Saatgutbibliothek eröffnet

Bohnen statt Bücher: Saatgutbibliothek startet mit einem Vortrag über Biodiversität

Im SeniorenForum sprach Sonja Kuhlmann zur Eröffnung der Saatgubibliothek über Artenvielfalt und nachhaltiges Gärtnern.

Zwischen Romanen, Sachbüchern und Hörspielen gibt es in der Mediathek bis zum 25. April noch etwas ganz anderes zum Ausleihen: kleine Tütchen mit Saatgut. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist ein bewährtes Konzept, um einen Beitrag zu Nachhaltigkeit und gelebter Biodiversität zu leisten. Mediatheksleiterin Sonja Kuhlmann eröffnete die Saatgutbibliothek am Mittwochabend (4. März) mit einem Vortrag über Sortenvielfalt und nachhaltiges Gärtnern. Dazu hatte das SeniorenForum sie in ihre Räume in der Stadthalle eingeladen.

„Saatgut ausleihen und dann wieder zurückgeben. Das ist ein sehr einfaches, aber wirkungsvolles Prinzip“, erklärt Sonja Kuhlmann, die seit zwei Jahren die Mediathek leitet. Die Idee bringt sie aus ihrer früheren Tätigkeit mit: Bevor sie nach Kehl kam, war sie in der Stadtbibliothek Karlsruhe daran beteiligt, eine Saatgutbibliothek aufzubauen. Und so funktioniert es: Alle Bürgerinnen und Bürger können – auch ohne Mediatheksausweis – sortenreines und samenfestes Saatgut ausleihen. Angeboten werden fünf traditionelle Gemüsearten: Tomaten, Bohnen, Erbsen, Salat und Gartenmelde, eine dem Spinat ähnliche Pflanze. Die Pflanzen werden im eigenen Garten oder auf dem Balkon angebaut, aus der Ernte werden neue Samen gewonnen und wieder in die Mediathek zurückgebracht. So entsteht ein nachhaltiger Kreislauf des Teilens und Vermehrens alter Sorten.
Dass das bitter notwendig ist, erklärt Sonja Kuhlmann in ihrem Vortrag: Die ersten öffentlichen Saatgutbibliotheken entstanden in den USA als Gegenbewegung zu kommerziellem Saatgut, das häufig gentechnisch verändert, patentiert oder sogenanntes Hybrid-Saatgut ist. Dieses liefert im ersten Jahr hohe Erträge, verliert jedoch meist in der nächsten Generation seine Eigenschaften. „Mit Hybridsaatgut kann man in der Regel nicht weiterzüchten“, weiß die Mediatheksleiterin. Dadurch entstünden Abhängigkeiten von großen Konzernen, die einen Großteil des weltweiten Saatgutmarktes kontrollieren.
In der industriellen Landwirtschaft würden Pflanzen vor allem nach wirtschaftlichen Kriterien gezüchtet: möglichst gleich groß und gleichzeitig reifend. Für Maschinen und Transport sei das praktisch, für die Vielfalt jedoch problematisch. „Wenn nur wenige Sorten angebaut werden und eine davon krank wird, kann eine ganze Ernte ausfallen.“ Im Gegensatz dazu haben sich viele traditionelle Sorten über Generationen an regionale Bedingungen angepasst und gelten als besonders robust. „Man kann sich das wie einen Werkzeugkasten vorstellen: Je mehr Werkzeuge eine Pflanze genetisch zur Verfügung hat, desto besser kann sie auf Veränderungen reagieren.“ Außerdem seien alte Sorten häufig aromatischer, geschmacklich vielfältiger und darüber hinaus gesünder, weil sie noch gesundheitsfördernde Bitterstoffe enthalten, die in modernen Züchtungen kaum mehr vorkommen. Und nicht zuletzt sei traditionelles Saatgut auch ein kulturelles Erbe: „Viele Menschen können heute vielleicht sechs oder sieben Apfelsorten aufzählen, dabei gab es in Deutschland einmal schätzungsweise zweieinhalb- bis dreitausend.“

Mit einer Kiste im Eingangsbereich startet die Mediathek in das zweite Jahr ihrer Saatgutbibliothek.

In Deutschland entstanden die ersten Saatgutbibliotheken 2021 in Norddeutschland, inzwischen gibt es sie bundesweit. Nach einer erfolgreichen ersten Ausgabe bietet die Mediathek Kehl bereits zum zweiten Mal eine Kiste mit Saatgut an: Rund 40 alte Sorten aus fünf Gemüsearten stehen zur Verfügung, darunter seltene Tomatensorten mit Namen wie Himbeerrose oder Orange Dattel, die Bohnensorte Spatzeneier oder den Blattsalat Goldforelle. Unterstützt wird die Saatgutbibliothek vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. (VEN), der die Sorten für Bibliotheken zusammenstellt und für einen Unkostenbeitrag zur Verfügung stellt.
Die Nutzung der Saatgutbibliothek ist bewusst niedrigschwellig gehalten: Ein Mediatheksausweis ist nicht erforderlich, pro Haushalt kann von jeder Gemüseart ein Tütchen ausgeliehen werden. Informationen zur Sorte, mehrere leere Umschläge für die Rückgabe der geernteten Samen und ein Feedbackbogen werden mitgeliefert. „Wir hoffen, dass möglichst viele Menschen mitmachen und vielleicht sogar zu Sortenrettern werden.“
Neben dem praktischen Nutzen ist die Saatgutbibliothek auch immer ein Ort des Austauschs: Besucherinnen und Besucher kommen miteinander ins Gespräch, teilen Anbautipps und Erfahrungen. Für Sonja Kuhlmann ist die Mediathek deshalb ein idealer Ort dafür: „Mediatheken sind öffentliche, frei zugängliche und sichere Räume, in denen Wissen geteilt wird. Und genau das passiert bei uns nun auch mit Saatgut.“
Zum Abschluss der Aktion ist am 25. April in Zusammenarbeit mit der AG Blühendes Kehl eine Gartenbörse im Garten hinter der Mediathek geplant. Auch dort können sich Interessierte austauschen, Pflanzen und Erfahrungen teilen – ganz im Sinne der Idee hinter der Saatgutbibliothek.

Freude über die Spende: Wolfgang Huber, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hanauerland, übergibt den Scheck an Mediatheksleiterin Sonja Kuhlmann (links) und ihre Stellvertreterin Sarah Dinger.

Spende für neue Medien

Engagement wird belohnt: Grund zur Freude gab es für die Mediathek am Donnerstag (5. März), als Wolfgang Huber, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hanauerland, Mediatheksleiterin Sonja Kuhlmann eine Spende der Stiftung der Sparkassen Hanauerland in Höhe von 1000 Euro übergab. Die Zusage hatte Wolfgang Huber bereits im vergangenen Oktober bei der Verleihung des Förderpreises „Bibliothek des Jahres Baden-Württemberg 2025“ gemacht. Ausgezeichnet wurde die Mediathek damals für ihre Einstiegsschulung zur Künstlichen Intelligenz. Mit der Spende würdigte die Sparkassen-Stiftung, die Projekte aus den Bereichen Soziales, Bildung, Kultur und Umweltschutz in der Region fördert, „die hohe Qualität, Kreativität und Bürgernähe“ der Mediathek Kehl als Ort des Wissens, der Begegnung und der kulturellen Teilhabe. „Bildung ist wichtiger denn je, deshalb freue ich mich, Ihnen mit der Spende die Anschaffung neuer Bücher und Medien zu ermöglichen“, unterstrich Wolfgang Huber. Auch Oberbürgermeister Wolfram Britz würdigte das Engagement der Mediatheksleiterin, die in ihren zwei Jahren in Kehl bereits sehr viel bewirkt habe.