Präventionsangebot für Kehler Erstklässler

Stark sein und „Nein“ sagen lernen: Präventionsangebot für Kehler Erstklässler

Mit Mut zum Nein: Die Erstklässler der Grundschule Sundheim unterstützen Irmi dabei, auf ihr Bauchgefühl zu hören.

„Nein, ich will das nicht.“ Ein kurzer Satz, der für viele Kinder gar nicht so leicht auszusprechen ist. Genau darum geht es in dem präventiven Angebot „Irmi und das Nein“. Mit dem liebevoll inszenierten Puppentheaterstück vermittelte die Pädagogin und Schauspielerin Christine Theberath von der Gruppe „Voll das Theater“ aus Kuppenheim am Montag (16. März) den Erstklässlern der Grundschule Sundheim und der Josef-Guggenmos-Schule wichtige Botschaften. Allen voran: Mein Körper gehört mir. Und ich darf „Nein“ sagen.

Im Mittelpunkt des Stücks steht die siebenjährige Irmi. Mit einer lebensgroßen Puppe und wenigen Requisiten erzählt Christine Theberath eine Geschichte, die den Kindern vertraut vorkommt: Irmi spielt gern auf dem Spielplatz neben ihrem Zuhause. Ihre Mutter kann sie vom Fenster aus sehen, deshalb darf sie schon alleine dort spielen. Doch an diesem Nachmittag gerät Irmi in mehrere Situationen, die ihr ein mulmiges Gefühl bereiten: Eine Frau aus der Nachbarschaft drückt ihr ungefragt einen dicken Kuss auf die Wange. Der achtjährige Kai nimmt sich einfach Irmis Roller und lässt ihn nach ein paar Runden achtlos liegen. Die ältere Sabrina überredet Irmi sogar dazu, einer Freundin ein Käppi wegzunehmen, obwohl Irmi dabei ein richtig schlechtes Gefühl hat. Schließlich lädt der Nachbar Herr Jakophskie das Mädchen zu sich nach Hause ein. Dort sollen süße Katzenbabys warten – doch niemand dürfe davon erfahren. Irmi entscheidet sich nach einigem Zögern, ihm zu folgen.
An dieser Stelle wird das Stück unterbrochen: Markus Lautenschläger, Jugendsachbearbeiter der Kehler Polizei, greift in die Handlung ein: „Stopp, Irmi. Das ist nicht richtig.“ Gemeinsam mit den Kindern bespricht er die Situationen aus der Geschichte. „Es gibt ein gutes und ein schlechtes Bauchgefühl“, erklärt der Polizeibeamte. Und dieses Bauchgefühl müssten die Kinder unbedingt ernst nehmen. Die so erarbeiteten Botschaften sind klar und kindgerecht: „Niemand darf euren Körper anfassen, wenn Ihr das nicht wollt.“ Wenn sich etwas falsch anfühlt, solle man immer „Nein“ sagen, und wenn es brenzlig wird, Hilfe holen, bei Eltern, Lehrern, Schulsozialarbeitern oder der Polizei. Auch wichtig: Fremde sind Menschen, die noch nie zu Hause zu Besuch waren, auch wenn sie einen regelmäßig grüßen. Und wenn sich das „schlechte Bauchgefühl“ in der Familie einstellen sollte, gibt es auch außerhalb des eigenen Zuhauses Menschen, denen sich die Kinder anvertrauen könnten.
Nach diesen wichtigen Botschaften bekommt Puppe Irmi von Markus Lautenschläger eine kleine Stofffigur auf den Schoß gelegt, das „Nein“. Sie solle Irmi Mut machen und an ihr Bauchgefühl erinnern. Schauspielerin Christine Theberath dreht nun die Zeit im Stück zurück, „im echten Leben geht das allerdings nicht“. Die Szenen werden erneut gespielt, und diesmal ermutigen die Kinder Irmi lautstark, ihre Grenzen zu setzen. Schritt für Schritt findet Irmi den Mut zum „Nein“ und merkt, wie stark sie dadurch wird. Am Ende dürfen die Kinder selbst ein kleines Ritual ausprobieren: Sie formen ihre Hände zu einer Schale, sprechen ein „Nein“ hinein und schlucken es anschließend symbolisch. So, erklärt Christine Theberath, haben sie ihr „Nein“ immer bei sich: „In eurem Bauch, wo das beste Bauchgefühl der ganzen Welt sitzt.“

Ungewollt geküsst: Schauspielerin Christine Theberath zeigt den Kindern, wie sie in unangenehmen Situationen selbstbewusst ihre Grenzen setzen können.

Seit zwölf Jahren ist Christine Theberath von „Voll das Theater“ mit Präventionsstücken an Schulen unterwegs. Mit „Irmi und das Nein“ gastiert die Schauspielerin mit Clownausbildung und pädagogische Fachkraft bereits im zweiten Jahr an allen Kehler Grundschulen. Lisa Haupt, Jugendsozialarbeiterin an der Grundschule Sundheim, erklärt: „Das Theaterstück ist ein wichtiger Einstieg, um mit den Kindern über Gefühle, Grenzen und Selbstbestimmung zu sprechen.“ Das Stück sei eingebettet in das städtische Präventionsprojekt „Checkst Du?!“, das 2024 von den acht Jugendsozialarbeiterinnen der Kehler Grundschulen ins Leben gerufen wurde. Es verfolgt das Ziel, Kinder frühzeitig für Themen wie Respekt, Konfliktlösung und Selbstschutz zu sensibilisieren. Neben dem Theaterstück in den ersten Klassen lernen etwa die Zweitklässler mit Gewaltpräventionslehrer Lukas Dittus, wie wichtig ein respektvoller Umgang miteinander ist. In den dritten Klassen geht es um Mobbing- und Gewaltprävention, während Viertklässler sich mit Medienkompetenz beschäftigen. Zusätzlich sollen Workshops mit dem städtischen Inklusionsbeauftragten Nicolas Uhl für den Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigungen sensibilisieren. In einem Hindernisparcours können die Kinder selbst erfahren, wie körperliche Einschränkungen sich anfühlen.
Die Idee für das einheitliche Präventionsprogramm entstand beim gemeinsamen Erfahrungsaustausch. „Bestimmte Themen ziehen sich durch alle Grundschulen“, bemerkte Simone Baaß, Jugendsozialarbeiterin an der Josef-Guggenmos-Grundschule, zu Beginn des Programms. Besonders häufig gehe es um Gefühle und Konflikte im Alltag der Kinder. Viele Angebote werden von externen Fachkräften durchgeführt, andere organisieren die Schulsozialarbeiterinnen selbst, um die rund 1400 Kehler Grundschülerinnen und Grundschüler zu erreichen. Das gemeinsame Ziel: Kinder früh zu stärken, damit sie einen respektvollen, gewaltfreien Umgang miteinander lernen, ihre eigenen Gefühle ernst nehmen und im richtigen Moment mutig „Nein“ sagen können.
Zukünftig geht es darum, das Projekt kontinuierlich weiterzuentwickeln und langfristig an den Kehler Schulen zu verankern. "Dafür sind wir auf Spenden angewiesen", erklärt Lisa Haupt. In diesem Jahr wurde das Projekt von der Carl-Friedrich-Geiger-Stiftung, dem Fruchthandel Riel und der Rheinstiftung unterstützt. Auch für neue Veranstaltungsideen ist die Projektgruppe immer offen. Ansprechpartnerin ist Diana Clemens, Jugendsozialarbeiterin an der Grundschule Kork: D.Clemens@stadt-kehl.de