Eisrettung
Feuerwehr übt Personenrettung aus gefrorenem Gewässer
Als Feuerwehrmann Jan Klotz das Eis im Altrhein aufsägt, zeigt sich schnell: Die Eisdecke ist etwa 20 Meter vom Ufer entfernt gerade mal zehn Zentimeter dick – und damit längst nicht stark genug, um Menschen zuverlässig zu tragen. Weil sich, wie die Abdrücke von großen und kleinen Schuhen auf der leicht schneebedeckten Eisfläche zeigen, aber dennoch Leichtsinnige aufs Eis begeben, ist der von Feuerwehrkommandant Viktor Liehr am Mittwoch (7. Januar) spontan angesetzte Termin umso wichtiger: Die Einsatzkräfte üben verschiedene Methoden der Eisrettung.
Das Entscheidende ist, erklärt der Leiter der Feuerwehrtaucher Hendrik Wandres, „dass ihr euch breit macht“. Feuerwehrleute, die einen Menschen aus einem Eisloch retten müssen, sollen sich also flach aufs Eis legen und sich an den Hilfesuchenden heranrobben – und keines Falls einfach aufrecht über die Eisfläche stiefeln. Den professionellen Rettern stehen dabei unterschiedliche Hilfsmittel zu Verfügung: Wie schwierig es jedoch ist, dem ins Eis Eingebrochenen eine in einem Beutel steckende Rettungsleine zuzuwerfen, zeigt sich gleich bei den ersten Versuchen. Landet das offene Täschchen auch nur einen Meter von der Person im Eisloch entfernt, hat sie keine Möglichkeit, die Leine zu greifen und sich ans sichere Ufer ziehen zu lassen.
Auch mit zwei Steckleitern begibt sich Jan Klotz auf den zugefrorenen Altrhein: Während er sich auf der einen auf dem Eis liegenden Leiter im Vierfüßlerstand nach vorne bewegt, zieht er die zweite mit, schiebt sie vor, steigt um und holt die erste Leiter nach. Am Eisloch angekommen, schiebt er seinem Feuerwehrkameraden Philipp Maier, der im Trockentauchanzug im Altrhein hängt, die Leiter schräg hinunter ins Loch. Ziel ist es, dass sich der zu Rettende festhält und sich vorsichtig über die Abbruchkante des Eises kippen und auf der Leiter an Land ziehen lässt. Komfortabler wird die Aktion für den Verunglückten, wenn ein Spineboard zum Einsatz kommt, ein Plastik-Board mit seitlichen Griffmulden, auf dem sich der Feuerwehrkollege zum Eisloch bewegt hat und das mit dem flachliegenden Verunglückten übers Eis gleitet. Als dritte Variante probiert Jan Klotz eine Schleifkorbtrage aus Metall aus.
In allen vier Fällen ist es entscheidend, dass der aus dem Eisloch Befreite flach liegend transportiert wird, erklärt Hendrik Wandres: Bei extremer Kälte konzentriert sich der Körper darauf, die Körpermitte mit den Organen warm zu halten, die Extremitäten kühlen stark aus. Bewegt sich der Unterkühlte, wenn er aus dem Wasser gezogen wird – oder wird zu sehr bewegt –, dann gelangt das kalte Blut aus Beinen und Armen in den Zentralkreislauf und zum Herz, das, damit überfordert, aufgibt. Am Abend wird die Übung in der Dunkelheit noch einmal wiederholt.
Tod im Altrhein
Nach dem Kinderumzug am Samstag, 29. Januar 2005, wagt sich der kleine Maik in seiner Piratenverkleidung auf den zugefrorenen Altrhein und bricht ein. Kemal Yildiz, der das Unglück mitbekommt, begibt sich in Hemd und Unterhose ins eiskalte Wasser und taucht nach dem Jungen. Nur wenige Minuten später sind die Feuerwehrmänner Karlheinz Fimeyer und Michael Marx in Überlebensanzügen für die Eisrettung im Wasser und voller Zuversicht, den Achtjährigen schnell zu finden. Seine Fußspuren im Schnee weisen ihnen den Weg zur Stelle, wo Maik eingebrochen ist.
Doch jede noch so kleine Bewegung wirbelt so viel Schlamm auf, dass sie nichts sehen können. Außer Schlick, Morast und Schlingpflanzen bekommen sie nichts zu fassen. Den Tauchern der DLRG und der Straßburger Feuerwehr, die kurz danach eintreffen, geht es genauso. Die Eltern des Achtjährigen werden am Ufer von Feuerwehrseelsorger Uli Henze betreut. Um 22 Uhr muss der damalige Feuerwehrkommandant Gerhard Stech Einsatz abbrechen, um die Rettungskräfte zu schützen. Maik ist zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Erst am Sonntagmorgen gelingt es, den Achtjährigen zu bergen.
Bis heute gehört dieser Einsatz zu den schwersten, den die Rettungskräfte – auch für sich persönlich – bewältigen mussten. Niemand kehrt an diesem Abend unverändert vom Altrhein zurück.
Eiseinbruchgefahr: Feuerwehr warnt davor, gefrorene Gewässer zu betreten
In den kalten Wintertagen haben sich die Stillgewässer in der Rheinstadt wie beispielsweise der Altrhein oder der Natursee in Goldscheuer in Eisflächen verwandelt. Das verleitet so manchen leichtsinnigen Passanten, sich auf das gefrorene Gewässer zu wagen. Immer wieder haben Mitarbeitende des städtischen Betriebshofs Spaziergängerinnen und Spaziergänger angetroffen, die sich zu einem Schritt aufs Eis hinreißen ließen. Allerdings rät der städtische Betriebshof dringend davon ab.
Besonders tückisch: Gerade in den flachen Uferbereichen ist das Eis sehr dick. Doch die gefrorene Wasseroberfläche ist nur vermeintlich trittfest. Werden Steine aufs Eis geworfen oder Feuerwerkskörper dort gezündet, können sich feine, mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Haarrisse bilden. Ein Tritt auf eine solche Stelle kann das Eis unter der Belastung aufbrechen lassen. Wer beispielsweise im Altrhein einbricht, sieht sich gleich mehreren Gefahren ausgesetzt: Der Grund des Altrheins ist sehr schlammig. Sinken Schuhe darin ein, sind sie nur noch mit viel Mühe und mitunter nicht mehr aus eigener Kraft aus dem Schlamm zu befreien. Hinzu kommt, dass sich die Kleidung mit dem klirrend kalten Wasser vollsaugt. „Wir raten dringend davon ab, auch nur einen Fuß aufs Eis zu setzen. Das ist brandgefährlich!“, warnt Frank Wagner. Diese Warnung spricht er nicht nur für den Altrhein, sondern für jedes Stillgewässer, jeden Baggersee und jeden Angelweiher in der Kernstadt und den Ortschaften aus. An Eltern in Kehl appelliert der stellvertretende Betriebshofleiter, darauf zu achten, dass ihre Kinder keine zugefrorenen Gewässer betreten und selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.
Die Feuerwehr erinnert noch einmal eindringlich an die Einhaltung folgender Eisregeln: Sobald betretenes Eis knistert oder knackt, muss es sofort verlassen werden. Droht man einzubrechen, legt man sich flach auf das Eis und bewegt sich langsam auf dem gleichen Weg zurück zum Ufer. Wenn eine Person ins Eis eingebrochen ist, gilt: laut um Hilfe rufen und sofort den Notruf 112 wählen – aber niemals ohne echten Notfall Alarm schlagen. Wer helfen kann, bleibt selbst in Sicherheit am Ufer und reicht von dort aus lange Gegenstände wie Äste. Gerettete sollten anschließend langsam mit Decken, trockener Kleidung und warmen Getränken wieder aufgewärmt werden.








