Biotoppflege in Leutesheim

Leutesheimer Wald wird zum grünen Klassenzimmer: Forstschüler vom Mattenhof üben sich in Biotoppflege und Verkehrssicherung

Ein konstantes Surren erfüllt am frühen Morgen schon den Leutesheimer Wald. Dann plötzlich ein Krachen, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Eine Esche landet auf dem gesperrten Verbindungsweg zwischen der EdF-Straße und Leutesheim. Eine Holzrückemaschine rollt heran. Deren Ladekran greift sich die gefällte Esche und zieht sie von der Straße. Für die Dauer von zwei Wochen wird der Leutesheimer Wald zum Klassenzimmer für Schülerinnen und Schüler des Forstlichen Ausbildungszentrums (FAZ) Mattenhof in Gengenbach. Auf dem Stundenplan stehen Biotoppflege und Verkehrssicherung.

Schülerinnen und Schüler des Forstlichen Ausbildungszentrums (FAZ) Mattenhof nehmen im Leutesheimer Wald Pflegeschnitte vor.

„So eine Wildnis habe ich noch nicht gesehen“, staunt Jonas Lieb nicht schlecht, als er den Leutesheimer Wald erblickt. Der 17-Jährige ist im dritten Lehrjahr am FAZ Mattenhof. Zusammen mit seinen Mitschülern, den beiden Ausbildungsleitern und natürlich mit Revierförster Markus Gutmann geht er den Arbeitsauftrag noch einmal durch. „Unsere Aufgabe hier ist die Biotoppflege und die Straßensicherung“, weiß der junge Mann aus Sigmaringen. „Wir setzen Sträucher, die sich schnell ausbreiten, auf den Stock und geben damit auch seltenen Arten eine Wachstumschance“, erläutert er. „Und wir sorgen dafür, dass Büsche und Bäume nicht auf die Straße stürzen.“ Dann schreiten er und seine Mitschüler zur Tat. Kurz darauf erfüllt das charakteristische Knattern und Surren der Kettensägen den ansonsten ruhigen Wald. Jonas Lieb widmet sich einer Esche. Um ihren Stamm hängt ein dünnes, weißes Markierungsband. An dem Baum sind Risse aufgefallen, die seine Standhaftigkeit beeinträchtigen. Das weiße Band bedeutet: Entnahme. Der 17-Jährige besieht sich den Baum, entscheidet sich für eine Fällrichtung, dann sägt er einen Fallkerb in den Stamm. „Achtung!“, ruft er zum ersten Mal in den Wald. Dann setzt er zum eigentlichen Fällschnitt an. Bis auf eine Bruchleiste und das sogenannte Halteband durchtrennt er die Esche. Sein zweites „Achtung!“ schallt durch den Wald. Dann sägt er das Halteband durch und begibt sich zügig in den Rückweichplatz. Der stattliche Baum knickt an der Bruchleiste um und fällt sicher in die gewünschte Richtung.

Ohne Pflegeschnitt droht Vielfaltverlust

Etwa 1000 Laufmeter Waldrandgestaltung sollen in der zweiwöchigen überbetrieblichen Außenübung zusammenkommen. In der Folge lichtet sich der Waldabschnitt zwischen der Abbiegespur zur Kläranlage (Junge Gründe) und dem Ortseingang von Leutesheim deutlich. „Im ersten Moment sieht das Waldbild gewöhnungsbedürftig aus“, gibt Mattenhof-Ausbilder und Forstmeister Johannes Schele zu. Revierförster Markus Gutmann pflichtet ihm bei: „Uns ist bewusst, dass das eine starke Veränderung des bisherigen Landschaftsbildes ist.“ Ohne diese wortwörtlichen Einschnitte würde sich der Wald allerdings in eine ungünstige Richtung entwickeln, die Markus Gutmann als „dunklen Wald“ beschreibt. Beispielsweise würden sich konkurrenzstarke Sträucher wie die Hasel oder der Rote Hartriegel noch stärker, weil ungebremst, ausbreiten und Pflanzenarten, die stark auf Lichteinfall angewiesen sind, aus dem Waldbild verdrängen. Das schließt auch das Röhricht mit ein, das im Leutesheimer Wald entlang des Gewässers wächst und beispielsweise Enten als Schutz und Brutstätte dient. „Durch den Aufwuchs ist das Röhricht in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen“, bedauert Markus Gutmann. Schwindet die vegetative Vielfalt, verlieren dadurch Wald- und Gewässerbewohner wie Vögel und Insekten ihren Lebensraum. „Letztlich werden die Sträucher selbst zu Wald“, skizziert der Revierförster. Um dieses Szenario abzuwenden, üben sich die Schülerinnen und Schüler vom FAZ Mattenhof in Leutesheim in Biotoppflege. Sechs Klassen und 140 Auszubildende wechseln sich dabei ab. Für Jonas Lieb und seine Mitschüler endet die überbetriebliche Außenübung in Leutesheim nach zweieinhalb Stunden. Mit dem Ergebnis ist der Revierförster mehr als zufrieden. Als „sensationell super“, lobt er die Arbeit der angehenden Forstarbeiter. Trotz des hohen Abstimmungsaufwands bezeichnet er die Zusammenarbeit mit dem Mattenhof als „reizvolle Aufgabe“. „Auch dank unserer Mitarbeiter des Waldservice Ortenau läuft die Maßnahme wie geplant, tendenziell sogar besser“, ergänzt Markus Gutmann. Das Ergebnis werden die Waldbesucherinnen und Waldbesucher in ein bis zwei Jahren (Forstexperten sprechen von Vegetationszeiten) entdecken können, schätzen sowohl Markus Gutmann als auch Johannes Schele. Spätestens dann zeige sich wieder eine artenreiche Waldrandstruktur, die darüber hinaus auch verkehrssicher ist. Der nächste tiefgreifende Pflegeschnitt erwartet den Leutesheimer Wald erst wieder in zehn Jahren. „Bis dahin haben wir in diesem Abschnitt Ruhe“, sagt Markus Gutmann.