Maßnahmen zur Klimaanpassung
Naturnahe Außenbereiche: Wie Schulen und Kitas beiderseits des Rheins Klimaanpassung gestalten
Ein Tag voller Eindrücke und Gespräche prägte das deutsch-französische Treffen von Umwelt- und Kommunalvertreterinnen und -vertretern, die gemeinsam die Außenflächen dreier Straßburger Grundschulen und vier Kehler Kindergärten erkundeten und dabei sprichwörtlich einen Blick in Nachbars Garten warfen. Begleitet von Dr. Ann-Magret Amui-Vedel, stellvertretender Leiterin Umwelt, und der städtischen Klimaschutz- und Klimaanpassungsmanagerin. Christine Gerardin rückten innovative Gestaltungskonzepte in den Mittelpunkt, die Antworten auf den Klimawandel geben und zugleich Fragen von Gleichstellung und Pädagogik aufgreifen.
Während sich die Teilnehmenden aus Straßburg von den naturnah gestalteten Außenanlagen der Kehler Kitas beeindruckt zeigten, fanden die deutschen Vertreterinnen und Vertreter großen Gefallen an den Straßburger „Cours Oasis“-Schulen mit ihren entsiegelten und begrünten Schulhöfen. Bereits 2020 wurde in der Eurometropole Straßburg das Projekt „Cours Oasis“ ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, die Außenanlagen der Straßburger Schulen und Kindertagesstätten in naturnahe Orte zu verwandeln. Bis Ende 2026 sollen 65 Prozent der 113 Vor- und Grundschulen an diesem Umgestaltungsprozess beteiligt sein und so zur Schaffung grüner und umweltfreundlicher Räume beitragen, in denen sich Kinder wohlfühlen und optimal entwickeln können.
Ein Beispiel dafür ist die Grundschule Canardière mit 300 Schülerinnen und Schülern im Straßburger Stadtviertel Meinau. Die Schule hatte sich 2021 für das Programm beworben. Es folgte ein Prozess, in den sich Kinder, Lehrkräfte, Eltern und außerschulische Betreuerinnen und Betreuer mit ihren Ideen einbringen konnten, bevor sich die Schulgemeinschaft nach den Sommerferien 2023 über eine vollständig neu gestaltete Außenfläche freuen konnte: Auf den beiden jeweils rund 2000 Quadratmeter großen Schulhöfen wurden aufwendig gestaltete Grünflächen angelegt und Klettergeräte aus Holz, Bodenbeläge aus Holzhackschnitzeln, mehrere Sitzgelegenheiten und vielfältige Pflanzungen laden die Kinder seither zum naturnahen Spielen und Entdecken ein.
Mit den Schulhof-Umgestaltungen verfolgt die Stadt Straßburg ein dreifaches Ziel: Klimaanpassung, naturnahes Lernen sowie Gleichstellung und Partizipation werden hier miteinander verbunden. Denn durch die Reduzierung von Asphalt- und Betonflächen kann einerseits mehr Regenwasser versickern oder verdunsten, was zur Grundwasserneubildung beiträgt und das aufgeheizte Stadtklima in den Sommermonaten entlastet. Gleichzeitig wird auch das Umweltbewusstsein von Schülerinnen und Schülern spielerisch gestärkt, wenn hin und wieder der Klassenraum nach draußen ins Grün des Schulhofs verlegt wird oder wenn die Kinder gemeinsam ein Hochbeet pflegen.
Auch an anderer Stelle zeigen sich die positiven Effekte: Naturnah gestaltete Außenbereiche eröffnen mehr Möglichkeiten der Interaktion und Bewegung als klassische Schulhöfe, auf deren asphaltierten Flächen vor allem Ballspiele dominieren, meist von Jungen. Die „Schulhof-Oasen“ bieten hingegen unterschiedliche Bereiche zum Klettern, Bauen, Beobachten, Gärtnern und Ausruhen und werden von Mädchen und Jungen gleichermaßen genutzt. Es sei erstaunlich, wie sich das Pausenverhalten der Kinder verändert habe, freut sich etwa Gaylord Nardin, Direktor der Grundschule Gliesberg im Straßburger Viertel Montagne Verte, die seit September 2025 über einen neuen Außenbereich verfügt. Seit der Umgestaltung seien auch kleinere Unfälle sowie aggressives und zerstörerisches Verhalten zurückgegangen.
Dass eine naturnahe Betreuung der Kleinsten und ein hoher Sicherheitsstandard kein Widerspruch sein müssen, konnte die deutsch-französische Gruppe in den Kindergärten von Odelshofen, Kork und Sundheim sowie in der Naturkita Sundheim erleben. Teils großzügige Grünflächen mit vielfältigen Lern- und Erfahrungsräumen stärken dort das Selbstvertrauen der Kinder und leisten zugleich einen wichtigen Beitrag zum Klima- und Hitzeschutz. Besonders beeindruckt zeigten sich die französischen Vertreterinnen und Vertreter vom Konzept der Naturkita Sundheim, in der sich das Kita Leben ganzjährig überwiegend im Freien abspielt. Auf vorgefertigtes Spielmaterial wird weitgehend verzichtet, die Natur selbst soll vielmehr zum Entdecken, Bewegen und kreativen Gestalten anregen.
Großes Interesse weckte zudem das pädagogische Konzept der sogenannten Offenen Arbeit, das in den Kehler Einrichtungen umgesetzt wird. Wie Michaela Könner, städtische Fachkoordinatorin für Erziehung und Bildung, erläuterte, wird dabei weitgehend auf feste Gruppenstrukturen verzichtet. Ziel ist es, möglichst nah an den Bedürfnissen der Kinder zu sein: Sie wählen ihre Spielumgebung selbst und entscheiden auch draußen eigenständig, womit sie sich beschäftigen möchten. Das ist ein deutlicher Kontrast zur klassischen französischen Vorschule, in der Drei bis Sechsjährige in nach Alter getrennten Klassen einem stark strukturierten Tagesprogramm folgen.
Entsiegelte und begrünte Schulhöfe hier, naturnahe Kita-Erlebnisräume dort: Auf beiden Seiten des Rheins entstehen Außenräume, die sowohl den Folgen des Klimawandels begegnen als auch den Bedürfnissen von Kindern gerecht werden. „Naturnahe Schulhöfe verbinden ökologische Ziele mit pädagogischen Konzepten und entfalten zugleich soziale Wirkung. Das ist ein großer Gewinn für Kinder und Kommunen“, fasste Ann-Margret Amui-Vedel, stellvertretende Leiterin Umwelt, die Erkenntnisse des Tages zusammen. Auch die städtische Klimaschutz- und Klimaanpassungsmanagerin. Christine Gerardin hob die Bedeutung des grenzüberschreitenden Austauschs hervor: „Ein solcher Dialog inspiriert und zeigt, wie vielfältig und kreativ Klimaanpassung im Bildungsbereich umgesetzt werden kann.“

