Inklusionsworkshop

Blind durch den Parcours: Kinder erfahren, wie sich Barrieren anfühlen

Einkaufen aus dem Rollstuhl heraus: An einer der sechs Stationen erfahren die Kinder, wie schnell alltägliche Aufgaben zur Herausforderung werden können.

Blind den Weg finden, mit dem Rollstuhl ein Hindernis passieren oder einarmig den Einkauf einpacken: Auf dem Schulhof der Grundschule Sundheim balancierten, rollten und ertasteten sich die Kinder der Klasse 4a durch einen Parcours der besonderen Art. Begleitet wurden sie dabei vom städtischen Inklusionsbeauftragten Nicolas Uhl. Was zunächst wie ein Spiel wirkte, hat ein ernstes Ziel: ein besseres Verständnis für die Herausforderungen von Menschen mit Behinderungen zu schaffen.

Der Workshop wird von Nicolas Uhl an allen Kehler Grundschulen mit den vierten Klassen durchgeführt. Unterstützt wird er dabei von den jeweiligen Schulsozialarbeiterinnen vor Ort. Schon am Vortag erhielten die Kinder einen Einstieg in das Thema: Gemeinsam schauten sie das Musikvideo „Eine Welt“ des Inklusionsbeauftragten. Er ist selbst seit Geburt körperlich beeinträchtigt, sitzt im Rollstuhl und tritt als Rapper unter dem Namen „Drive-By“ auf. Im Video sind Menschen mit Behinderungen ebenso zu sehen wie ältere und jüngere Menschen. Der Song beschäftigt sich mit Inklusion und gesellschaftlicher Teilhabe. „Das holt die Kinder anders ab“, erklärt Nicolas Uhl. Hip-Hop fänden viele von ihnen cool, das könne ein Türöffner sein.
 
„Was bedeutet eigentlich Inklusion?“, fragt er in die Runde. Einige Kinder kennen den Begriff und heben die Hand, andere hören ihn zum ersten Mal. Weil weder das alte Schulgebäude der alten Wilhelmschule noch die Sporthalle barrierefrei sind, findet der Workshop auf dem Schulhof der ehemaligen Wilhelmschule statt. Dort absolvieren die Mädchen und Jungen in Gruppen einen Parcours mit sechs Stationen. Die Besonderheit: Jede Station müssen sie mehrfach durchlaufen – jedes Mal mit einer anderen Einschränkung. Die Aufgaben scheinen zunächst einfach: einen Slalom um Hütchen laufen, durch eine Engstelle navigieren, Gegenstände in eine Tasche packen und transportieren, über eine Matte am Boden steigen oder ein Bild malen. Doch je nach Einschränkung verändern sich die Herausforderungen deutlich. Die Kinder absolvieren die Stationen mit Rollstuhl, Rollator, Krücken, Armtragetuch, Gehörschutz sowie Augenbinde und Blindenstock. Zur Verfügung gestellt wurden die Blindenstöcke vom Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden. Manche Aufgaben sind leicht zu bewältigen, andere wiederum ohne Hilfe kaum machbar. Das merken auch die Kinder schnell. Mit dem Arm im Tragetuch im Slalom durch Hütchen laufen? Kein Problem. Den Einkauf einpacken und transportieren oder mit der linken Hand ein Bild malen – und das als Rechtshänderin oder Rechtshänder? Das ist deutlich anspruchsvoller.

Mit dem Rollstuhl über Hindernisse: Beim Inklusionsworkshop von Nicolas Uhl (rechts) erfahren die Kinder, wie sich Barrieren anfühlen.

Gleichberechtigung und Gerechtigkeit

Besonders schwierig finden viele der Jungen und Mädchen den Parcours mit Augenbinde und Blindenstock. „Blind war am schwersten“, lautet das Fazit vieler Schülerinnen und Schüler. Jede Einschränkung bringe jedoch ihre eigenen Herausforderungen mit sich. Im anschließenden Gespräch greift Nicolas Uhl diese Erkenntnis auf. Anhand eines Bildes erklärt er den Mädchen und Jungen den Unterschied zwischen Gleichberechtigung und Gerechtigkeit. Während Gleichberechtigung bedeute, dass alle Menschen die gleiche Hilfe erhalten, gehe Gerechtigkeit einen Schritt weiter: Menschen bekämen hier die Unterstützung, die sie individuell benötigen, damit alle die gleichen Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe erhalten. Auch das richtige Verhalten, wenn es scheint, dass ein Mensch mit Behinderung Hilfe benötigt, wird in der Gesprächsrunde thematisiert. „Nicht einfach helfen, sondern zuerst fragen. Kommunikation ist das Wichtigste“, erklärt Nicolas Uhl. Gerade blinde Menschen oder Menschen im Rollstuhl könnten sich erschrecken, wenn jemand ungefragt eingreife – etwa indem der Rollstuhl plötzlich angehoben werde oder blinde Menschen ungefragt am Arm geführt würden.
 
Anschließend demonstriert Nicolas Uhl den Kindern seinen am Rollstuhl befestigten elektrischen Greifarm. Mit ihm kann der Inklusionsbeauftragte Gegenstände anheben oder selbstständig aus einer Flasche trinken. Bei Auftritten nutzt er ihn sogar, um das Mikrofon zu halten. Zum Schluss sorgt eine Frage für Überraschung: Wie er überhaupt zur Grundschule Sundheim gekommen sei. Viele Kinder vermuten, dass er gefahren wurde. Tatsächlich fährt Nicolas Uhl selbst – mit einem umgebauten Volkswagen, den er per Joystick steuert und in den er mit dem Rollstuhl von hinten hineinfahren kann.
 
Die Kinder haben außerdem die Möglichkeit, Nicolas Uhl Fragen zu stellen. Alles sei erlaubt, ermuntert er die Mädchen und Jungen. „Wo wohnst du? Ist es dort barrierefrei?“, und: „Wie schnell fährt dein Rollstuhl?“, waren einige der Dinge, die die Schülerinnen und Schüler beschäftigen. Lisa Haupt, Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Sundheim, hält diesen Austausch für einen der wichtigsten Bestandteile des Workshops. „Nicht oft bekommt man schließlich die Gelegenheit, einem Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen solche Fragen zu stellen, ohne Angst vor unangenehmen Momenten zu haben“, sagt sie im Anschluss.
 
Mit der Aktion an den Kehler Grundschulen möchte Nicolas Uhl Berührungsängste abbauen und Kinder früh für das Thema sensibilisieren. Dabei gehe es auch darum, den Blick auf Behinderungen zu verändern. Menschen seien letztendlich nicht behindert, sondern würden häufig durch eine nicht barrierefreie Umwelt behindert. „Mein Ziel ist die unterschiedlichen alltäglichen Herausforderungen sichtbar zu machen und ihnen zu vermitteln, dass diese Menschen selbstverständlich zur Gesellschaft gehören und nicht alle die gleiche Unterstützung benötigen.“