Die Welt mit Augen von Anderen sehen

Tilmann Krieg (1954 in Stuttgart), Die Welt mit den Augen des Anderen sehen, 2004

Tilmann Krieg, aufgewachsen in Pforzheim, hat, als er nach Kehl kommt, bereits in Frankfurt eine Ausbildung in Fotografie und in Düsseldorf ein Grafikdesignstudium absolviert, von Kehl aus folgt ein Studium der Malerei in Straßburg, und er entfaltet eine rege Reisetätigkeit. Mit seinen künstlerischen Fotografien, die in Brasilien, in Korea und Australien, in den USA, in Europa und China entstehen und von Tempo, Unschärfe, Bewegung, Lichtspuren und Verzerrung geprägt sind, fängt er die Schnelllebigkeit der Zeit ein, ein Weltreisender in Sachen Fotografie. Nach 41 Jahren in Kehl am Rhein lebt und arbeitet er seit 2023 in Brisbane / Australien. Frühe Zeichnungen weisen ihn als erzählmächtig aus, dicht an dicht fügen sich darin Szenen zu einem vielfältigen Ganzen. Das Porträt einer Frau aus Bahia will darauf aufmerksam machen, dass man die Welt mit den Augen eines Anderen anders sehen kann, sie sich dem eigenen Blick neu erschließt. Man wird auf die eigene Wahrnehmung zurückgeworfen. Das Fotoporträt ist auf eine große Kunststoffscheibe (Makrolon) aufgezogen, die milchig den Hintergrund nur ein wenig durchschimmern lässt. Mit der Zeit ist die Fotografie ausgeblichen. Die Distanz der Betrachtung spielt eine große Rolle. Tritt man nah heran, löst sich das Bild in einzelne Pigmentpunkte auf, erst mit dem Abstand fügt es sich im Auge zum Ganzen. Kopfhaltung und Blick der jungen, sanft lächelnden Frau gehen am Betrachter vorbei in Richtung Himmel. Nimmt man ihre Haltung ein und folgt ihrem Blick, sieht man in die Bäume. Ob man sich einen Moment wie fremd fühlt, und sich fragt, was diese Frau mitten im Herzen von Europa und europäischer Geschichte wohl denkt?