Kinderstadt
Wenn Kinder eine Stadt regieren: Staatsbesuch in Sunshine City
Eine eigene Währung, verschiedene Betriebe, eine Tageszeitung und sogar Krisensitzungen im Rathaus: Fünf Tage lang lebten rund 70 Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren in der Kinderstadt „Sunshine City“ in Goldscheuer, übten Berufe aus, stellten Regeln auf und wählten mit der neunjährigen Mina sogar eine eigene Bürgermeisterin als Stadtoberhaupt. Zu einem offiziellen Staatsbesuch waren der Erste Beigeordnete Thomas Wuttke, Goldscheuers Ortsvorsteher Heinz Rith sowie die städtische Kulturvermittlerin Lena Mohr in Sunshine City zu Gast. Vor dem Stadttor wurde die Delegation von Bürgermeisterin Mina und ihrem vierköpfigen Stadtrat empfangen. Nach dem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt und einem kurzen Austausch im Rathaus führte die Regierung die Delegation durch die verschiedenen Betriebe. Dabei erklärten die Kinder ihre Arbeit und überreichten kleine Staatsgeschenke.
Für die Organisation der Kinderstadt zeichnete Melanie Krauß, Projektkoordinatorin Jugend bei der Offenen Jugendarbeit Kehl, verantwortlich. „Wir wollen damit ein etwas anderes Ferienprogramm anbieten“, erklärte sie. „Die Kinder lernen hier, wie Demokratie und gesellschaftliches Zusammenleben funktionieren.“ Schon beim Betreten von Sunshine City wurde deutlich, wie detailreich die Kinderstadt organisiert war. Die jungen Bürgerinnen und Bürger erhielten eigene Ausweise mit Fingerabdruck, freie Stellen wurden über das Arbeitsamt vermittelt und bezahlt wurde mit der eigenen Währung „Sunny Money“. „Zum Start haben alle 50 Sunny Moneys bekommen“, erklärte Bürgermeisterin Mina. Wer weiteres Geld verdienen wollte, musste arbeiten – etwa im Krankenhaus, bei der Polizei, beim Postamt, im Bauhof, bei der Zeitung, im Supermarkt, beim stadteigenen Radiosender, in der Gärtnerei, bei der Touristen-Information, im Kiosk, in der Bank oder im Freizeitpark. Wie hoch der Stundenlohn sein sollte, hatten die Kinder selbst festgelegt. Zehn Sunny Moneys erhielt jedes Kind für eine Stunde Arbeit. Der Lohn konnte direkt bei der Bank abgeholt und zum Beispiel am Kiosk für ein Eis ausgegeben werden.
Immer wieder sah sich die Stadtverwaltung von Sunshine City mit wichtigen Fragestellungen und Problemen konfrontiert. Bereits am ersten Tag stellte das Rathaus fest, dass auch eine Stadt Geld einnehmen muss, um funktionieren zu können. Deshalb wurden Gebühren eingeführt – etwa für die Ausweise der Bürgerinnen und Bürger. Zusätzlich wurden von jedem Lohn drei Sunny Moneys als Steuer einbehalten. Im Laufe der Woche hatte die Bank zeitweise sogar kein Geld mehr, um die Löhne auszuzahlen. Mehrere Krisensitzungen der Stadtregierung waren nötig. Schließlich wurde eine Gewerbesteuer eingeführt: Die Betriebe gaben fortan 25 Prozent der Einnahmen an die Stadtkasse ab. „Dass die Kinder selbst Lösungen entwickeln und Entscheidungen treffen, ist ein wichtiger Teil des Konzepts“, erklärte Melanie Krauß.
Damit das Zusammenleben funktionierte, brauchte Sunshine City aber auch Gesetze und Regeln – und jemanden, der darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Dafür war die Polizei zuständig. Mit dem Kettcar patrouillierten die jungen Polizistinnen und Polizisten durch die Straßen der Kinderstadt und kontrollierten, ob sich alle Bürgerinnen und Bürger an die Regeln hielten. Wer gegen Vorschriften verstieß, musste mit einer Geldstrafe rechnen. Rennen oder zu schnelles Fahren kosteten zum Beispiel fünf Sunny Moneys. Bei schwereren Vergehen drohte sogar ein Aufenthalt von vier Minuten im Gefängnis von Sunshine City. Ein besonders hartnäckiger Wiederholungstäter musste zeitweise sogar im „Hochsicherheitsgefängnis“ untergebracht und von mehreren Polizisten bewacht werden, nachdem er mehrfach ausgebrochen war.
Möglichst Realitätsnah
Auch die übrigen Betriebe orientierten sich eng an der Realität. Verschiedene echte Unternehmen unterstützten die Kinderstadt mit Sachspenden und Ausstattung. Im Krankenhaus wurden medizinische Untersuchungen angeboten – etwa für angehende Polizistinnen und Polizisten. Außerdem war bei den hohen Temperaturen jedes Kind dazu verpflichtet, regelmäßig vorbeizuschauen und sich mit Flüssigkeit zu versorgen. Mit TV Sunshine gab es auch einen eigenen Fernsehsender, auch Thomas Wuttke wurde zum Interview vor die Kamera gebeten. Beim benachbarten Radiosender konnten für wenige Sunny Moneys Musikwünsche eingereicht werden, die dann laut über die Boxen schallten. Beim Bauhof kümmerten sich die Kinder um die Reinigung des Geländes, führten kleinere Reparaturen auf dem Gelände durch und fertigten Schilder für die verschiedenen Unternehmen an. Für ihre Arbeit erwarben sie sogar einen eigenen Laubbläserführerschein. Nicht alle Kinder entschieden sich für klassische Berufe. Zwei Jungen machten sich kurzerhand selbstständig. Statt im Krankenhaus oder im Supermarkt zu arbeiten, falteten sie Origami-Figuren und verkauften diese an die Bewohnerinnen und Bewohner der Kinderstadt. Neben der Arbeit blieb aber auch Zeit für Freizeit und Erholung. Im Freizeitpark konnten die Kinder dem manchmal anstrengenden Arbeitsalltag in Sunshine City entfliehen und eine Pause einlegen. Dort wurde gebastelt und gemalt, es gab Klebetattoos und verschiedene Spielangebote.
Für Bürgerinnen und Bürger, die immer auf dem Laufenden bleiben wollten, gab es mit den „Sunshine News“ sogar eine eigene Tageszeitung. Die Redaktion berichtete täglich über Ereignisse in der Kinderstadt und hielt die Bewohnerinnen und Bewohner über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden. Für Aufsehen sorgte unter anderem ein Piratenüberfall auf die Kinderstadt. Die sogenannten „Bananensegler“ forderten eine große Kiste voller Bananen und drohten damit, die Kontrolle über Sunshine City zu übernehmen. Erst nachdem die Bewohnerinnen und Bewohner genügend Bananen gesammelt hatten und Bürgermeisterin Mina die Lieferung persönlich übergeben hatte, zogen die Piraten wieder ab.
Thomas Wuttke zeigte sich beeindruckt von den gewonnenen Einblicken und den Abläufen in Sunshine City. „Für die spannende Führung und den freundlichen Empfang bedanke ich mich. Es ist schön zu sehen, wie sie gemeinsam ihre Stadt gestalten“, sagte der Erste Beigeordnete in seiner Ansprache an die gesamte Stadtbevölkerung. Bürgermeisterin Mina stimmte ihm zu und erklärte, auf die Arbeitsmoral der Bürgerinnen und Bürger angesprochen: „Jeder macht hier seinen Job mit Leidenschaft.“ Zum Abschluss des Staatsbesuchs spendierte Ortsvorsteher Heinz Rith den Kindern und Betreuenden im Namen der Ortsverwaltung Goldscheuer noch eine Runde Eis.
Bereits einige Tage vor dem offiziellen Staatsbesuch hatte sich auch Oberbürgermeister Wolfram Britz ein Bild von Sunshine City gemacht. Bei seinem Besuch tauschte er sich mit Bürgermeisterin Mina über ihre Aufgaben und ihre bisherigen Erfahrungen im Amt aus.
Bürgermeisterin Mina gibt einen Rundgang durch Sunshine City
Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

