Unser Wald (mit Video)
Alte Eichen hätscheln, jungen eine Chance geben: Über Mischwuchsregulierung zu einem gesunden Wald
Hier ein Hohlraum, da eine Faulstelle oder gleich ein ganzer Unglücksbalken: Für die Bechsteinfledermaus oder den Specht, aber auch für viele andere Lebewesen stellen alte Eichen eine Art Traumwohnung in luftiger Höhe zur Verfügung. „Würden wir die alten Eichen in großer Zahl fällen, um das Holz zu nutzen, würden viele Arten verschwinden“, sagt Markus Gutmann. In enger Abstimmung mit der Stadt als Waldbesitzerin und auf Beschluss des Gemeinderats versucht der Förster mit der sogenannten Mischwuchsregulierung Natur- und Klimaschutz mit der Holzgewinnung in Einklang zu bringen. Das Land hat die Maßnahmen, die im Korker Wald umgesetzt wurden, mit 15 000 Euro gefördert.
Als Unglücksbalken bezeichnet der Förster einen in der Mitte aufgerissenen Ast, der Hohlräume bietet. Auch in Faulstellen, die in Baumstämmen nach oben hin solche Hohlräume bilden, fühlen sich Fledermäuse überaus wohl. Genauso wie in verlassenen Spechthöhlen. Wenn diese den Anforderungen von Fledermäusen genügen, werden sie auch von den streng geschützten Bechsteinfledermäusen als Wochenstube genutzt, will heißen: Mehrere Weibchen bringen dort ihren Nachwuchs zur Welt und ziehen ihn gemeinsam auf. Sie bilden große Gemeinschaften, um sich gegenseitig warmhalten zu können.
Darauf, dass ihre Blätter einer ganzen Reihe von Waldbewohnern schmecken (besonders Motten- und Schmetterlingsraupen sowie Käfern), haben sich die Eichen eingerichtet: Im Frühsommer bekommen sie mit dem sogenannten Johannistrieb ein zweites Blätterkleid und gleichen so aus, was ihnen an Blattmasse verlorengegangen ist. Diese besondere Eigenschaft verschafft ihnen im Vergleich zu anderen Baumarten ebenso einen Vorteil, wie ihre lange und starke Pfahlwurzel. Damit erhöhen sie nicht nur ihre Standfestigkeit im Fall von Stürmen, sondern zugleich ihre Resistenz gegenüber den durch den Klimawandel verstärkten Wetterkapriolen: Zu nasse Sommer wie 2024 und 2025 bringen sie genauso wenig in ernsthafte Schwierigkeiten wie einzelne Trockensommer, weil sie dann in der Lage sind, ihren Wasserbedarf aus sehr tiefen Bodenschichten zu decken.
Nachgepflanzte Jungbäume aus der Baumschule sterben in beiden Situationen nicht selten ab. Im ersten Jahr der Pflanzung vertragen sie kein stehendes Wasser. Bei Trockenheit reicht ihnen das Wasser im Boden oft nicht aus, weil die Wurzeln noch zu klein und flach sind. So sind 2024 im Korker Wald gepflanzte Jungbäume eingegangen, während sich die durch die Naturverjüngung hochgewachsenen kleinen Eichen halten konnten.
Einen gesunden und klimaresistenten Wald mit vielen Eichen zu bekommen, gleicht einer Gratwanderung: Weil man vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1990er-Jahre hinein der Eiche weniger Bedeutung zugeschrieben hat, fehlen im Korker Wald heute die 30 bis 80 Jahre alten Eichen. Vorhanden sind zum einen sehr alte und große Eichen sowie junge, die so um die 20 Jahre zählen. „Wir hätscheln die alten Eichen, um sie noch 20 bis 30 Jahre halten zu können“, sagt Markus Gutmann. Gleichzeitig pflegt das Team der Waldarbeiter die jungen Eichen so, dass sie möglichst rasch dicke Stämme bekommen. „Freipflegen“ heißt die aufwendige und anstrengende Tätigkeit der Waldarbeiter, wenn sie Hainbuchen und andere Baum- und Straucharten, die im Schatten der großen Eichen bevorzugt gedeihen, zurückschneiden oder entfernen, damit die nachwachsenden zarten Eichensprößlinge ausreichend Licht bekommen. Außerdem muss dafür gesorgt werden, dass der Boden nicht verkrautet ist, wenn die großen Eichen alle paar Jahre ihre Samen fallen lassen.
Immer wieder selektieren die Forstarbeiter darüber hinaus den Eichennachwuchs: Weil natürlich nicht so viel Platz vorhanden ist, dass alle aus den Samen sprießenden Bäumchen zu stattlichen Eichen heranwachsen können, werden die stärksten freigepflegt. Durch diese Durchforstungseingriffe wird sichergestellt, dass der Eichennachwuchs stabile Kronen ausbilden kann. Weil gilt, dass die Biotopfunktion der Eichen umso ausgeprägter ist, je dicker die Stämme und je größer die Kronen sind, wählt Markus Gutmann selbst die wuchskräftigsten Jungbäume aus und markiert sie. Die übrigen, die bereits als Brennholz taugen, werden dann gefällt.
Die Waldwege säumen oft halbhohe Gehölzpartien, die gerade Schmetterlingen Nahrung und dem Rehwild Sichtschutz bieten. Die Rehe, die sich dort als Wiederkäuer zwischen ihren Äsungsphasen ausruhen, fühlen sich hier sicher und lassen sich von Spaziergängern und Radfahrern auf den Wegen nicht stressen. Auch dies ist ein Umstand, der für Markus Gutmann zeigt, dass die Mischwuchsregulierung durch den Menschen dem Wald, seinen Bewohnern und den Nutzerinnen und Nutzern gleichermaßen Vorteile bringt.

