Sprachpool

Kehler Sprachpool: Der Bedarf ist groß – Eine Sprachvermittlerin berichtet

Mehr als 400 Mal waren die ehrenamtlichen Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler im vergangenen Jahr im Einsatz und haben beispielsweise bei Arztterminen oder Elterngesprächen in Schulen und Kitas in eine von rund 20 Fremdsprachen übersetzt. Unter ihnen auch Nesrin Demirkiran. Seit einem Jahr lebt sie in Kehl und ebenso lange engagiert sie sich im Kehler Sprachpool als sogenannte Sprachmittlerin für Türkisch.

Sprachvermittlerin Nesrin Demirkiran sitzt auf einem Stein vor dem Rathaus.
Seit dem Frühjahr 2025 im ehrenamtlichen Dienst des Kehler Sprachpools: Nesrin Demirkiran übersetzt bei Behördengängen und Arztterminen ins Türkische.

Nesrin Demirkiran ist vor einem Jahr mit ihrer Familie aus Freudenstadt nach Kehl gezogen. Kaum in der Rheinstadt angekommen, meldete sie sich sodann bei den städtischen Integrationsbeauftragten. „Ich möchte mein Sprachwissen einsetzen und Menschen damit helfen“, erläutert die 48-Jährige. Dieser Wunsch begleitet Nesrin Demirkiran schon sehr lange. Zusammen mit drei Geschwistern ist sie in der Nähe von Freudenstadt aufgewachsen. Das Dolmetschen kennt Nesrin Demirkiran bereits von Kindesbeinen an. Aus Erzählungen ihrer Eltern weiß sie, dass es ehrenamtliche Unterstützung in der Form wie sie selbst sie anbietet, damals nicht gab. „Unsere Mutter hat quasi durch uns Deutsch gelernt“, berichtet sie. Damit nicht genug, engagierte sie sich vor ihrem Umzug nach Kehl bereits zehn Jahre lang als Ehrenamtliche im Dolmetscher-Netzwerk in Freudenstadt. Nach ihrem ersten Jahr als Sprachvermittlerin in Kehl stellt sie jedoch fest: „Der Bedarf ist hier deutlich höher.“ Zehn Termine hatte sie bislang als Sprachvermittlerin in der Rheinstadt. Das entspricht zwar in etwa ihrem Pensum in Freudenstadt, aber „mich erreichen in Kehl viel mehr Anfragen“. Häufig geht es darum, Menschen zu einem Arzttermin oder zur Kita-Anmeldung zu begleiten. Beispielhaft erzählt Nesrin Demirkiran von einem Frauenarzttermin in Kehl, zu dem sie eine Klientin begleitete. Die Frau kam nicht etwa aus der Türkei, sondern aus der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang in China und sprach ein sehr altertümliches Türkisch. Dennoch begleitete Nesrin Demirkiran die Schwangere zu einer Elektrokardiographie. „Es war ein sehr rührender Termin“, erinnert sich die Sprachvermittlerin. "Die Klientin war unheimlich dankbar, dass sie überhaupt jemanden an ihrer Seite hatte, der für sie übersetzen konnte.“ Allerdings verlaufen nicht alle Termine so harmonisch: Nesrin Demirkiran berichtet von einem Fall, bei dem sie ebenfalls eine Klientin zu einem Arzttermin begleitete. Diese wollte oder konnte sich jedoch nicht mit der gestellten Diagnose abfinden. Es kam zum Streit mit dem Mediziner. Nesrin Demirkiran fiel dabei die schwierige Rolle zu, zu übersetzen und zu vermitteln. „Aber ich habe da ein dickes Fell“, sagt sie. Dennoch überwiegt für die 48-Jährige das Positive. „Verständigung zu ermöglichen und dadurch Erleichterung für die Menschen zu schaffen, das erfüllt mich“, berichtet sie.

Wer sich als ehrenamtlicher Sprachvermittler einbringen will, wendet sich an die städtische Integrationsbeauftragte Raya Gustafson. Hierfür gibt es eigens ein sogenanntes Interessensbekundungsformular. Darin werden unter anderem Fremdsprachenkenntnisse erfragt, also jene Sprachen, die die Interessierten später mündlich auf Deutsch übersetzen können. Die Sprachenkenntnisse sollten sich annährend auf einem Muttersprachniveau befinden (also C1- oder C2-Niveau). Interessierte legen ihrer Bewerbung auch einen Lebenslauf, ein erweitertes Führungszeugnis sowie einen Nachweis eines B2-Deutsch-Niveaus oder höher bei. Dieser Nachweis kann beispielsweise ein Zertifikat einer Sprachschule oder ein Schulzeugnis sein. Interessierte schicken das ausgefüllte Formular per Email an r.gustafson@stadt-kehl.de. Mit aussichtsreichen Kandidatinnen und Kandidaten setzt sich die städtische Integrationsbeauftragte anschließend zu einem Gespräch zusammen. Dabei geht es um die Beweggründe für die ehrenamtliche Tätigkeit sowie um die Verfügbarkeit. Stellt sich die Kandidatin oder der Kandidat als geeignet heraus, werden sie zu einer zweitägigen Grundschulung eingeladen. Der nächste Termin ist am 8. Mai (in der Zeit von 14.30 Uhr bis 18.30 Uhr) und 9. Mai (von 9.30 Uhr bis 16 Uhr). Die Grundschulungen werden zusammen mit fünf weiteren Sprachpools aus der Ortenau geplant. Auch Nesrin Demirkiran ist dieses Prozedere ebenfalls durchlaufen. Die Zusammenarbeit mit den städtischen Integrationsbeauftragten beschreibt sie als unkompliziert.

Hintergrund

33 Ehrenamtliche waren im vergangenen Jahr insgesamt 404 Mal im Einsatz und übersetzten in einer von 19 Fremdsprachen. Die Kosten für den Sprachpool lagen 2025 bei 2975 Euro. Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler erhalten für ihren Einsatz eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 15 Euro pro Einsatz. Nimmt dieser mehr als eine Stunde in Anspruch, erhalten die Ehrenamtlichen je weitere halbe Stunde 5 Euro. Wichtig ist: Die Sprachvermittlerinnen und Sprachvermittler werden über Institutionen wie beispielsweise den Bürgerservice oder das städtische Integrationsmanagement, Beratungsstellen des Diakonischen Werks oder der Caritas, das Jobcenter, Schulen, Kitas oder Arztpraxen beauftragt, nicht durch Privatpersonen. Derzeit hat der Sprachpool insbesondere Bedarf an Vermittlerinnen für die Sprachen Dari, Farsi, Paschtunisch und Arabisch sowie für Rumänisch.