Volkstrauertag

Damit die Zerstörung nicht das letzte Wort behält: Neue Friedensbotschaften an der Kriegsgräberstätte

Auf vier neue Graffiti-Tafeln haben Mitglieder der Zeitzeugen-Arbeitsgemeinschaft des Einstein-Gymnasiums großflächig ihre Friedenbotschaften gesprüht. Bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Sonntag (16. November) wurden sie von der Gruppe um ihren Lehrer Uli Hillenbrand vorgestellt. Was es bedeutet, wenn der Krieg den Vater nimmt, und wie dieser Verlust das ganze Leben begleitet, haben die Schülerinnen und Schüler im Interview mit Zeitzeugen erfahren und in einem Video mit dem Titel „Im Krieg gefallen“ festgehalten. Außerdem sind die Berichte der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an einer neuen Hörstation auf dem Kernstadt-Friedhof abrufbar. Oberbürgermeister Wolfram Britz rief in seiner Gedenkrede zum Umdenken auf – im Alltag, in der Politik und in der Ökologie. Nur so lasse sich die Freiheit bewahren.

Die Mitglieder der Zeitzeugen-AG mit ihrem Lehrer Uli Hillenbrand (ganz links), dem Graffiti-Künstler Raphael Lieser (Zweiter von links): Rayan Nagel, Johannes Kauder, Luca Nostadt, Joseba Fortunato, Dilara Celik, Marie Chambrion, Élodie Drouet, Vivian Eisenberg, Mattéo Charreyron, Marta Andreae, Max Jutzler, Valeska Nossol, Sofiia Kezlya, Chiara Wehrle. Auf dem Foto fehlt Violette Kessler, die auch zur Gruppe gehört.

Im fünften Jahr wurde der Volkstrauertag in Kehl auf besondere Art begangen: Es sind vor allem die Jugendlichen, welche die Gedenkfeier mit ihren Beiträgen gestalten. Weil die 2022 gesprühten Friedensbotschaften im Dezember vergangenen Jahres von Unbekannten mit roher Gewalt zerstört wurden, haben die Mitglieder der Zeitzeugen-AG mit Unterstützung des Offenburger Graffiti-Künstlers Raphael Lieser neue Tafeln gestaltet, die dauerhaft auf der Gedenkstätte installiert wurden. Sie sind Teil des von den Schülerinnen und Schülern um Uli Hillenbrand 2022 begonnen Umgestaltungsprozesses, der im Video (weiter unten auf der Seite) dargestellt ist.

Zum Umdenken forderte Oberbürgermeister Wolfram Britz in seiner Rede zum Volkstrauertag auf.

Über eine erste Hörstation, die 2024 am Eingang zur Kriegsgräberstätte aufgebaut wurde, wird zum einen die Geschichte des Ortes und seine Entstehung erläutert; es können aber auch Beiträge von Zeitzeugen abgerufen werden, die sich an ihre dort bestatteten Angehörigen erinnern. Eine weitere Hörbox wurde zum Volkstrauertag auf dem Kernstadt-Friedhof in Betrieb genommen. In den dort abrufbaren acht Beiträgen erfahren Friedhofsbesucherinnen und -besucher, wie die Mahnmale für die Opfer des Ersten und des Zweiten Weltkriegs entstanden sind und können Berichte von Zeitzeugen anhören, die durch die beiden großen Kriege Angehörige verloren haben (auch dazu gibt es weiter unten einen Videobeitrag).

Oberbürgermeister Wolfram Britz erinnerte in seiner Rede an den 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs, bei dem Jugendliche aus Straßburg und Kehl auf der Plattform der Passerelle des deux Rives ihre Friedensbotschaften vorgetragen haben. Dass der Frieden brüchig geworden sei, hätten die 14- bis 16-Jährigen schon gespürt, bevor Bundeskanzler Friedrich Merz Ende September erklärte: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.“ Der OB zitierte außerdem den Osteuropahistoriker Karl Schlögel, der in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenpreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche sagte, die Invasion in der Ukraine markiere das Ende der Nachkriegszeit; Russland habe das Tor zur Vorkriegszeit aufgestoßen.

Auch wenn man an den Volkstrauertagen in den vergangenen Jahren den Krieg in Syrien, die Folgen der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan, den Krieg in der Ukraine, das Attentat der Hamas in Israel und den Gaza-Krieg zum Thema gemacht habe, so seien diese Kriege doch immer weit weg gewesen: „Wir sind betroffen, aber wir sind nicht im Krieg“, sagte Wolfram Britz und zitierte erneut Karl Schlögel, der von der „friedensverwöhnten Generation“ spricht. Hedwig Richter, Professorin für Neue und Neueste Geschichte an der Bundeswehruniversität München formulierte: „Wir lebten Jahrzehnte wie in Watte gepackt.“ Es gehe nicht darum, nun in Panik oder Hysterie zu verfallen, aber es gelte zu erkennen, dass die Wohlfühlgeschichte an ihr Ende gekommen sei, mahnte der OB.
Der Krieg zeige neue Gesichter: Er spiele sich nicht mehr nur auf Schlachtfeldern ab, sondern so, wie es die Jugendlichen am 8. Mai beschrieben hätten: Hybride Kriegsführung laufe über Cyber-Attacken, über gezielte Desinformation in den Sozialen Medien, „über Angriffe auf die Zivilgesellschaft und auf unsere Demokratie“. Wolfram Britz schloss mit der zentralen Botschaft aus der Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 9. November: „Die Selbstbehauptung der Demokratie – das ist die Aufgabe unserer Zeit.“
Nach der Totenehrung erfolgte der Aufstieg zum sogenannten Ehrenmal, wo Wolfram Britz einen Kranz niederlegte. Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkfeier zum Volkstrauertag von Café Flore mit den Musikern Gunnar Sommer und Jean-Michel Eschbach.
 

Die Umgestaltung der Kriegsgräberstätte im Video

Im Krieg gefallen – Gespräche mit Hinterbliebenen