Kinderstadt in Goldscheuer

Kinderstadt: Acht- bis Zwölfjährige üben Demokratie und Soziales Miteinander

Nach fünf Jahren Pause ist es in den Pfingstferien wieder soweit: Für fünf Tage entsteht von Dienstag, 26. Mai, bis Samstag, 30. Mai, zum vierten Mal rings um den Jugendtreff Badhiesel in Goldscheuer eine Kinderstadt. Die Kinderstadt hat eine Einwohnerzahl von höchstens 70 Mädchen und Jungen. 

Die Bürgerinnen und Bürger der Kinderstadt müssen sich bisweilen auch mit unvorhergesehenen Ereignissen wie etwa dem Diebstahl der Stadtkasse auseinandersetzen. (Archivfoto Kinderstadt 2019)

Wenn sich die Mädchen und Jungen am Dienstag, 26. Mai, am Badhiesel einfinden, steht zunächst die Stadtgründung auf dem Programm. In der Vergangenheit trugen die Kinderstädte Namen wie „Nala-Land“, „Hogwarts“ oder „Brot-City“. Auch die Bürgermeisterin oder den Bürgermeister werden von den Kindern aus den eigenen Reihen gewählt. Und die Entscheidungsfreiheit reicht noch weiter: Welche Institutionen und Einrichtungen benötigt eine Stadtgesellschaft, um zu funktionieren? Welche Regeln gelten in der Stadt? Und auch: Mit welcher Währung wird eigentlich bezahlt? „In der Kinderstadt entscheiden die Kinder alles“, betont Melanie Krauß, Projektkoordinatorin für die städtische Jugendarbeit. Begleitet und angeleitet werden sie dabei von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Offenen Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit, der Gemeinwesenarbeit Innenstadt, der Ganztagsbetreuung an Schulen sowie von Bufdis (Bundesfreiwilligendienstleistende) und FSJlern (Freiwilliges Soziales Jahr) aus den Jugendeinrichtungen in Kehl. So sind Institutionen und Einrichtungen wie beispielsweise das Rathaus, die Polizei, die Bank, der Bauhof und die Presse von Beginn an gesetzt. Die Kinder können selbst entscheiden, wo sie arbeiten möchten und wie lange. Grundsätzlich kann der Arbeitsplatz beliebig oft gewechselt werden. „Wir beobachten aber, dass sich manche Kinder nach einigen Tagen so stark mit ihrer Rolle in der Stadt identifizieren, dass sie den Job nicht mehr wechseln wollen“, berichtet Melanie Krauß aus vergangenen Kinderstädten. Ab dem zweiten Tag können sich die Kinder mit einer eigenen Geschäftsidee sogar selbstständig machen – vorausgesetzt, das Kinder-Arbeitsamt genehmigt das. 2019 bekam „Brot-City“ dadurch einen Juwelierladen. Dem Team um Melanie Krauß und Binja Frick, Leiterin für den städtischen Bereich Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, verlangt die Kinderstadt ein hohes Maß an Flexibilität ab. „Jeden Abend besorgen wir, was die Kinder am nächsten Tag brauchen“, berichtet Melanie Krauß. Beispielsweise Perlen für einen Juwelierladen. Allerdings lässt sich nicht jeder Wunsch erfüllen, wie etwa der Wunsch nach einem kinderstadteigenen Freibad. „Wir können uns nur bis zu einem gewissen Punkt auf die Wünsche der Kinder vorbereiten“, berichtet Melanie Krauß. „Jedes Planspiel hat seine ganz eigene Dynamik.“

Die Polizei sorgt in der Kinderstadt für Sicherheit und Ordnung, die Presse für Information und Öffentlichkeit. Dadurch lernen die Kinder spielerisch wie eine Stadtgesellschaft funktioniert und was sie zusammenhält. (Archivfoto Kinderstadt 2019)

Demokratieverständnis und Selbstbewusstsein stärken

Dass die Kinderstadt nach fünfjähriger Unterbrechung wieder angeboten wird, begründet Melanie Krauß mit deren „besonderem Konzept“, das sie als „hochpädagogisches Ferienprogramm“ umschreibt. Für fünf Tage bilden die Acht- bis Zwölfjährigen eine Art Miniaturgesellschaft, in der sie gemeinsam Probleme diskutieren und Entscheidungen treffen. Dadurch erfahren sie die eigene Selbstwirksamkeit, lernen aber auch, was es heißt, teamfähig zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Zusätzlich wird das Demokratieverständnis der Mädchen und Jungen gefördert. „Für viele Kinder ist dies der allererste Moment echter Beteiligung, in dem ihnen die Wirkung ihres Handelns bewusst wird“, sagt Binja Frick. „Das stärkt das Selbstbewusstsein immens“, fügt sie hinzu. „Bereits nach wenigen Tagen lässt sich erkennen, dass die Kinder charakterlich gewachsen sind.“
Konzeptionell orientiert sich die Kinderstadt an den Grundpfeilern der Offenen Jugendarbeit: Offenheit, Freiwilligkeit, Partizipation und Lebensweltorientierung. „Das Mitarbeiten in der Kinderstadt ist freiwillig“, betont Melanie Krauß. Sowohl in „Hogwarts“ als auch in „Nala-Land“ und „Brot-City“ gab es eine kleine Gruppe sogenannter Fußballkinder, die sich an keinem Betrieb beteiligen wollten und stattdessen die fünf Tage mit Kicken verbrachten. „Das ist auch in Ordnung“, sagt Melanie Krauß. Lektionen in Selbstwirksamkeit lernten sie dennoch. Denn: Wenn sie in der Kinderstadt beispielsweise eine Waffel kaufen wollten, brauchten sie dazu Kinderstadt-Geld. „Das haben sie sich dann durch Gelegenheitsjobs verdient“, berichtet die Projektkoordinatorin. Der überwiegende Teil der Kinder begeisterte sich jedoch für seine kleine Stadt.

Die Kinderstadt endet am Samstag, 30. Mai, mit einem Stadtfest, zudem Eltern, Geschwister und Verwandte eingeladen werden dürfen. Für den Freitag zuvor (29. Mai) hat sich bereits Besuch aus dem Rathaus sowie der Ortsverwaltung Goldscheuer angekündigt.

Eindrücke vergangener Kinderstädte (im Video)

Kinderstadt 2019: "Brot-City" stellt sich vor

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Kinderstadt 2018: Willkommen in "Nala-Land"

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Kinderstadt 2017: "Hogwarts" in Goldscheuer

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