Bundesverdienstkreuz
Bundesverdienstkreuz für Erich Jais: "Wenn Sie mir gratulieren, gratulieren Sie mindestens 500 Leuten"
Erich Jais ist mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden: Mit stehenden Ovationen applaudierten die 75 Gäste im Saal des Dr. Friedrich-Geroldt-Hauses am Samstagnachmittag (20. Juni), nachdem Oberbürgermeister Wolfram Britz dem ehemaligen Rektor der Falkenhausenschule die von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehene Auszeichnung angeheftet hatte. „Ich wurde heute in einer Weise geehrt, die in meinem Leben gar nicht geplant war“, reagierte der Gründer der Kehler Flüchtlingshilfe und Initiator des christlich-muslimischen Arbeitskreises. OB Wolfram Britz hatte ihn in seiner Laudatio als einen Menschen beschrieben, dem es gelingt, „einen Schritt zurückzutreten und mit den Augen der anderen zu sehen“.
Das Anderssein des Nächsten schrecke ihn nicht ab, sondern mache ihn im Gegenteil neugierig, beschrieb Wolfram Britz Erich Jais: „Begegnung ist für Sie eine Bereicherung, die Sie auch anderen Menschen wünschen – weshalb Sie diese ermutigen, selbst solche Begegnungen zu suchen.“ Erich Jais bevorzuge das persönliche Gespräch, weil Empathie eben hauptsächlich über Augenkontakt entstehe. Er höre in wertschätzender Offenheit zu – und nicht, weil er nur darauf warte, seine eigenen Botschaften anbringen zu können. Erich Jais schaffe es, „zu sagen, was ist, aber dabei nicht den ganzen Menschen abzuwerten“.
Diese mit Herzensgüte gepaarte herausragende Kommunikationskompetenz verleihe ihm große integrative Fähigkeiten: „Sie leben uns vor, wie Kommunikation in einer Welt gelingen kann, in der es ein Geschäftsmodell ist, Aufregung zu erzeugen, zu überhitzen und Wut zu verstärken.“
Erich Jais schlage Brücken zwischen den Generationen, es gelinge ihm gemeinsam mit dem Team der Flüchtlingshilfe, auch junge Menschen einzubinden. Im christlich-muslimischen Arbeitskreis, den Erich Jais initiierte, weil er der Ansicht war, dass beide Seiten viel zu wenig übereinander wussten, bauen Christen und Muslime gegenseitiges Vertrauen auf und können als Multiplikatoren von ihren Erfahrungen berichten. Mit seinem jahrzehntelangen Engagement im VdK oder als Initiator der ersten Selbsthilfegruppe für an Kinderlähmung erkrankte Menschen habe er ebenfalls wichtige Brücken gebaut: zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen.
Trotz seiner eigenen Beeinträchtigung zeige Erich Jais bis zum heutigen Tag eine starke Präsenz: „Klagen ist Ihnen so fremd wie Aufhebens um Ihre Person zu machen.“ Er habe sich nie in den Vordergrund, aber immer in den Dienst seiner Mitmenschen gestellt und sich für den Frieden in Kehl eingesetzt. Sein Antrieb sei vor allem die Nächstenliebe, getreu dem Grundsatz: „Jeder Mensch ist wertvoll, weil er ist“, sagte Oberbürgermeister Wolfram Britz.
„Ich konnte es jetzt nicht verhindern“, erklärte Erich Jais zu Beginn der sehr persönlichen Feier im Geroldt-Haus fast entschuldigend, und meinte damit die Bundesverdienstkreuzverleihung. Nach dem langanhaltenden Beifall von Freunden, Weggefährten und zahlreichen Menschen, denen er zur Seite gestanden hatte, räumte er sichtlich gerührt ein: „Jetzt hat es mich doch emotional erwischt.“ Er wisse nicht, wer ihn für diese hohe Auszeichnung vorgeschlagen habe – „ich habe unbekannte Verehrerinnen und Verehrer“, mutmaßte er und hätte allein unter den Gästen zehn Leute benennen können, „die eher geehrt werden sollten als ich“. Weil er alles, was er erreicht habe und wofür er geehrt wurde, nur mit „vielen, vielen anderen“ habe er es schaffen können, stellte er seine Dankesrede unter den Titel „Was wär ich ohne…“.
Ohne seine Frau Christel Jais, die das Bundesverdienstkreuz eigentlich hätte auch bekommen sollen, wie Wolfram Britz sagte, als er ihr einen Blumenstrauß überreichte. Ohne die Unterstützung des Lehrerkollegiums der Falkenhausenschule hätte er die bilingualen Klassen nicht – zunächst gegen den Willen des Kultusministeriums – einführen können. Erich Jais rezitierte das Gedicht vom vollen Sack von Wilhelm Busch, der ohne das Getreide in seinem Innern nur ein leerer Schlauch wäre. Der VdK habe 640 Mitglieder – „wie sollte ich einen so großen Verein ohne die Vorstandsmitglieder leiten?“ Das Gleiche gelte für die Flüchtlingshilfe oder die 2016 von ihm auf den Weg gebrachte Fahrradwerkstatt. Er dankte den Kehler Stiftungen für ihre Unterstützung, dem Arbeitskreis 27. Januar, der gemeinsam mit der Stadt die Verlegung der Stolpersteine begleite sowie der Gemeinschaft der Geflüchteten aus der Ukraine, die „mit einem bemerkenswerten Kulturangebot Begegnungsmöglichkeiten schafft“.
In Kehl gebe es viel Mitmenschlichkeit im Verborgenen und viel bürgerschaftliches Engagement. Die Stiftungen verwandelten Geld in Humankapital, um Kinder, Jugendliche und alte Menschen zu unterstützen. Was wäre in der Corona-Pandemie mit viele Monate geschlossenen Schulen gewesen, wenn die Geiger-Stiftung nicht 150 Tablets für Kinder gespendet hätte, deren Eltern sich solche Geräte nicht leisten konnten? nannte er ein Beispiel. „Viele Aktionen haben Geld gekostet, was wäre ohne die Stiftungen gewesen?“
Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gelte daher auch allen Akteuren und Einzelpersonen, die sich mit ihm eingebracht haben: „Wenn Sie mir gratulieren, gratulieren Sie mindestens 500 Leuten.“
Anekdoten und Geschichten
In der sehr persönlich gehaltenen Ehrungsfeier für Erich Jais gab es auch Raum für Anekdoten, Geschichten und Danksagungen. Es begann gleich bei der Eröffnung, als Suzanne Da Costa-Kunz einige Worte zu den „das Leben versüßenden“ Musikstücken von Schostakowitsch sagte und ergänzte: „Danke Erich, für alles, was du gemacht hast.“
Erich Jais und die Ehrungen
Als der Brief mit der Ankündigung der Bundesverdienstkreuzverleihung bei Erich Jais einging, rief er zunächst im Bundespräsidialamt an und sagte: „Es muss sich um eine Verwechslung handeln; ich habe doch schon die Stauffermedaille bekommen.“ Mit der Stauffermedaille ist Erich Jais 2019 ausgezeichnet worden. Nach der Laudatio, die der damalige Oberbürgermeister Toni Vetrano gehalten hatte, sagte er: „Möge der liebe Gott Ihnen verzeihen, dass Sie so schön über mich geredet haben – und mir, dass es mir gefallen hat.“ 2023 hat die Stadt Kehl Erich Jais mit der Bürgermedaille in Gold geehrt.
Am Ende der Zeremonie und angesichts der Feier am Samstag im Geroldt-Haus räumte er am Ende glücklich ein: „Jetzt war es doch schön.“
Mitstreiter in der Flüchtlingshilfe Rolf Berger
„Erich, wenn ich an dich denke, denke ich daran, dass du ein feiner Mensch bist.“
Der Musiker Reza Salavati
Reza Salavati spielte für Erich Jais auf dem traditionellen persischen Saiteninstrument Santur, das wohl seit 669 vor Christus gespielt wird.
Er war aus dem Iran geflohen, nachdem er gegen die Verhaftung und Folterung von Jina Mahsa Amini demonstriert hatte und ihm und seiner Familie massiv gedroht wurde. Erich Jais hat Reza Salavati im von diesem initiierten Café International kennen gelernt.
Margarita Koshyl
Emotional aufgewühlt dankte Margarita Koshyl Erich Jais: „Ich habe es dir zu verdanken, dass ich hier bin. Ich bin mit einem der Autos gekommen, die du geschickt hast“, sagte die junge Frau aus Charkiw, die sich in der Flüchtlingshilfe und der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft engagiert. „Hab‘ Dank für deine Zeit und deine Freundlichkeit.“




