Grüne Lernorte

Grüne Lernorte und offene Kita-Arbeit: Deutsch-französischer Austausch

(von links) Michaela Könner (ehemalige städtische Fachkoordinatorin für Kinder), Jérémie Leymarie (stellvertretender Straßburger Fachbereichsleiter Frühe Kindheit), Delphine Bernard (Straßburger Stadträtin, zuständig für frühkindliche Entwicklung und Elternschaft), Céline Geissmann (Straßburger Stadträtin, Bildung und schulischer Erfolg) und Jean-Charles Guimard (Straßburger Leiter des Projekts Cours Oasis zur ökologischen Schulhofumgestaltung) auf einer für die Naturpädagogik genutzten Wiese in den Rheinauen.

Austausch über den Rhein hinweg: Bei einem Besuch in Kehl informierten sich die beiden Straßburger Stadträtinnen Delphine Bernard (zuständig für frühkindliche Entwicklung und Elternschaft) und Céline Geissmann (Bildung und schulischer Erfolg) gemeinsam mit zwei Mitarbeitenden der Eurometropole über grüne Lernorte und die Praxis der Offenen Kita-Arbeit beim deutschen Nachbarn. Begleitet wurden sie von Oberbürgermeister Wolfram Britz, Natascha Kaiser, Fachbereichsleiterin Bildung, Soziales und Kultur, und der ehemaligen städtischen Fachkoordinatorin für Kinder, Michaela Könner. Was in deutschen Kitas längst Alltag ist – enger Naturkontakt und ein hohes Maß an kindlicher Selbstbestimmung – stellt für französische Kinderkrippen und Écoles maternelles einen Anstoß für mögliche Weiterentwicklungen dar.

Die Idee zu diesem Besuch entstand im Anschluss an ein deutsch-französisches Treffen von Umwelt- und Kommunalvertreterinnen und -vertretern vor etwas mehr als einem halben Jahr, bei dem es um Schulhofbegrünung ging. Dieses Mal standen die Natur-Kita Sundheim und die sogenannte Streckerwiese in den Rheinauen im Mittelpunkt, ein nach dem ehemaligen Stadtförster Strecker benanntes, für drei Jahre gepachtetes Gelände, das sich drei Kehler Kitas teilen. Das Areal ist einfach gehalten: eine Umzäunung, eine Hütte, eine Feuerstelle. Die städtischen Kitas arbeiten nach dem Prinzip der Offenen Arbeit, die Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit der Kinder fördert. Das bedeutet auch: Die Kinder entscheiden selbst, ob sie den nächsten Tag gemeinsam mit anderen auf der Wiese verbringen möchten oder nicht. Als Picknick wird ein Mittagessen mitgebracht, Trinkwasser wird im Bollerwagen zur Wiese transportiert. Nur bei Sturm und Gewitter bleibt die Wiese ungenutzt. Schlechtes Wetter ist kein Hindernis, sondern eine Gelegenheit, sich mit der richtigen Ausrüstung den Elementen zu stellen.
Im Gespräch wurden die kulturellen und strukturellen Unterschiede zwischen deutschen und französischen Kindertageseinrichtungen deutlich. Während in Kehl eine Erzieherin oder ein Erzieher auf sechs Kinder kommt, werden in Straßburg acht bis zehn Kinder von einer Person betreut. Doch nicht nur der Betreuungsschlüssel unterscheidet sich. Auf den Kehler Naturplätzen wird mit den Kindern auch mal gesägt, gehämmert und gebaut: „Dabei sollen sich die Kinder ausprobieren, Herausforderungen annehmen und werden auch im Scheitern begleitet“, betonte Michaela Könner. In dieser Pädagogik sei es auch wichtig, Konflikte nicht durch Befehle, sondern durch Diskussionen zu lösen: „Wir geben keine Anweisungen, sondern sprechen mit den Kindern über die gemeinsamen Regeln. So entsteht ein Umfeld, in dem die Kinder die Regeln verstehen, befolgen und an andere weitertragen.“
Die französischen Gäste zeigten sich beeindruckt – und gleichzeitig etwas skeptisch. Ein solches Areal wäre in Straßburg schwer vorstellbar, weil nicht nur rechtliche und versicherungstechnische Hürden im Weg stünden, sondern auch die Projektion elterlicher Ängste. „Die Eltern übertragen ihre eigenen Ängste auf die Kinder. Das macht es schwer, solche Naturerfahrungen umzusetzen“, weiß Delphine Bernard. Am Ende des Austauschs blieb eine kritische Frage im Raum: Werden Kinder, die unter solchen „paradiesischen“ Bedingungen betreut werden, nicht depressiv, wenn sie in die Schule kommen? Laut Michaela Könner steht fest: „Kinder gehen gestärkt und resilient aus solchen Kindergartenjahren hervor.“