Biodiversität

Wie ein Gewerbegebiet der Biodiversität nutzen kann

Es blüht in bunten Farben, es flattert, hüpft und krabbelt, sobald man die Wiesen mit dem hochstehenden Gras betritt. Wer erst noch Scheu hat, weil jeder Schritt ein Insekt das Leben kosten oder eine Blume knicken könnte, den beruhigt Jochen Bresch von der bhm Planungsgesellschaft: Bleibenden Schaden werden die Mitglieder des Zweckverbands ba.sic nicht anrichten. Was der Landschaftsarchitekt ihnen vorführt, ist intakte Natur mit Tieren und Pflanzen, die andernorts im Land bereits als ausgestorben oder zumindest als bedroht gelten. Zu verdanken ist die Renaissance der Neurieder Streuwiesen dem interkommunalen Gewerbegebiet ba.sic.

Ein besonderes Erlebnis für die Mitglieder der Verbandsversammlung des Zweckverbands ba.sic: Artenreichtum rundum, mitten in der Streuwiese mit Jochen Bresch.

Was paradox klingt, ist dennoch Tatsache: Vor 20 Jahren, bei der Gründung des Gewerbegebiets, „wurde alles richtig gemacht“, sagt Jochen Bresch und die Freude darüber steht ihm ins Gesicht geschrieben. Als die Stadt Kehl zusammen mit der Gemeinde Neuried die Flächen für das heute in weiten Teilen von renommierten Firmen bebaute und genutzte Gewerbegebiet geplant hat, wurde nicht zwingend darauf geachtet, ob die Flächen bereits den beiden Kommunen gehörten – wie das sonst oft der Fall ist. „Für ba.sic hat man schlechte Äcker genommen und notfalls zugekauft“, erklärt Jochen Bresch den Mitgliedern der Gemeinderäte Kehl und Neuried sowie der Ortschaftsräte Goldscheuer und Altenheim, also Flächen, die auch der Landwirtschaft nicht fehlten.

Pfeifengras

Weil die beiden Kommunen aber dennoch verpflichtet waren, Ausgleichsflächen zu schaffen, verständigte man sich darauf, die einst so artenreichen Neurieder Streuwiesen mit ihren historischen Gewannnamen wie Hetzlerau, Fohlenweide, Dreibauerngrund, Muhrauel und Mühlbachschließe wieder zum Leben zu erwecken. „So haben wir mit dem Ausgleich den maximalen Gewinn“, sagt Jochen Bresch. Um es vorwegzunehmen: Der Geißklee-Bläuling, die Zwitscherschrecke, der Wiesen-Wasserfenchel, der Dunkle Wiesenknopf-Ameisenbläuling, die Prachtnelke und das Blutströpfchen sind selbst für unkundige Besucherinnen und Besucher schnell zu entdecken. Doch obwohl die Wiesen bereits ein Refugium für bedrohte Arten sind, ist die Entwicklung hin zur ursprünglichen Streuwiese auch nach 20 Jahren noch nicht abgeschlossen.

Lauchschrecke 

Um das der Gruppe verständlich zu machen, geht Jochen Bresch weit in die Geschichte zurück: Wie der Name Neuried schon sagt, liegen die Flächen im Ried und sind von jeher feucht. Für diese aus landwirtschaftlicher Sicht recht nutzlosen Flächen war den Bauern der Dünger zu wertvoll. Was dort wuchs, war nicht einmal als Viehfutter, sondern nur als Einstreu zu gebrauchen. Gemäht wurde meist nur einmal im Jahr zu Beginn des Herbstes. Für die Tiere, deren Lebensraum die Wiesen waren, stellte die Sense kaum eine Bedrohung dar, sie waren schneller und konnten sich in Sicherheit bringen. Mit jeder Mahd und damit der Entnahme der Pflanzen wurde den Streuwiesen etwas Phosphat entzogen, so dass sich die Entwicklung zu Magerwiesen fortsetzte.

Doch mit fortschreitender Industrialisierung holten sich die Pflanzen die Nährstoffe aus der nicht zuletzt durch den zunehmenden Verkehr stickstoffreichen Luft. Außerdem richtete der Einsatz von schweren Maschinen auf den bodenfeuchten Wiesen großen Schaden an. Auch nach 20 Jahren sind die Streuwiesen noch nicht so mager, wie sie sein sollten, erläutert Jochen Bresch seinen Zuhörerinnen und Zuhörern. Deshalb wird bereits im Mai zum ersten Mal gemäht. Dem zweiten Aufwuchs steht dann mehr Licht zur Verfügung und die für die Streuwiesen typischen Kräuter, Blumen und Gräser können sich wieder entwickeln. Damit aber die Insekten ihren Lebensraum nicht verlieren, wird nur jeweils die Hälfte der Wiesen geschnitten.

Um die Streuwiesen beweiden zu lassen, sind die Flächen zu klein, erläutert Jochen Bresch auf Nachfrage: Für eine Kuh sind mindestens zwei Hektar notwendig. Rinder und Pferde wären geeignete Weidetiere, weil sie die Gräser fressen und die blühenden Pflanzen für die Insekten stehen lassen. Mit handgesamtem Saatgut wurden zudem seltene Orchideen wieder angesiedelt. Manche Blühpflanzen brauchen zwölf Wochen, um sich zu entwickeln. Auf einer landwirtschaftlich bewirtschafteten Fläche haben sie bei fünf bis sechs Mähdurchgängen keine Chance. Während auf solchen Flächen im Durchschnitt zwölf Arten vorkommen, sind es auf den Streuwiesen inzwischen 60, erklärt Jochen Bresch den Unterschied und pflückt als Anschauungsobjekt für die Zweckverbandsmitglieder ein Zittergras, das als Anzeiger für die Magerkeit einer Wiese gilt.