemeinsam mit dem Gemeinderat auf den Weg bringen, wichtig für unsere Stadt:
 
- der Bau von 85 geförderten Wohnungen durch unsere Städtische Wohnbaugesellschaft an der Iringheimer Straße, der 2026 beginnen wird;
- der von einigen kritisch betrachtete, aber zwingend notwendige Bau eines Verwaltungsgebäudes im Rathausareal; -
der bereits erwähnte Neubau der Grundschule Sundheim im Bereich Niedereich, inklusive Erweiterung der Albert-Schweitzer-Schule;
- und nicht zuletzt der Bau eines Ganzjahresbades auf dem Gelände des ehemaligen Kehler Freibads.
 
Dies sind nur die Großprojekte, die zu schultern wir uns vorgenommen haben, um unsere Stadt zukunftsfähig und auch für unsere Kinder und Jugendlichen lebenswert zu machen. 
 
Dies alles ist nur möglich, weil der Gemeinderat bereit ist, in die Verantwortung zu gehen und die Zusammenarbeit von Verwaltung und Gemeinderat funktioniert: Dass wir miteinander Lösungen zum Wohle unserer Stadt finden, macht uns stark. Für die Bereitschaft, um Kompromisse zu ringen und Lösungen zu suchen, danke ich allen Mitgliedern des Gemeinderats, die sich dafür auch außerhalb der Sitzungszeiten einsetzen. Ohne Sie, meine Damen und Herren, Stadträtinnen und Stadträte, könnte ich als Oberbürgermeister nichts bewegen. Und das gilt auch für die Kolleginnen und Kollegen aus der Verwaltung: Auch ohne Sie könnte ich nichts umsetzen; auch Ihnen danke ich für Ihre Unterstützung.
 
Erfolgreich können wir nur gemeinsam sein, daher bitte ich Sie: Machen Sie mit! Wir brauchen die Solidarität in diesen turbulenten Zeiten ganz besonders. Wir brauchen Sie – auch im Dialog: Im respektvollen Gespräch zu bleiben, ist essenziell. Und das gilt besonders für den Dialog mit unserer jungen Generation.
 
Junge Menschen wollen gehört und beteiligt werden, wie die Jugendstudie zeigt. Sie müssen von uns erwarten können, dass ihre Sorgen nicht kleingeredet oder weggelächelt, sondern ernst genommen werden. Die Ängste und Sorgen unserer Jugend gerade in einer Zeit, in der alte Sicherheiten immer stärker wegbrechen, als Übertreibung abzutun, hätte fatale Folgen. Binden wir Jugendliche viel stärker als bislang ein, suchen wir neue Formen der Beteiligung, weil auch hier gilt: In einer sich rasant wandelnden Gesellschaft funktionieren herkömmliche Formen nicht mehr. Das mussten wir beispielsweise bei unserem Jugendgemeinderat feststellen: Über die zwei Jahre dauernde Legislaturperiode verlieren wir die Mitglieder nach und nach.
 
Wie wichtig diese Einbindung ist, zeigt die Jugendtrendstudie eindrücklich: Ehrenamtliches Engagement gibt Halt. Junge Menschen, die ein Ehrenamt ausüben, haben weniger Angst als ihre Altersgenossen, die dieses Gefühl der eigenen Wirkmächtigkeit in der Gesellschaft nicht erfahren. 
 
Solche Ergebnisse gehören zu den Gründen, weshalb wir 2026 trotz aller globalen Turbulenzen mit Zuversicht angehen können. Voraussetzungen dafür sind,
- das Glas als halbvoll und nicht als halb leer zu sehen,
- und die Bereitschaft, für die Demokratie einzustehen, was bedeutet, auch unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
 
Die Demokratie ist nicht perfekt, aber dennoch die beste Staatsform, die wir kennen. Sie ist genau das, was wir heute mehr denn je brauchen: ein lernendes System, das von Kompromissen lebt und in dem man Fehler korrigieren kann. Freiheit, Achtung der Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus sind seit jeher die zentralen Werte der Demokraten – die gilt es heute zu verteidigen. Gleichgültigkeit und Nichtstun sind in dieser globalen Lage keine Option. 
 
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gutes neues Jahr, bleiben Sie mit uns optimistisch. Lassen Sie uns gemeinsam anpacken, um den bestmöglichen Weg für Kehl und unsere Stadtgesellschaft zu bereiten.
 
Vielen Dank!

Rede der Straßburger Oberbürgermeisterin Jeanne Barseghian

Liebe Kehlerinnen und Kehler,lieber Wolfram,meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, Vielen Dank für die Einladung zum Neujahrsempfang.Es ist mir eine Freude, hier in Kehl, unserer befreundeten Nachbarstadt, unserer Schwesterstadt, die durch den Rhein und die Straßenbahn verbunden ist, mit Ihnen das neue Jahr zu feiern.Wie schön, dass wir uns verstehen, Gemeinsamkeiten schaffen, Beziehungen knüpfen und pflegen.  Wir sind ein Gebiet, das trotz der Grenze ein einheitliches Ganzes bildet und solidarisch ist.Trotz dieser Grenze und vor allem trotz der Kontrollen, die unseren Austausch einschränken, unsere Züge verlangsamen und unsere Wirtschaft beeinträchtigen. Wir haben unsere Ablehnung gegenüber diesen systematischen Kontrollen zum Ausdruck gebracht, lieber Wolfram. Und wir müssen weiterhin sagen: Die Kontrollen müssen an die Realität des in unserem gemeinsamen Lebensraum, an die Realität unseres täglichen Lebens angepasst werden. Und trotz dieser Hindernisse engagieren wir uns in Kehl wie in Straßburg voll und ganz für gemeinsame Projekte. Und unsere gemeinsamen Neuigkeiten sind sehr vielfältig!Im November 2025 haben wir gemeinsam eine Solidaritätspartnerschaft mit der ukrainischen Stadt Charkiw geschlossen. Die Vereinbarung zwischen Kehl, Charkiw, der Stadt und der Eurométropole Strasbourg ist weit mehr als ein Verwaltungsdokument: Sie ist ein Versprechen der Freundschaft und des Vertrauens.Sie ebnet den Weg für eine zukunftsorientierte Zusammenarbeit im Bereich der Jugend, Bildung, Kultur und Inklusion.  Mit dieser Vereinbarung setzen wir gemeinsam als Städte, die selbst den Krieg als Feinde erlebt haben, ein Zeichen. Wir entscheiden uns bewusst für den Dialog und für die Kraft der Zusammenarbeit. Seit einigen Tagen verbindet eine Nachtbuslinie Straßburg mit Kehl, eine unverzichtbare Ergänzung zur Straßenbahn für alle, die nachts Ausgehen möchten, aber natürlich auch zur Arbeit fahren müssen.  Im Dezember haben wir uns intensiv über das Projekt Calorie Kehl-Strasbourg ausgetauscht, ein innovatives grenzüberschreitendes Leuchtturmprojekt, das bald unsere Energieversorgung miteinander verbinden wird, indem es die Abwärme der Stahlwerke in Kehl nutzt. Kehl kann auf meine Entschlossenheit als Vorsitzende des Unternehmens, das dieses Projekt umsetzt, zählen, es konkret zum Erfolg zu führen. Schließlich ist die notwendige Renovierung der Europabrücke, die in den nächsten Jahren stattfinden wird, Gegenstand von Gesprächen zwischen den Behörden auf beiden Seiten des Rheins, um sowohl einen reibungslosen Grenzübertritt zwischen unseren beiden Ländern zu ermöglichen als auch die Lebensqualität der Anwohnerinnen und Anwohner zu berücksichtigen, die an wichtigen Verkehrsachsen leben.  Ob in unseren bilateralen Beziehungen zwischen unseren beiden Städten oder innerhalb des Eurodistrikts Straßburg-Ortenau, der im vergangenen Dezember sein 20-jähriges Bestehen gefeiert hat, wir wissen, dass wir uns aufeinander verlassen können. Und wir verfolgen das gemeinsame Ziel, den Bedürfnissen der Kehler und Straßburger Einwohnerinnen und Einwohner gerecht zu werden.  Die Geschichte, die wir teilen, ist die Geschichte Europas. Ein Versprechen der Freiheit gegen Hass und Barbarei. Ein Versprechen der Freiheit, das nicht den Mächtigen vorbehalten ist, sondern jedem und jeder zusteht. Und wir kämpfen für dieses gerechte Leben, wir sind aktiv, wir stehen zusammen dank all jener, die durch ihre täglichen Gesten, ihre Aufmerksamkeit, ihr Engagement Widerstand leisten, sich um andere kümmern, Vertrauen schenken und ihre Zeit geben. Dank all jenen, die die Schwächsten unterstützen, Menschen mit Behinderungen begleiten, Frauen zur Seite stehen, die man zum Schweigen bringen möchte, und all jenen, denen man nicht genug zuhört. Für 2026 wünsche ich uns also, dass wir uns weiterhin für Offenheit und Solidarität entscheiden, und unsere deutsch-französische Freundschaft, unsere Freundschaft zwischen Kehl und Strasbourg ist das schönste Beispiel dafür. Ich wünsche Ihnen allen ein frohes neues Jahr 2026!Bonne année 2026 !

Rede von Pia Imbs, Präsidentin der Eurometropole Straßburg

Herzlichen Dank für die Einladung zu diesem Neujahrsempfang.
Es ist mir eine große Freude und Ehre, Sie, unsere Nachbarn der Stadt Kehl, heute Abend begrüßen zu dürfen.

Unsere Nachbarschaft ist weit mehr als nur eine geografische Lage - sie ist eine gelebte Freundschaft, die jeden Tag über den Rhein hinweg wächst.
Im Jahr 2025 wurden gemeinsame Projekte angestoßen und die bilaterale Zusammenarbeit weiterentwickelt. Einige Projekte möchte ich hervorheben:

Die neue Nachtbuslinie ist mehr als nur eine Verbindung: Sie rückt unsere Städte, unsere Jugend und unser kulturelles Leben noch enger zusammen.
Das Festival Alemaniac, ein Musikfestival, das im November letzten Jahres in Kehl stattfand, hat unsere gemeinsamen Wurzeln gewürdigt und bewiesen, wie lebendig und verbindend unsere Sprache ist.
Mit der trilateralen Partnerschaft zwischen Kehl, Straßburg und Charkiw haben wir ein Zeichen für Solidarität und die Kraft der europäischen Hoffnung gesetzt.
Ein weiteres Beispiel für unsere Zusammenarbeit im letzten Jahr ist eine Studie zur grenzüberschreitenden Energiewende in der Region Straßburg-Ortenau. Zwei Prioritäten werden darin genannt: eine grenzüberschreitende Bürgerenergie und die Dekarbonisierung des Industriesektors.

Liebe Freunde aus Kehl, lassen Sie uns diesen Weg des Vertrauens auch im Jahr 2026 weitergehen.
Ich wünsche Ihnen, Ihren Familien und der Stadt Kehl ein glückliches, gesundes und friedliches neues Jahr.

Vortrag der Gastrednerin Maren Meheust

Wer von Ihnen hier im Saal hat Kinder - also Kinder, die noch im eigenen Haus wohnen; Kinder und Jugendliche? Gern mal die Hände heben! Enkelkinder, Neffen oder Nichten? Oder arbeitet mit Jugendlichen zusammen? Und wie oft ist bei Ihnen das Thema “Handy” eigentlich auf dem Tisch? Also wie oft wird das genutzt? Vielleicht denken Sie jetzt: „Oh nein – nicht schon wieder jemand, der mir erklären will, wie ich mit Kindern oder Jugendlichen und ihrem Medienkonsum umgehen soll.“ Und ich sage Ihnen ehrlich: Vor ein paar Monaten hätte ich das genauso gedacht.

Ich arbeite als Digitalstrategin und bewege mich beruflich jeden Tag im World Wide Web. Gleichzeitig bin ich Mutter und höre auf Spielplätzen regelmäßig Diskussionen über Medien, Smartphones und Computerspiele. Lange hatte ich deshalb das Gefühl, gut informiert zu sein. Und genau hier liegt der Knackpunkt: Informiert sind wir irgendwie alle. Und wir reden auch immer wieder darüber. Aber ins Handeln – also das tatsächliche Schützen vor digitalen Gefahren – kommen nur wenige. Das ist mir erst richtig bewusst geworden, als durch meine Arbeit ein Projekt genau zu dem Thema auf meinem Schreibtisch gelandet ist.

Denn was mir – und vielen anderen – häufig passiert: Wir wissen, dass es Risiken gibt. Aber wir gehen davon aus, dass sie vor allem andere betreffen. Es sind die anderen Kinder, die digitale, sexuelle Belästigung erfahren. Nicht unser Kind. Nicht unsere Schülerinnen und Schüler. Nicht unser Umfeld. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Risikobewusstseinslücke. Und genau diese Lücke hält uns davon ab, vom Wissen ins Handeln zu kommen. 

Denn obwohl viele von uns das Gefühl haben: „Nicht bei mir“, sprechen die Zahlen eine andere Sprache. Ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland hat Erfahrung mit digitaler sexueller Belästigung, also Cybergrooming, gemacht. Und jedes fünfte Schulkind war schon von digitalem Mobbing betroffen. 

Deshalb möchte ich heute mit Ihnen genauer hinschauen. Nicht, um Angst zu machen. Sondern um einen realistischen Blick zu bekommen – und um zu zeigen, wo wir aktiver werden müssen. Zunächst einmal: Die digitale Welt ist nicht nur Gefahr. Sie ist laut, bunt und sehr präsent. Sie inspiriert, bildet und eröffnet jungen Menschen enorme Möglichkeiten. Sie bietet Zugang zu Wissen, schafft Gemeinschaft, Verbindung, Kreativität und gegenseitige Unterstützung.

Aber nicht nur. Deswegen lassen sie uns gemeinsam reinschauen.

Auf der Online-Spieleplattform Roblox zum Beispiel erschaffen Kinder und Jugendliche eigene Spiele und spielen sie dann gemeinsam. Roblox ist besonders bei Kindern unter 13 Jahren sehr beliebt. „Mittlerweile reden alle über die Online-Spielplattform auf dem Schulhof, als wäre es ein Ort, an dem alle gleichzeitig wohnen“, schreibt die Impuls Jugendhilfe.

Und genau hier möchte ich Sie kurz mit in eine Szene mitnehmen, die sich so – oder sehr ähnlich – jeden Tag abspielt. Beim Tschüss-Sagen nach der Schule sagt jemand: „Komm nachher online. Wir treffen uns auf dem gleichen Server.“ Ein elfjähriges Mädchen nickt. So selbstverständlich wie bei einem „Bis später“. Wenig später schreiben sie in Gruppen. Ein paar aus der Klasse. Ein paar, die jemand kennt. Und ein paar, die niemand kennt. Dann fragt jemand: „Wie alt bist du? Wo wohnst du? Hier ist es nervig, komm rüber.“ Ein Plattformwechsel zu Discord, der App, in der man privat chatten kann. Ein Raum ohne Grenzen. Ohne Erwachsene. „Schick mal dein Setup. Zeig mal dein Zimmer. Du bist voll nett.“

So beginnt es. Nicht mit Gewalt. Sondern mit Nähe. Mit Aufmerksamkeit. Mit dem Gefühl, dass da jemand ist, der Zeit hat. Und irgendwann werden die Fragen persönlicher. „Schickst du ein Foto? Aber sag es keinem.“ Viele Kinder merken nicht, wann aus einem Mitspieler jemand wird, der etwas will. Weil es sich am Anfang nicht gefährlich anfühlt. Es fühlt sich nach Aufmerksamkeit an. Genau deshalb bekommen es Erwachsene oft lange nicht mit.

Ähnlich leise beginnt auch Cybermobbing. Ein Kind postet in einer Klassen-WhatsApp-Gruppe eine harmlose Nachricht oder ein Foto. Jemand reagiert spöttisch. Ein anderer setzt ein Emoji darunter. Noch jemand leitet es weiter. Innerhalb kürzester Zeit ist aus einem einzelnen Kommentar eine Dynamik geworden, die niemand mehr stoppt – auch diejenigen nicht, die eigentlich „nur mitlesen“. Und das Entscheidende daran: Für die Beteiligten fühlt es sich oft nicht wie Mobbing an. Für das betroffene Kind aber ist es allgegenwärtig. Es hört nicht nach Schulschluss auf, es geht mit ins Kinderzimmer, ins Bett, auf dem eigenen Smartphone.

Damit habe ich jetzt zwei Phänomene beschrieben. Aber natürlich sind das nicht die Einzigen. Es gibt zum Beispiel den Trend, Kindern und Jugendlichen über AirDrop ungefragt verstörende Videos zuzuschicken – Dateien, die plötzlich auf dem Handy auftauchen, ohne Absender, ohne Vorwarnung. Einfach im Bus, auf dem Weg zur Schule. Diese Einstellung lässt sich übrigens am Handy einfach ausstellen, man muss es nur eben einfach machen!
Es gibt künstliche Intelligenzen, die mit Kindern und Jugendlichen chatten, sie emotional abholen, trösten, bestärken – und dabei Grenzen verwischen können, weil sie immer verfügbar sind und immer die richtigen Worte zu finden scheinen. Es gibt TikTok-Challenges, die als Spiel beginnen und manchmal in gefährlichem Gruppendruck enden.

Und dann gibt es gerade bei Jugendlichen das Thema “Nudes”, also Nacktbilder, wie es die Autorin und Journalistin Elisabeth Koblitz in ihren Recherchen für ihr Buch herausgefunden hat. Diese verschicken die jungen Menschen heutzutage, wenn man flirtet anstatt süßer Nachrichten. Oft ohne zu wissen, welche Konsequenzen das haben kann. Privates Bildmaterial zu teilen ist nicht nur gefährlich, sondern bei Weiterverbreitung auch strafbar.

Aber, was machen wir jetzt mit all’ diesem Wissen?
Oft ist die erste Reaktion: Früher war alles besser – ohne Handys. Eine Kindheit mit Buch und Ball, mit Briefen und Stickeralben. Aber wenn wir versuchen, das Neue wegzuschieben, machen wir einen entscheidenden Fehler. Wir müssen uns mit dieser neuen Welt auseinandersetzen und eben aktiv werden! Denn man kann sie nicht verneinen – wir leben in ihr. Und man kann auch nicht alle Apps so einschränken, dass Kinder niemals mit problematischen oder extremen Inhalten in Berührung kommen. Denn früher oder später werden Kinder auch einmal allein online sein.

Neues zu akzeptieren war noch nie einfach. Auch gegen die Einführung der Gurtpflicht im Auto gab es massive Proteste. Heute schnallen wir uns ganz selbstverständlich an – ohne darüber nachzudenken.

Genauso braucht es auch in der digitalen Welt Regeln. Nicht als Verbote, sondern als Orientierung. Das machen wir in anderen Lebensbereichen ganz selbstverständlich. Wenn wir Kindern das Fahrradfahren beibringen, lassen wir sie nicht einfach losfahren. Wir erklären. Wir bleiben dabei. Wir suchen sichere Wege. Und irgendwann lassen wir los – weil wir merken: Jetzt kann das Kind das.

Genau dieses Prinzip muss auch in der digitalen Welt gelten. Erklären. Begleiten. Dabeibleiben. Und Schritt für Schritt Verantwortung übergeben. Das passiert bisher noch nicht selbstverständlich. Nicht, weil es Erwachsenen egal wäre, sondern weil wir die erste Generation sind, die diese Aufgabe übernehmen muss.
Viele Eltern sagen außerdem, sie würden diese digitale Welt nicht richtig verstehen – die Kinder seien mittlerweile die Expertinnen und Experten. Das mag für das Wissen über Apps gelten. Aber nicht für das Wissen über Konsequenzen. Erst mit unserer erwachsenen Erfahrung können wir langfristige Folgen einschätzen und Kindern helfen, Druck, Dynamiken und Ablenkung einzuordnen.

Deshalb ist es Zeit, Verantwortung zu übernehmen und wirklich hinzusehen. Alle Eltern und Großeltern. Alle Onkel und Tanten. Lehrkräfte. Unternehmerinnen und Unternehmer. Menschen in Vereinen und in der Politik. Kinder sollten in der digitalen Welt nicht einfach allein gelassen werden.

Also: Wie machen wir das konkret?

Der erste Schritt beginnt bei uns selbst.
Wie ist eigentlich mein eigener Medienkonsum? Wie präsent bin ich, wenn ich mit anderen zusammen bin? Gibt es Zeiten oder Orte, an denen das Handy bewusst keine Rolle spielt – beim gemeinsamen Essen, im Gespräch, bei der Arbeit mit Jugendlichen? Kinder lernen weniger durch Regeln als durch Vorbilder.

Der zweite Schritt ist Interesse.
Gerade diejenigen unter Ihnen, die mit Kindern oder Jugendlichen zusammenleben oder arbeiten: Wissen Sie, auf welchen Plattformen sie sich bewegen? Roblox, Discord, Snapchat – das sind keine Randphänomene, sondern zentrale Orte von Beziehung, Zugehörigkeit und Anerkennung. Aber auch von sozialem Druck.

Ein dritter Schritt ist Mitgehen.
Elisabeth Koblitz empfiehlt in ihrem Elternhandbuch, Kindern in Kita und Grundschule kein eigenes Smartphone zu geben, sondern ein gemeinsames Gerät zu nutzen. Ein Gerät, bei dem Erwachsene dabei bleiben, erklären und mitbekommen, was Kinder sehen und tun.

Checken sie auch ruhig mal den Feed ihres Schützlinges - natürlich nur in Absprache. Algorithmen passen sich individuell an. Nur weil wir selbst keine problematischen Inhalte sehen, heißt das nicht, dass sie Kindern und Jugendlichen nicht ausgespielt werden. Diese Mechanismen lassen sich bis zu einem gewissen Grad bewusst beeinflussen. Die Journalistin Nora Imlau beschreibt, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern gezielt interessante und wertvolle Videos gelikt und problematische Inhalte blockiert hat. So lernt die App, welche Inhalte häufiger ausgespielt werden sollen. Das schützt nicht vollständig und muss immer wieder wiederholt werden – kann aber ein Weg sein, die Logik der Plattformen für sich zu nutzen. Und eben aus dem Wissen ins Handeln zu kommen.

Und dann geht es um das gemeinsame Einordnen.

Kinder und Jugendliche müssen verstehen, wie Social Media funktioniert: dass diese Apps so gebaut sind, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit binden. Denn so verdienen die Plattformen ihr Geld. Wir Menschen haben das Bedürfnis, Dinge zu Ende zu bringen, und der endlose Feed verleitet dazu, immer weiter zu scrollen – bis aus zehn Minuten plötzlich eine Stunde geworden ist. Dass Algorithmen gezielt Inhalte ausspielen, die starke Gefühle auslösen, weil genau darauf besonders reagiert wird. Wer traurig ist, bekommt oft noch mehr traurige Videos angezeigt. Wer eine App öffnet, sollte wissen: Hier wird mit Aufmerksamkeit und Gefühlen gespielt.

Genauso wichtig ist es, den kritischen Blick auf Informationen zu trainieren. Ist das wirklich wahr? Wer spricht hier – ein Mensch oder eine KI? Ist das vielleicht manipuliert? Welche Quelle steckt dahinter? Diese Fragen sind heute Teil von Medienkompetenz – und damit Teil von Bildung.

Wenn Jugendliche ein eigenes Smartphone haben, gehört auch ein offenes Gespräch über intime Bilder dazu. Über Nudes. Nicht mit Verboten, sondern mit Wissen. Dass Bilder weiterverbreitet werden können und daher auf jeden Fall niemals Bilder mit persönlichen Merkmalen verschickt werden sollen – das kann bei einer ungefragten Weiterverbreitung schützen. Und dass ein Nein immer gilt – und dass Hilfe holen kein Verrat ist.

Das sind viele Schritte, und das ist mehr als das Anlegen eines einfachen Gurtes im Auto. Das weiß auch ich und ich habe Respekt vor dieser großen Aufgabe. Aber die gute Nachricht ist: Wenn wir alle einen Schritt davon gehen, dann können wir gemeinsam diese Aufgabe bewältigen.

Sie müssen nicht perfekt alle Apps beherrschen, es reicht die Haltung: interessiert sein, offen sein, begleiten und vor allen Dingen die Verantwortung fühlen, sich selbst und auch die junge Generation medienkompetent zu machen. Denn wer sich auskennt, wird zur Anlaufstelle, wenn etwas schiefläuft.

Was mir an dieser Stelle wichtig ist: Ich möchte die digitale Welt nicht verteufeln. Sie eröffnet enorme Möglichkeiten. Auch ich profitiere beruflich und privat davon. Sie kann inspirieren, verbinden, bilden. Genau deshalb lohnt es sich, Kinder und Jugendliche dabei zu begleiten – versprochen, es kann auch Spaß machen.

Lassen sie uns gemeinsam die Risikobewusstseinslücke schließen und vom Wissen ins Handeln kommen! Die digitale Welt und ihre Gefahren gehören zu den drängendsten Themen unserer Gesellschaft. Und es ist unsere gemeinsame Verantwortung, uns ihr mit all ihren Potenzialen und Risiken zu stellen.

Elisabeth Koblitz formuliert am Ende ihres Buches eine einfache, aber wichtige Regel: “Vernetzt euch.” Wer also die Kapazitäten und Möglichkeiten hat, über digitale Themen und ihre Gefahren zu informieren oder sich selbst weiterzubilden, darf das gern als Impuls verstehen, genau dieses Thema 2026 aufzugreifen – im Unternehmen, auf dem Elternabend oder auch bei der nächsten politischen Diskussion.

Schauen sie gern auch mal hier in der Mediathek Kehl rein: Dort gibt es z.B. KI-Schulungen und immer wieder Angebote, Jung und Alt für die digitale Welt fit zu machen. Auch freue ich mich zu hören, dass die Kolleginnen von der Schulsozialarbeit an Grundschulen bereits ein Präventionsprojekt anbieten, bei dem es darum geht, dass Kinder sich ihrer Gefühle bewusst werden und diese auch hinsichtlich ihrer Mediennutzung reflektieren. Es gibt schon viel, was wir alle nutzen können.

Gerade aus unternehmerischer Sicht steckt im Thema der Digitalisierung eine riesige Chance: Denn die Gen Alpha und Gen Z sind die neuen Generationen, die sich in den Arbeitsmarkt integrieren und hier Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber suchen, die den neuen Herausforderungen dieser Zeit gewachsen sind.

Mich würde es aber auch schon freuen, wenn Sie das Thema digitale Gefahren einfach einmal beim Abendessen aufgreifen – und dabei bewusst das Handy in der Tasche lassen. Wer sich vielleicht noch an meine Rede im letzten Jahr über Einsamkeit erinnert: Ein Abend ohne Handy tut uns allen gut.

Und damit möchte ich auch heute wieder enden. 2026 muss ein Jahr sein, in dem wir bewusster hinschauen. In dem wir mehr miteinander sprechen. Und in dem wir Kinder nicht allein lassen – weder in der analogen noch in der digitalen Welt. Ich wünsche Ihnen allen ein Jahr mit guten Gesprächen, mit Aufmerksamkeit füreinander und mit dem Mut, Begleitung ernst zu nehmen. Für die kleinen Menschen. Und für uns selbst.

Vielen Dank.