Abwärmeprojekt

Komplexes Abwärmeprojekt braucht mehr Zeit

Der Beginn der für das grenzüberschreitende Abwärmeprojekt bei den Badischen Stahlwerken (BSW) erforderlichen Umbauarbeiten wird um ein Jahr verschoben. Das haben die Aktionäre der grenzüberschreitenden Wärmegesellschaft Calorie Kehl-Strasbourg in ihrer Verwaltungsratssitzung am Mittwoch, 17. Dezember, einstimmig beschlossen. Das in Europa einzigartige Projekt benötigt in der Umsetzung mehr Zeit. Der Grund dafür sind vor allem die stark gestiegenen Bau- und Finanzierungskosten. Alle sechs Partner stehen weiterhin uneingeschränkt zu dem ambitionierten Vorhaben und setzen die Arbeit an der Umsetzung fort.

Die bei der Stahlproduktion bei den BSW im Kehler Hafen zwangsläufig entstehende Abwärme soll genutzt werden, um mehrere Tausend Haushalte in Straßburg und Kehl mit Heizenergie zu versorgen.

„Dieses Projekt ist von entscheidender Bedeutung. Wir entscheiden uns für Verantwortung: Wir nehmen uns heute die nötige Zeit, um bestimmte Parameter zu vertiefen und ein Projekt zu sichern, das über mehrere Jahrzehnte hinweg klimatische und wirtschaftliche Vorteile bringen soll“, erklärte Jeanne Barseghian, Präsidentin der Calorie Kehl-Strasbourg und Oberbürgermeisterin von Straßburg. Das Vorhaben, die bei der Stahlproduktion entstehende Abwärme grenzüberschreitend zu nutzen, sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Klimaneutralität. Es unterstütze das Bestreben beider Städte, importierte fossile Brennstoffe durch lokale, erneuerbare und wettbewerbsfähige Energie zu ersetzen. „Es kann einfach nicht sein, dass so viel Wärme weiterhin ungenutzt in die Luft geblasen wird“, brachte Harald Höflich, Vertreter des Umweltministeriums des Landes Baden-Württemberg auf den Punkt, dass es auch um den Klimaschutz geht.

„Angesichts steigender Bau- und Finanzierungskosten wird mehr Zeit benötigt, um die Finanzierung des Projekts auf eine solide finanzielle Grundlage zu stellen.“ Zu diesem Ergebnis kamen die Vertreterinnen und Vertreter der sechs französischen und deutschen Partner am Mittwoch, nachdem sie zuvor über Wochen hinweg gemeinsam versucht hatten, das Projekt an die derzeitige Situation anzupassen. Es wurden ambitionierte Lösungen geprüft, die Zugeständnisse der Gebietskörperschaften, innovative Finanztechnik und einen intensiven Dialog mit der Industrie kombinieren.

Die französischen und deutschen Gebietskörperschaften, die Banque des Territoires und die BSW bekräftigen ihren gemeinsamen Willen, ein ausgewogenes Projekt zu realisieren, das die langfristige Entwicklung des grenzüberschreitenden Fernwärmenetzes gewährleistet und die Nachhaltigkeit für alle Beteiligten sicherstellt. Folgerichtig setzen alle Partner die gemeinsame Arbeit fort, um einen optimierten Plan für den Bau und Betrieb der Wärmeleitung zu definieren. Der endgültige Rahmen für die Realisierung des Projekts soll im ersten Quartal 2026 stehen. Dazu gehören auch die Bearbeitung der Förderung des BAFA, die sich für die BSW und die Calorie zusammengenommen auf knapp zehn Millionen Euro beläuft, sowie das Aushandeln der Verträge mit den Ein- und Verkaufspreisen für die gelieferte Wärme.
Das Projekt zur Einspeisung industrieller Abwärme der BSW ins grenzüberschreitende Wärmenetz besteht aus zwei eng miteinander verbundenen Bauabschnitten: den Umbaumaßnahmen auf dem Werksgelände der BSW zum einen und dem Bau der Wärmeleitung und der zugehörigen Infrastruktur durch die Calorie andererseits. Während der Beginn der Arbeiten bei den BSW um ein Jahr verschoben wird, läuft die Vorbereitung der von der Calorie verantworteten Maßnahmen weiter. Das entsprechende Vergabeverfahren befindet sich derzeit in der Verhandlungsphase. Beide Bauabschnitte sind technisch aufeinander abgestimmt und können selbstverständlich nur zeitgleich in Betrieb genommen werden.

Hintergrund

Die Kosten für den Bau der 6,5 Kilometer langen Wärmeleitung, zu der auch ein sogenannter Mikrotunnel unter dem Rhein gehört, haben sich im Vergleich zur Studienphase 2021 von 24 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Neben den allgemein stark gestiegenen Baukosten spielt dabei auch eine Rolle, dass die Notwendigkeit von Wärmespeichern von den Ingenieurbüros unterschätzt wurde. Die Baukostensteigerungen betreffen auch die Umbaukosten bei den BSW, die sich mittlerweile auf weit mehr als 20 Millionen Euro belaufen. Weil sich die Zuschüsse des BAFA aber auf die CO2-Einsparung beziehen, die mit dem Abwärmeprojekt erreicht werden, sind diese mit 5,2 Millionen Euro für die Calorie und 4,6 Millionen Euro für die BSW, unverändert geblieben.

Stadt Kehl steht zum grenzüberschreitenden Abwärmeprojekt

Die Stadt Kehl steht weiterhin uneingeschränkt zur grenzüberschreitenden Nutzung der Abwärme der Badischen Stahlwerke (BSW): So reagiert Oberbürgermeister Wolfram Britz auf die am Mittwoch von den BSW veröffentlichte Pressemitteilung mit dem Titel „Badische Stahlwerke warnen: Fernwärmeprojekt in kritischer Phase“. Darin heißt es: „Gestiegene Baukosten, eine befristete Förderung durch den Bund und ein noch nicht abgestimmter Vertrag gefährden die Finanzierung und damit die Realisierung aus Sicht der Badischen Stahlwerke.“ Wolfram Britz sieht trotz des hohen Zeitdrucks, unter dem das Vorhaben steht, weiterhin den Willen aller beteiligten Partner, die Wärmeleitung zu bauen und 2029 sowohl Straßburger als auch Kehler Haushalte mit Abwärme aus der Stahlproduktion zu versorgen.

Ein glühend-heißer Stahlofen
In seiner Sitzung am Mittwoch, 12. November, hat der Gemeinderat eine Kapitalerhöhung von 1,5 Millionen Euro beschlossen und damit das Bekenntnis der Stadt zum grenzüberschreitenden Abwärmeprojekt bekräftigt.

Dass die Baukosten stark gestiegen seien, belaste das Projekt genauso wie alle anderen Bauvorhaben, auch der Stadt Kehl, erklärt der OB. Deswegen seien die deutschen und französischen Projektpartner ja übereingekommen, das Stammkapital der gemeinsamen Wärmegesellschaft Calorie Kehl-Strasbourg (CKS) um 11,2 Millionen Euro zu erhöhen. Die Stadt Kehl sei hier mit gutem Beispiel vorangegangen – der Gemeinderat habe als erstes Gremium der beteiligten Gebietskörperschaften in seiner Sitzung am Mittwoch, 12. November, eine Kapitalerhöhung von 1,5 Millionen Euro beschlossen. Außerdem arbeiteten alle Partner gerade mit Hochdruck an dem Projekt.

Er verstehe jedoch auch, dass ein Wirtschaftsunternehmen, das es gewohnt sei, schnelle Entscheidungen treffen zu müssen, mit den langwierigen Entscheidungsprozessen von Gebietskörperschaften, noch dazu im grenzüberschreitenden Zusammenwirken, Schwierigkeiten habe. „Grenzüberschreitende Projekte sind immer komplizierter als nationale und brauchen stets mehr Zeit“, sagt Wolfram Britz. Er vertraue weiterhin darauf, dass alle Projektpartner, zu denen auch die BSW gehören, „dieses in Europa einzigartige Wärmeprojekt umsetzen wollen“.

Pressemitteilung der Badischen Stahlwerke von Mittwoch, 19. November

Badische Stahlwerke warnen: Fernwärmeprojekt in kritischer Phase

Das Straßburg-Kehler Fernwärmeprojekt befindet sich in einer kritischen Phase: Gestiegene Baukosten, eine befristete Förderung durch den Bund und ein noch nicht abgestimmter Vertrag gefährden die Finanzierung und damit die Realisierung aus Sicht der Badischen Stahlwerke (BSW). Denn wird die Fernwärmeanlage nicht bis Mai 2029 in Betrieb genommen, drohen existenzielle Fördermittel zu verfallen.
 
Seit mehr als fünf Jahren arbeiten die Badischen Stahlwerke gemeinsam mit der Eurométropole de Strasbourg, der Region Grand-Est, dem Land Baden-Württemberg, der Stadt Kehl und weiteren Partnern an dem grenzüberschreitenden Fernwärmeprojekt Straßburg-Kehl. Ziel ist es, Abwärme aus der Stahlproduktion der Badischen Stahlwerke in Kehl als Heizenergie nutzbar zu machen und in das Fernwärmenetz der Stadt Straßburg einzuspeisen. Bis zu 7.700 Haushalte sollen in der ersten Ausbaustufe mit Wärme für Wasser und Heizung versorgt werden, so der Plan. Das entspräche einer CO2-Einsparung von rund 19.600 Tonnen pro Jahr. In einer weiteren Ausbaustufe möchte auch die Stadt Kehl, Abwärme der BSW in neu zu erschließenden Bereichen sowie als Ersatz anderer Wärmeerzeuger in der zentralen Innenstadt einzusetzen.
 
Das Projekt ist mit sehr hohen Kosten verbunden: Immerhin müssen 6,5 Kilometer Rohre verlegt werden, die auch unter dem Rhein durchführen – geplant und finanziert von der eigens gegründeten Wärmegesellschaft Calorie Kehl-Strasbourg und unterstützt mit europäischen, französischen und deutschen Fördermitteln. Auch für die Badischen Stahlwerke stehen erhebliche Investitionen an: Ein neues Gebäude sowie Anlagen und Rohrleitungen auf dem Werksgelände sind nötig, um die Wärme aus der Abluft aufzubereiten und als rund 160 Grad heißes Wasser in die Fernwärmeleitung einzuspeisen.
 
Bereits zwei Millionen Euro investiert
 
„Als Elektrostahlwerk, das auf eine klimafreundliche Stahlproduktion setzt, stehen wir zu dem Vorhaben und wollen es gemeinsam mit allen Projektpartnern zum Erfolg führen“, betont Florian Glück, Geschäftsführer der Badischen Stahlwerke. „Deshalb haben wir bereits knapp 2 Millionen Euro für vorbereitende Arbeiten bei uns im Werk aufgewendet. Weitere Investitionen können wir allerdings nur verantworten, wenn die vertraglichen Grundlagen klar geregelt sind und ausgeschlossen ist, dass die Wärmeauskoppelung für uns zum Verlustgeschäft wird.“

Gestiegene Baukosten und befristete Förderung
 
Bereits 2018, ein Jahr vor Unterzeichnung der Absichtserklärung für das Fernwärmeprojekt, hatten die Badischen Stahlwerke die Kosten für die notwendigen Umbau- und Umstrukturierungsmaßnahmen im Werk kalkuliert und später auf der Basis eine Förderung beim Bundeswirtschaftsministerium beantragt. Diese wurde bewilligt und beläuft sich auf 4,6 Millionen Euro. Seit Projektbeginn sind allerdings nicht nur die Baukosten deutlich gestiegen, auch der geplante Termin für die erste Wärmelieferung wurde mehrfach verschoben. Die Förderung durch den Bund jedoch wurde nicht an die höheren Kosten angepasst und ist zudem befristet: Die Fördergelder fließen nur, wenn die Fernwärmeanlage bis Mai 2029 in Betrieb geht. „Um dieses Ziel zu erreichen, müssten wir spätestens im Frühjahr 2026 die Umbauarbeiten im Werk beauftragen“, erklärt Glück. „Denn diese lassen sich nur durchführen, wenn unsere Produktion vollständig stillsteht. Einen längeren Stillstand über mehrere Wochen planen wir aber nur einmal jährlich. Für den kompletten Umbau brauchen wir mehrere solcher Stillstände.“
 
Voraussetzung für die Beauftragung der Umbauarbeiten ist für Glück allerdings, dass alle technischen und vertraglichen Details geklärt sind und dass sich das Projekt trotz der gestiegenen Baukosten wirtschaftlich trägt. „Das Vorhaben ist für uns ein Herzensprojekt. Wir müssen jedoch sicherstellen, dass wir am Ende nicht draufzahlen.“
 
Fehlender Vertrag gefährdet Projektumsetzung
 
Am 8. Dezember tagt der Aufsichtsrat der Badischen Stahlwerke und soll über die Freigabe der nächsten Investitionsschritte entscheiden. „Wir brauchen spätestens Anfang Dezember einen unterschriftsreifen, mit allen Parteien abgestimmten Vertrag, das ist die Grundvoraussetzung“, fordert Glück. „Erst auf der Basis können wir die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens abschließend bewerten und eine Entscheidung über weitere Ausgaben treffen. Wenn dies am 8. Dezember nicht möglich ist, können wir im Frühjahr 2026 keine Umbauarbeiten beauftragen. Eine Inbetriebnahme der Fernwärmeanlage bis Mai 2029 ist dann nicht möglich, und die Bundesförderung dürfte entfallen.“ Der BSW-Geschäftsführer betont: „Wir wollen das Projekt – es ist sinnvoll für die Region und das Klima. Aber wir setzen es nur um, wenn Finanzierung, Verantwortlichkeiten und Risiken geklärt und fair geregelt sind.“